Norwegen und Russland (Archivversion)

13000 Kilometer

Sicherlich hätte man in ein paar Tagen auch direkt von Innsbruck nach Moskau fahren können. Doch wer drei Monate Zeit hat, nimmt lieber die Strecke übers Nordkap unter die Räder

Weit und breit keine Menschenseele. Seit Stunden fahre ich durch eine atemberaubend schöne Berg- und Seenlandschaft, dazu bläst mir ein eisiger Wind durch das offene Visier um die Nase. Genau so habe ich mir Norwegen immer vorgestellt.Kurz darauf steht mein Zelt. Wildes Campen? In diesem Teil der Welt kein Problem. Benzinkocher raus, Nudeln ins Wasser und dann schnell in den wärmenden Schlafsack meiner Ein-Mann-Luxus-Suite mit Seeblick und Sternenhimmel. Stundenlang liege ich wach, genieße den Ausblick, die Einsamkeit, diese unglaubliche Stille um ich herum, spüre förmlich, wie sich langsam auf dem Zelt eine dünne Eisschicht bildet. 1000 Kilometer nördlich des Polarkreises sind die Nächte Mitte September bereits erfrischend kalt. Manchen scheint es ungewöhlich, in dieser Jahreszeit eine solche Tour zu starten, für mich ist der Herbst jedoch die schönste Reisezeit.Seit sechs Wochen bin ich unterwegs. Über Innsbruck, Oslo und Bergen vorbei an den Gletschern des Jotunheimen-Nationalparks, zum Geirangerfjord, dann weiter nach Trondheim. Im Saltfjell-Nationalpark sattelte ich schließlich vom Motorrad auf Bergschuhe um, marschierte mit Zelt und Rucksack fünf Tage lang durch eine rot-orange glühende Landschaft.Dann die Lofoten. Schon lange auf meinem Wunschzettel. Auf dem Weg dorthin veränderte sich das Land, wurde karger, bis die Bäume fast gänzlich Gestrüpp gewichen sind. Die Wärme hatte sich schon lange aus meinen Fingern verabschiedet. Ich hockte wie ein Eiszapfen auf meinem Motorrad, den Hintern festgefroren auf der Sitzbank. Zumindest fühlte es sich so an. Manchmal hüpfte ich in voller Montur mit den Arme schlagend am Straßenrand wild umher, um nicht zur Eissäule zu erstarren.Gott sei Dank fuhren nicht viele Leute vorbei...Am Wunschziel angekommen. Und mein Zeitplan – in Gefahr. Statt drei Tagen blieb ich zwei Wochen, und beinahe wäre es noch länger geworden.Schuld daran hatte diese kleine Jugendherberge in Stamsund. Ein Glücksgriff, wie sich herausgestellt hatte. Tolle Leute und eine tolle Atmosphäre. Aber schließlich musste ich mich nun wirklich auf den Weg zum Nordkap machen, bevor endgültig der Winter hereinbricht. Vielleicht klappt ja auch ein kühner Plan: anstatt durch Finnland könnte ich doch durch Russland zurückreisen. Das dafür erforderliche Visum habe ich gerade per Fax von den Lofoten aus bei einem Reisebüro in Kirkenes, das nahe der russischen Grenze liegt, angefordert. Vielleicht habe ich ja Glück.Das Wetter verschlechtert sich. Je weiter ich gen Norden gelange, desto heftiger sind die Vorboten des Winters zu spüren. Um den Weg zum Kap ein wenig abzukürzen, entscheide ich mich, das Postschiff von Hammerfest nach Honningsvag zu nehmen. Damit spare ich nicht nur Zeit, sondern auch die sündhaft teure Maut durch den Nordkaptunnel, der die Felsnase im Eismeer mit dem Festland verbindet.In Honningsvag angekommen, spielt das Wetter vollkommen verrückt. Aber jetzt sind es nur noch wenige Kilometer bis zum Kap. Jacke zu, Helm auf und los. Der Wind bläst inzwischen so stark, dass schon bei Geradeausfahrt die Fußrasten fast auf dem Asphalt streifen und meine arme Suzuki beim Parken mehrfach vom Ständer geweht wird.Ich habe sogar Mühe, die letzten Meter zu Fuß bei diesem Sturm bis zum Nordkap-Globus zurückzulegen; sogar Steine werden in die Luft gewirbelt. Schließlich stehe ich am nördlichsten Punkt Europas, am 71. Breitengrad. Trotz des Sauwetters ein irres Gefühl. Noch dazu völlig allein. Der riesige Parkplatz am Besucherzentrum lässt ahnen, wie es hier im Sommer zugehen muss.Mit einem mulmigen Gefühl kurve ich auf einer vor Einsamkeit fast schon unheimlich wirkenden Straße weiter nach Kirkenes, ganz am nordöstlichsten Zipfel von Norwegen gelegen. Meine Gedanken kreisen um das Visum – das man mir tatsächlich ausstellt. Zwei Wochen habe ich nun Zeit, durch Russland zu reisen. Ich kann mein Glück kaum fassen.Schnell besorge ich mir im Ort noch einen Benzinkanister. 450 Kilometer sollten ohne Versorgung möglich sein. Sogar eine halbwegs brauchbare Karte treibe ich noch auf. Einen Reiseführer inklusive eines kleinen Sprachführers hatte ich für alle Fälle im Gepäck. Trotzdem habe ich ein maues Gefühl in der Magengegend, als ich mich dem Grenzübergang Storskog nähere. Doch die Formalitäten sind in zwei Stunden erledigt, dann nehme ich die miserable Straße nach Murmansk unter die Räder. An die häufigen Kontrollen durch das Militär werde ich mich gewöhnen müssen.Tags darauf erreiche ich Murmansk, fahre durch heruntergekommene Vororte, gelange auf die Hauptstraße, die »Prospect Lenina, die mich direkt ins Zentrum bringt. Meine Suzuki verschwindet auf einem gut bewachten Parkplatz, und ich sehe mich in der Stadt am Eismeer um. Doch das graue Murmansk bietet nicht allzu viel. Schon nach zwei Tagen zieht es mich weiter in Richtung Süden, ins 1500 Kilometer entfernte St. Petersburg. Auf der belebten Landstraße muss ich die schwer beladene 650er teilweise ziemlich quälen, um die zahlreichen Trucks zu überholen, deren Zustand jeder Beschreibung spottet. Mehr als einmal rasen diverse Audi oder Mercedes an mir vorbei. Alle ohne Nummernschild. Was mich daran erinnert, mein Motorrad keine fünf Minuten unbeaufsichtigt zu lassen.Schon bald bin ich froh um den Ersatzkanister mit Benzin, da die Spritqualität an den Tankstellen kaum abzuschäzen ist. Manchmal gibt es nur 75 Oktan-Brühe, die ich dem armen Single möglichst ersparen will. Dann brauche ich selbst Nahrung und halte, hungrig wie ein Wolf, vor einem Restaurant. Doch Fehlanzeige. Geschlossen. Ein Mann spricht mich an, lädt mich per Zeichensprache zum Tee ein. Ich folge ihm bis zu seinem »Haus« – einem ausrangierten, schwimmenden Kran. Das einzige »Zimmer« darin erhellt nur durch zwei winzige Bullaugen.Der Russe scheint mir anzusehen, dass ich ziemlich hungrig bin, denn kurz darauf serviert er mir einen großen Teller Borschtsch – die traditionelle russische Kohlsuppe mit Fleisch. Dazu Wodka. Nicht aus Schnaps-, sondern aus Wassergläsern. Meine Argumente, dass ich keinen Alkohol trinken könne, weil ich noch eine weite Strecke zu fahren hätte, beeindruckt ihn nicht weiter. Er besteht darauf, mit mr anzustoßen. Kaum ausgetrunken, füllt er mein Glas auch schon wieder bis zum Rand. Widerstand zwecklos. Wir können uns zwar nicht unterhalten, aber nach zwei großen Wodkas versteht man sich trotzdem irgendwie. Ein Glas später steige ich trotz des schummrigen Gefühls im Kopf wieder aufs Motorrad. Der Fahrtwind tut gut.Durch diese Pause und den nachfolgenden Regen enorm aufgehalten, ist es bereits tiefste Nacht, als ich ziemlich erschöpft in Petrozavodsk ankomme. Nach drei Gläsern Wodka, rund 700 Kilometern und elf Stunden im Sattel.Ich gönne mir einen Ruhetag, unternehme einen Ausflug auf die Khizi-Museumsinsel, um die berühmten, einige hundert Jahre alten Holzkirchen und Bauernhäuser zu besichtigen. Auf der Fahrt mit dem Tragflügelboot lerne ich Jakuv aus Moskau kennen, der mich nach ein paar gemeinsamen Gläsern Wodka – ein echter Russe hat anscheind immer eine Flasche dabei – zu sich einlädt, wenn ich irgendwann mal nach Moskau käme. Kein schlechter Gedanke.Kein Kater der Welt kann mich am nächsten Morgen von der Weiterfahrt abhalten, die Sehnsucht, endlich nach St. Petersburg zu kommen, ist zu stark. Nur ein paar Stunden später wühle ich mich bereits durch den Verkehr der alten Zarenstadt, gelange, vorbei am Winterpalast, über die Prachtstraße »Nevsky Prospect« direkt ins Zentrum. Dort befindet sich auch eine Jugendherberge, wo sogar mein Motorrad im Gang ein Plätzchen findet.Nachdem Gepäck und Maschine verstaut sind, spaziere ich durch diese fantastische Stadt. In St. Petersburg zeigt sich Russland von einer völlig anderen, mir bis dahin unbekannten Seite. Zumindest im Zentrum herrscht üppige Pracht, und man scheint stolz auf das Attribut der »westlichsten Stadt Russlands«. Sündhaft teure Boutiquen, edle Juweliere, feine Restaurants und exklusive Hotels samt entsprechenden Nobelkarossen säumen die Nevsky Prospect. Weitaus weniger weltoffen zeigen sich leider die Behörden. Aus irgendwelchen Gründen wird mein Visum nicht verlängert. Eine Auskunft, für die ich einen ganzen Tag lang von Büro zu Büro hetze.Weil nun die leider Zeit drängt, breche ich zu einer weiteren Marathon-Etappe nach Moskau auf. Als ich spät nachts ankomme, wage ich es wirklich, bei Jakuv anzurufen. Er freut sich riesig und nimmt mich sofort bei sich auf. Die russische Gastfreundschaft ist außergewöhnlich und unaufdringlich zugleich. Natürlich lässt es sich Jakuv tags darauf nicht nehmen, mir »seine« Stadt zu zeigen. Ich bin mehr als froh über diese Begleitung und wir klappern alles ab: den Roten Platz, das Lenin-Mausoleum, die wunderschöne St.-Basil-Kathedrale, den Kreml. Ein irres Gefühl, hier zu sein. Später zeigt mir Jakuv das riesige GUM-Kaufhaus, früher Sinnbild für leere Regale und lange Warteschlangen, jetzt ein Einkaufszentrum der Superlative. Ich könnte heulen beim Gedanken an das morgen ablaufende Visum. Aber mir bleibt keine Wahl, als gleich wieder aufzubrechen und in einer weiteren Gewaltetappe die rund 700 Kilometer lange Strecke von Moskau bis zur lettischen Grenze abzureissen. Fast in letzter Minute passiere ich die Grenze, schlage ein wenig erleichtert mein Zelt auf lettischem Boden auf.Über Riga gelange ich schließlich in die litauische Hauptstadt Vilnius. Trotz meiner leidlichen Erfahrungen mit dem russischen Visum bemühe ich mich hier für eine Erlaubnis, um durch Weißrussland fahren zu können. Die Prozedur dauert letztendlich eine Woche, aber ich erhalte zumindest das Visum. An den recht zähen Grenzformalitäten merke ich, dass die Mühlen in Weißrussland etwas langsamer mahlen. Die Kontrolle zieht sich über mehrere Stunden. Zudem habe ich Probleme mit den in russisch abgefassten Formularen, was den Beamten aber völlig egal ist. Schließlich schreibe ich den Kram zum Teil einfach vom Blatt eines anderen Reisenden ab. Die dann folgende Tour durch unzählige Büros, um weitere diverse Stempel zu erhalten, gleicht einer Schnitzeljagd.Am nächsten Nachmittag erreiche ich Minsk. Es ist nicht leicht, ein bezahlbares Hotel auzutreiben, aber endlich finde ich etwas außerhalb des Zentrums ein Zimmer für 17 US-Dollar, das ich mir allerdings mit einem russischen Mitbewohner teilen muss. Doch wir freunden uns schnell an. Nicht zuletzt dank des Wodkas, den ich mittlerweile ebenfalls immer dabei habe.Außer etlichen Lenin-Statuen und einigen sowjetischen Prunkbauten gibt es in Minsk nicht viel zu sehen. Doch schon allein die skurrile Mischung aus postkommunistischem und westlich-modernen Elementen lohnt diesen Besuch. McDonalds ist nicht zu übersehen, und Boutiquen mit westlicher Mode, allen voran Levis und Nike, dominieren das Zentrum. Dagegen haben sich viele Geschäfte, in denen sicherlich die Mehrheit der Minsker einkauft, seit der Kommunismus-Ära kaum verändert, machen einen armseligen Eindruck. Hier gibt es allenfalls nur das Nötigste zu kaufen.Langsam zieht es mich zurück nach Hause. Zumindest will ich vor dem Wintereinbruch wieder in den heimatlichen Bergen sein. Hoffentlich hält die Suzuki durch. Denn inzwischen gibt der Motor fürchterliche Geräusche von sich. Die Ausgleichswelle rattert und rumpelt, Warschau, Prag, Innsbruck, doch die Suzuki packt es. Nach 13000 Kilometern und drei Monaten sind wir am 1. November wieder zu Hause.
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Infos (Archivversion)

Nordeuropa vom Feinsten – anders ist eine Reise zum Nordkap und dann via Murmansk und Moskau wohl kaum zu beschreiben. Zumal man sich als Motorradfahrer im Norden Russlands fast noch als Pionier fühlen darf.
AnreiseNach Norwegen gelangt man mit unterschiedlichen Fährunternehmen (FDS, Color Line, Stena Line, Fjord Line), die die Strecke von Kiel, Friedrichshafen, Hirtshals und Amsterdam nach Oslo und zu einigen anderen Destinationen in Südnorwegen (Egersund, Kristiansand, Stavanger, Bergen) bestreiten. Die kürzeste und günstigste Überfahrt ist jene von Hirtshals nach Kristiansand, die in der günstigsten Variante einfach für eine Person und ein Motorrad ab 26 Euro kostet. Weitere Infos: Color Line, Telefon 0431/7300300; www.color-line.de. Eine Übersicht über Europas Fähren ist in der MOTORRAD-Ausgabe 10/2001 oder im Internet uner www.ocean24.de zu finden.Reisezeit Im Norden Europas sowie in Russland reist es sich zwischen Mai und September am besten. Juli und August sind die wärmsten und regenärmsten Monate, dafür trifft man in dieser Zeit – zumindest in Norwegen – die meisten Touristen. Das Nordkap ist besonders zu Zeiten der Mitternachtssonne (Mitte Mai bis Ende Juli) beliebtes Reiseziel.DokumenteIn Norwegen reicht der Personalausweis, während für Russland ein Touristenvisum erforderlich ist, das nur dann für maximal einen Monat ausgestellt wird, wenn entweder ein Unterkunftsnachweis (auch private Einladung) oder ein Beleg über gebuchte Hotels vorliegt. Hilfe bei der Visabeschaffung bietet beispielsweise der Berliner Reiseveranstalter Lernidee Erlebnisreisen, Telefon 030/786000, www.lernidee.de. UnterkunftIn Norwegen kein Problem. Campingplätze, Jugendherbergen (Vandrerhjem) und einfache Hütten (Hytter) sind überall zu finden. Außerdem gestattet das so genannte Jedermannsrecht, sofern man sich ordnungsgemäß verhält, wildes Campen für eine Nacht nahezu überall. In Russland ist das Campen schwieriger, dafür finden sich selbst in abgelegenen Regionen ausreichend Unterkünfte. Sie sind sehr günstig – und oft sehr einfach gehalten. In Moskau, St. Petersburg und Minsk entsprechen die Hotels westlichem Standard und Preisen.TankenNorwegen verfügt über ein dichtes Tankstellennetz, allerdings kostet der Liter Benzin etwa 1,40 Euro. In Russland sind Tankstellen zumindest entlang den Hauptverbindungsstraßen dicht gesät, und fast alle verfügen über Superbenzin (95 Oktan). Je weiter man in beiden Ländern in den Norden kommt, desto größer werden allerdings die Abstände zwischen den Zapfsäulen. Gelegentlich kann es aber vorkommen, dass Sprit knapp wird.FinanzenWichtigstes Zahlungsmittel neben dem Rubel ist in Russland der US-Dollar. Geldautomaten gibt es in jeder größeren Stadt, von manchen können auch US Dollars abgehoben werden. Kreditkarten sind in größeren Städten ebenfalls ein gängiges Zahlungsmittel. Traveller-Cheques sollte man allenfalls nur als Reserve mit sich führen, da das Umtauschen sehr langwierig und der Kurs schlecht ist.LiteraturÜber Norwegen sind beinahe unendlich viele Reiseführer erschienen. Eine gute Wahl ist der Apa-Guide »Norwegen« für 19,95 Euro. Das gleichnamige GEO Special informiert in bekannt guter Qualität über dieses Land, Preis: 6,65 Euro.Wer eine Reise durch Russland plant, sollte sich unbedingt die entsprechende Ausgabe von Lonely Planet anschauen. Das Buch liefert zuverlässige Informationen über fast jeden Winkel des Landes. 29,80 Euro.Die Skandinavien-Karte aus dem Hause Michelin ist trotz des großen Maßstabs von 1:1,5 Mio eine gute Wahl, wenn man durch das ganze Land bis zum Nordkap reisen möchte. Für Russland empfiehlt sich die »GUS«-Karte von Marco Polo im Maßstab von 1:2 Mio. Zeitaufwand: drei MonateStreckenlänge: zirka 13000 Kilometer

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