Österreich (Archivversion)

GEISTERSTUNDE

Steiermark und Burgenland locken mit kurvenreichen Sträßchen und sagenumwobenen Schlössern. Und mancher Neuzeit-Ritter hat auch schon mal Begegnungen der unheimlichen Art.

Ein großer Schatten huscht vor dem Vorderrad über den Asphalt. Was war das? Ich gehe vom Gas, um mich umzuschauen, kann aber nichts erkennen. Eine Halluzination? So lange sitze ich nun auch wieder nicht auf dem Motorrad. Dann sehe ich im Rückspiegel einen großen, grauen Vogel, der mir im Sturzflug folgt. Instinktiv ziehe ich den Kopf ein – da rauscht das Tier auch schon über mich hinweg. Gekonnt pendelt er seinen unförmigen Körper in der Flugbahn aus und zieht mit einem kräftigen Schlag seiner Schwingen wieder nach oben. Ein Geier! Wie der Himmel, wie der hierher. Elegant nutzt er jedenfalls die Thermik, dreht nach rechts ab, um den nächsten Anflug einzuleiten. Ich mobilisiere ein paar Pferdestärken aus dem Boxer und bringe mich und das Stahlross aus der Gefahrenzone. Tatsächlich. Irritiert fliegt das häßliche Vieh von dannen, nimmt Kurs auf die nahe Riegersburg, die auch mein Ziel ist. Im kleinen Gang lasse ich die BMW weiterschnurren und erhole mich von dem Schreck.Die gewaltige Riegersburg, Sitz der Familie Liechtenstein seit fast 900 Jahren, erhebt sich auf den Resten eines ehemaligen Vulkankegels. Ein Bollwerk aus Stein, Überbleibsel der Geschichte, die nicht immmer so harmonisch war wie die Landschaft hier. Die Häuser der mittelalterlichen Stadt schmiegen sich wie Schutz suchend an die Burg. Als ich mein Motorrad durch den alten Ortskern dirigiere, beginne ich zu fantasieren, wie das Leben hier wohl im düsteren Mittelalter gewesen sein mag. Nachts mussten rußige Funzeln ausreichen, um die Stuben zu erhellen, das Wasser mühsam aus den Brunnen herangeschafft werden. Und glücklich, wer ein Pferd besaß, denn die Fortbewegung war zeitraubend und anstrengend.Die Auffahrt zur Riegersburg ist von wuchtigen Wehrmauern abgeschirmt. Die restlichen Höhenmeter zur Burg muss ich zu Fuß überwinden. Auf den groben Wackersteinen ist jeder Schritt beschwerlich, die wärmende Sonne treibt mir den Schweiß auf die Stirn. Zum Glück trage ich nur Textilkluft und keine Ritterrüstung, denn die wäre mit Sicherheit nicht atmungsaktiv und rostfrei. Drei Kilometer Mauern, elf Bastionen und sieben Tore – das sind nur einige Eckdaten des fürstlichen Bollwerks. Ich brauche Zeit, um die eindrucksvoll in Szene gesetzte Geschichte der Adelsfamilie zu begutachten. Prachtvolle Räume mit aufwendig gearbeiteten Holzdecken und kunstvollen Fresken zeugen von der säkularen Macht der Burgeigentümer - und die Hexagramme in einem der Räume vom herrschenden Aberglauben. Die Blutschüsseln zum Aderlassen von Tieropfern und andere gruselige Utensilien sorgen für Gänsehaut.Ich erklimme einen der Wehrtürme und lasse die Gegend auf mich wirken. Zwischen den sanften Hügeln der Obersteiermark winden sich graue Asphaltbänder durch die grüne Landschaft. Wie geschaffen fürs Motorradfahren. Während ich schon meine weitere Route plane, entdecke ich ihn wieder, den riesigen Vogel. Majestätisch zieht er seine Kreise über der Burg. Das Rätsel um den ungewöhnlichen Geier lüftet sich am Fuße der Festung. »Mucki« ist der Star der Greifvogelschau Riegersburg und korrekt gesagt ein Gänsegeier. »Wenn dia Thermik net optimal stimmt«, erklärt mir der Vogelwart, »dann kann`s scho mol passiern, dös der Mucki au im Gasthaus Fink landet und siach übers Essn der Herrschaftn hermacht.« Oder Motorradler attackiert... Auf grob geteerten Sträßchen lasse ich die Riegersburg endgültig hinter mir. Wie zufällig hingeworfene Bänder schlängeln sie sich durch die letzten Ausläufer der Ostalpen. Ich ertappe mich dabei, mit meiner BMW-Roadster die Schräglagen voll auszukosten. Nur der gelegentliche Blick auf die Landkarte verhindert, dass ich mich völlig im Rausch der Kurven verliere. Schließlich habe ich mir noch andere Schlösser und Burgen auf den Routenplaner geschrieben. Bei der Ortschaft Burgau überquere ich das Flüsschen Lafnitz, verlasse die Steiermark, um das Burgenland zu erkunden. Mit dem Bundesland ändert sich auch die Landschaft. Es gibt nichts mehr zu umrunden, die Radien der Kurven werden länger und länger, bis die Straßen schließlich fast nur noch geradeaus führen. Hoch gewachsene Weizen- und Rapsfelder weisen nun den Weg. Ich vermisse die Geranien als Farbtupfer vor den Fenstern der steirischen Häuser, im Burgenland herrscht Grau als Einheitsfarbe vor.Hier am südöstlichsten Zipfel Österreichs fängt bereits die pannonische Tiefebene an. Ungarn ist nur wenige Kilometer entfernt. Das Flachland mag seine eigenen Reize haben, zum Motorradfahren lädt es nicht gerade ein. Zudem trocknet die Mittagshitze die Kehle aus. Auch die BMW bollert lustlos vor sich hin. Und so nehme ich wieder Kurs in Richtung Nordosten, rolle durch Dörfer, deren Namen ich längst vergessen habe und stelle mir vor, wie beschwerlich solch eine Reise im Mittelalter war. Im Schneckentempo rumpelten Ochsenkarren über miserable Wege, von jedem Schlagloch schier zum Stehen gebracht. Eine Plage für Mensch und Tier. Als ich das Tor von Burg Lockenhaus passiere, bin ich froh über das Motorrad.Die Ritterburg Lockenhaus, nur einen Katzensprung von der ungarischen Grenze entfernt, sitzt auf einem vorgelagerten Hügel des Günser Gebirges. Umgeben von dichtem Wald, wirkt sie unheimlich und unnahbar. Sie ist nicht nur die älteste Burg des Burgenlands, sondern auch eine der bedeutendsten Österreichs. Errichtet wurde der Wehrbau um das Jahr 1200, 1241 erschien sein Name das erste Mal in der Geschichtsschreibung. Heute beherbergt Lockenhaus auch ein Burghotel, was mich spontan dazu bewegt, eine Nacht hinter den dicken Mauern zu verbringen. Doch vorher gehe ich noch auf Entdeckungstour durch das Labyrinth der Anlage. Im sogenannten Kultraum stoße ich wieder auf das mystische Hexagramm und lese nach, dass dies ein geheimer Treffpunkt der Tempelritter war. Ein geistlicher Orden, dessen Riten bis heute Rätsel aufgeben. In der Folterkammer finde ich Marterinstrumente und dazu ausführlich beschriebene Quälanweisungen für die Peiniger. Mich fröstelt ein wenig. Aber das liegt bestimmt nur am kalten Mauerwerk. Denn moderne Ritter wie ich sind furchtlos. Da kann einen auch nicht die Sage um Johann Banus von Slawonien in Angst und Schrecken versetzen, der bis zum Ersten Weltkrieg sein Unwesen in den Gemäuern getrieben haben soll. In der Nacht wache ich ein paar Mal auf. Ist nur der Wind, der an den Fenstern rüttelt. Und so ein alter Holzfußboden knarzt eben - beruhige ich mich. Komisch nur, dass auf den Bildern, die die Fotografin nachts vor dem Schloß gemacht hat, seltsame Lichtspuren zu sehen sind...Am nächsten Morgen lacht die Sonne, ein herrlicher Tag zum Motorradfahren kündigt sich an. Schnell sind Ross und Reiter gesattelt. Über Pilgersdorf erreiche ich nach wenigen Kilometern die »Bucklige Welt«, die ihrem Namen voll gerecht wird. Morgennebel lässt die Hügel wie Inseln im Meer erscheinen. Doch die Sonne gewinnt merklich an Stärke und löst den Dunst auf. Nur der im Licht glitzernde Morgentau auf den Wiesen erinnert noch an die Feuchte der Nacht. Irgendwo entdecke ich einen großen Bildstock am Wegesrand. Datiert im 16. Jahrhundert, gewidmet den Menschen, die damals von der Pest dahingerafft wurden. Was heute mit Antibiotika relativ problemlos in den Griff zu bekommen ist, hat im Mittelalter ganze Landstriche leergefegt.In Aspang-Markt gönne ich mir einen großen Braunen mit einem Schlag Obers – österreichisch für Sahne – dazu einen hausgemachten Apfelstrudel. Und meinem treuen Ross eine Füllung Super bleifrei, die es gluckernd schluckt. Schon der Blick auf die Generalkarte verheißt Gutes: Grün umrandet und gewunden verspricht die Strecke nach Kirchberg am Wechsel nicht nur Kurven satt, sondern auch eine reizvolle Landschaft. Hier schlängelt sich die Straße so eng verwoben über das Dach der »Buckligen Welt«, wie sich die Sagen um die Schlösser ranken. Gemütliche Bauernhäuser, zufrieden grasende Kühe, saftige Wiesen - die Tachonadel wandert nicht über die 60-km/h-Marke. Eine Bilderbuch-Idylle.In Kranichberg entschließe ich mich, wieder gen Osten abzudrehen. Ich möchte zur Burgruine Landsee, die ich von Aspang-Markt auch direkter hätte anfahren können – aber wo Kurven locken, ist kein Umweg zu weit. Die ehemalige Burg Landsee erreiche ich zur Mittagszeit. Gäbe es kein Hinweisschild, ich wäre glatt vorbeigerauscht, denn die alte Festung verbirgt sich hinter dichten Bäumen. An vielen Stellen sind die Mauerreste überwuchert, nur der Hauptturm steht noch, ansonsten halb verfallene Torbögen, Mauerdurchbrüche, die ins Dunkel der Gewölbe führen. Eine unheimliche Stimmung – trotz Tageslicht. Seit 1722, als ein verheerender Brand die Festung zerstörte, überlässt man Landsee dem Zahn der Zeit. Und der nagt kräftig daran. Doch die einstige Größe der Anlage beeindruckt noch immer.Für den Abschluss meiner Schlösser- und Burgentour habe ich mir etwas Besonderes aufgehoben: das Schlosshotel Burg Bernstein. Es dämmert bereits, als ich ankomme. Das Hauptgebäude versteckt sich hinter einer dicken, wenig einladenden Mauer, die das gesamte Anwesen umschließt. Hier und da wächst Efeu, der »Schlossgarten« zwischen Außenmauer und Hauptgebäude wuchert vor sich hin. Bernstein gehört beileibe nicht zu den Gemäuern, die den Besucher mit plumpem Prunk erwarten. Es besitzt eher einen dezenten Charme, der erst sichtbar wird, wenn man den Innenhof betritt. Mit dem Schmäh, wie ihn nur ein echter Österreicher besitzt, erklärt der Eigentümer, dass der verwilderte »Schlossgarten« die Tagestouristen meist abhalte. Man setze auf Klasse statt auf Masse. Dann werde ich durch das Labyrinth der Gänge zu meinem Zimmer geführt. Jeder Raum im Schloss habe Nummern, erklärt der Schlossherr mit einem seltsamen Grinsen um die Mundwinkel. Die Türen ohne Ziffern dürfe man keinesfalls öffnen. Auf dem Klinkerboden hallt jeder Schritt unter der Last der schweren Motorradstiefel. An den Wänden hängen Gemälde, die Ahnengalerie des Schlossherrn. Und irgendwie habe ich das Gefühl, einige Augenpaare verfolgen meinen Gang. Aber wahrscheinlich bin ich nur müde vom langen Fahren heute. Wie es sich in einem richtigen Schloss gehört, nehme ich den Schlaftrunk im prachtvoll eingerichteten Kaminzimmer und schmökere noch ein wenig in der Chronik des Hauses, die ich als Lektüre bekommen habe. Es riecht angenehm nach verbranntem Birkenholz. Vor mir ein Glas Rotwein. Just als die Standuhr Mitternacht schlägt, komme ich zu dem Kapitel mit den »flüchtigen Untermietern« der Burg. Da ist von einem »Roten Ritter« die Rede, der – von seiner Gemahlin betrogen – noch heute nach Rache sinnt und im Laufe der Jahrhunderte immer wieder mit lautem Hohngelächter auftaucht. Vor Eifersucht rasend, soll er sich schon mal an Unschuldigen vergriffen und sie irgendwo im Schloss eingemauert haben. War da nicht eben ein Geräusch? Ich beschließe, mich in mein Zimmer zurückzuziehen.Der lange Gang ist nur vom Mondlicht erhellt, die Zimmernummern sind gerade noch erkennbar. Gleich müsste ich mein Nachtquartier erreichen. Doch eine der Türen, an denen ich vorbeikomme, hat keine Nummer. Furchtlos wie moderne Ritter sind, öffne ich sie - und erstarre vor Schreck: Ein Skelett grinst mich an. Ich nehme die Beine in die Hand und verschwinde in meinem Zimmer.Am nächsten Morgen ist der Spuk verflogen. Der Schlossherr tut so, als wisse er von nichts. Er kennt aber seine Gäste, denn wenige können es lassen, einen Blick hinter die verbotenen Türen zu werfen. Sein Plastik-Skelett hat noch immer Wirkung gezeigt.Als ich den Boxer starte und langsam über den knirschenden Kiesweg zum Tor rolle, lasse ich nichts zurück als ein paar Reifenabdrücke auf den Nebenwegen. Die sagenhaften Geschichten und überraschenden Erlebnisse um die Schlösser aber nehme ich mit.
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