Sahara per Guzzi (Archivversion)

Der Wilde

Vorbereitung ist alles, wenn man mit einer Guzzi V 65 TT die Sahara durchqueren will. Der Engländer Shaun Murkett nahm sich das Bike ordenlich zur Brust - und genoß zwölf pannenfreie Monate in Afrika.

Nichts ist so alt wie der Plan von gestern: Eigentlich wollte Shaun Murkett per Motorrad nach Indien fahren. Eigentlich. Doch als der Elektronikfachmann aus Blackhurst in England während einer Tournee von Peter Gabriel per Zufall dessen afrikanischen Bassisten Jimmy Mbaye kennenlernte, legte er sein Ziel neu fest: Er wollte den Musiker in seiner Heimat im Senegal besuchen. Eine Enduro mußte es für diesen Trip schon sein. »Da ich stets Moto Guzzi gefahren bin, kam nur die V 65 TT in Frage.« Die einzige Enduro, die Guzzi je gebaut hat, von der gewaltigen Quota einmal abgesehen. Irgendwann Mitte der 80er Jahre war das seltene Stück vom Band gerollt. »Sie war leicht, für eine Enduro noch relativ niedrig und hatte einen stabilen Rahmen sowie eine prima Marzocchi-Gabel.« So weit, so gut. Aber schon die erste Urlaubs-Probefahrt nach Kreta zeigte, daß an der Off Road-Italienerin einiges verbesserungsbedürftig war: Allein die Sitzbank mußte der komfortliebende Engländer siebenmal neu polstern, bis er mit dem Ergebnis zufrieden war. Auch sonst blieb wenig beim alten: Der Originaltank wich einem 50-Liter-Faß von Acerbis, die beiden Dellorto-Vergaser bekamen K & N-Filter verpaßt und die Räder eine Bremsanlage der Ducati Pantah. Das 18zöllige Hinterrad ließ der kurzbeinige Globetrotter auf 17 Zoll umspeichen. Um niederoktaniges Benzin tanken zu können, wurde mittels dickerer Kopfdichtungen die Verdichtung verringert. Ein Kumpel entwarf noch ein neues zwei-in-eins Auspuffsystem, unters Kurbelgehäuse wurde ein solides Schlagschutzblech geschraubt, und ein optimierter Ölkreislauf samt Ölkühler sollten den Hitzkollaps verhindern helfen. Dabei erhielt der im Sumpf integrierte Feinstfilter einen »Bypass”, der an einer eingeschweißten Peugeot-Ölfiltergrundplatte endete. Zweifel an diesem Umbau bekam der Engländer, als wenige Wochen vor Abfahrt der Öldruck ins Bodenlose sackte. Aber nur eine Ölleitung war gebrochen und konnte leicht repariert werden. Perfektionist Murkett nutzte dies, um am zerlegten Motor nochmals Kurbelwelle und Kolben statisch wuchten zu lassen. Harley-Sturzbügel, ein verstärkter MZ-Gepäckträger und zu guter Letzt anstelle des Original-Seitenständers ein 20 Millimeter dicker California-Nachbau bestärkten dann den Glauben des bärtigen Briten, gegen alle Unbillen der Wüste gefeiht zu sein.Das Resultat versetzte sogar die größten Skeptiker ins Staunen: Während der zwölfmonatigen Reise durch den afrikanischen Kontinent verbuchte der der Edel-Schrauber nur einen Plattfuß im algerischen Städtchen Beni-Abbès. In dem Saharastaat schloß er sich einem wild zusammengewürfelten Konvoi zur Passage nach Nigeria an. Sicher ist sicher. Zehn Tage benötigte der Pulk zur Wüsten-Durchquerung bis in die 500 Kilometer entfernte nigerianische Grenzstadt Ain Guezzam. »Wenn man endlich die richtige Technik beherrscht, kann Fahren in dem feinen Fech Fech-Sand richtig Spaß machen”, schwärmt Shaun. »Ähnlich wie beim Skifahren im Tiefschnee mußt du bloß ziemlich schnell sein und Gewicht auf dem Hinterrad haben.” So einfach geht das.Trotzdem, zahlreiche Stürze und Verletzungen bleiben nicht aus. Ein gebrochenes Steißbein diagnostizierten die Ärtze in Arlit und verordneten sechs Wochen Zwangspause. Doch umdrehen wollte Shaun nicht: Kurzerhand wanderte die Guzzi in einen Truck und der angeschlagene Engländer hinters Lenkrad, bis er sich wieder in »fahrbereitem« Zustand befand. Denn der Senegal samt Peter Gabriel-Bassisten warteten ja immer noch auf ihn.
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