Satire von Georg Payr: Jeder verirrt sich so gut er kann (Archivversion)

Jeder verirrt sich, so gut er kann

Die handelnden Personen: Schallhart ist Zweimetermensch, ein richtiger Lackel. Ambitionierter Motorrad-Neuling obendrein, der eine für ihn viel zu schwache 125er-Kymco, die Sector, fährt. Das ganze Mensch-Maschine-Gespann schaut aus wie ein Centaur ohne Unterbau. Der Gähr ist ebenso Motorrad-Neuling, ausgestattet mit einer 800-VN, einem Motorrad, das viel ambitionierter ist als er selbst. Der Payr, der Routinierteste von den Dreien, ist stolz auf seine Triumph Sprint ST. Nicht nur, weil sein Motorrad so schön rot ist, wurde er von den beiden anderen taxfrei zur Führungskraft auf ihrer ersten gemeinsamen Motorradreise gekürt. Bis, ja bis ein Fall von beispielloser Disziplinlosigkeit Unruhe in das Dreigespann bringt, mehr Unruhe, als jemals in das Fahrwerk eines modernen Motorrades kommen kann.Ein schöner Tag, ein schöner See, ein schöner Ort: Malcesine. Der Schallhart kündigt um halb elf einen Stuhlgang für etwa elf an. Der Gähr sagt: Mir ganz recht oder auch egal. Der Payr sagt, wenn wir über den Süden nach Pieve di Tremosine hinauf wollen, müssen wir aber irgendwann einmal schon losfahren. Der Schallhart sagt: Dann fahren wir halt über den Norden und ersparen uns die Seeumrundung. Der Gähr sagt: Mir ganz recht oder auch egal. Der Schallhart geht aufs Klo und bleibt bis halb zwölf. Dann kommt er wieder daher, was dem Gähr ganz recht oder auch egal isch. Der Payr runzelt die Stirn, weil er, wenn alle zehn Kilometer gerastet wird, was wahrscheinlich ist, selbst die kürzere Nordvariante zu problematisieren anfängt. Der Schallhart sagt: Rauch ma no eine. Der Gähr sagt: Mir ganz recht. Der Schallhart will sofort einen Cappuccino trinken und sagt: Fahr´n ma über den Süden. Der Gähr sagt: Mir ganz recht oder auch egal. Der Payr setzt sich an die Spitze, beschleunigt auf 45, sieht den Gähr im Rückspiegel kleiner werden. Anscheinend lockt den Gähr der Süden weniger. Ein paar Kilometer weiter im Süden trinken der Schallhart, der Gähr und der Payr je einen Cappuccino und rauchen drei bis fünf Zigaretten. Irgendwann sagt der Payr: Jetzt müssen wir aber weiterfahren, und er kommt sich in seiner Drängerei ein bisschen schäbig vor. Egal, der Payr behält es eh für sich. Am Ostufer stoppen die drei Freunde dann dreimal gemeinsam, der Payr viermal öfter, damit der Schallhart und der Gähr aufschließen können: Er stoppt überall dort, wo ein falsches Abzweigen möglich wäre, obwohl es eigentlich nirgends möglich wäre. Aber eben vorsichtshalber. In Peschiera thematisiert der Schallhart Hungergefühle. Der Gähr: Isch mir ganz recht. Der Payr steuert gezielt eine Tankstellenbar im Poebenenschmuddel an. Eine kleine Vergeltungsaktion für die Trödelei. Er hat die beiden vom Seeufer weggeführt und auf die Schnellstraße Verona – Brescia gelotst. In der Tankstellenbar trinkt der Payr einen Macchiato, der Schallhart und der Gähr essen je ein Riesending Teig mit irgendwas drin. Allen ist alles sehr recht. Der Payr sagt: Jetzt freu´ ich mich auf Pieve di Tremosine, da kenne ich eine Café-Terrasse mit fabelhaftem Tiefblick. Der Schallhart sagt, er war schon einmal in Tignale. Der Payr sagt: Das liegt südlicher als Tremosine. Nicht verwechseln! warnt er. Der Gähr sagt: Mir ganz recht. Als dem Schallhart und dem Gähr ganz schlecht ist vom vielen zwischen dem Teig, bläst der Payr zum Aufbruch, weil’s ein klein wenig gewittert. In Salo gewittert´s nicht mehr, was dem Gähr ganz recht isch. Alle 400 Meter mindestens und 2000 Meter höchstens fährt der Payr rechts ran und wartet auf den Schallhart und den Gähr. Alle 400 Meter mindestens und 2000 Meter höchstens wird eine geraucht. Dabei zeigt, man steht in Toscolano Maderno oder wo, der Payr dem Gähr und dem Schallhart auf der Karte, dass es jetzt dann bald nach Pieve di Tremosine hinaufgeht. Der Schallhart sagt: Ja, diese Schluchtstraße kenne ich, die ist großartig. Der Payr sagt dem Gähr, dass jetzt ein paar Tunnels kommen, und der Gähr sagt: Mir gar nicht recht. Der Gähr fürchtet sich nämlich in Tunnels noch mehr als nicht in Tunnels. Dann fahren die Drei weiter. Der Payr hat den Schallhart und den Gähr im Rückspiegel, plötzlich überholt der Gähr den Schallhart. Hui, denkt sich der Payr. Dann kommen die Tunnels, und immer noch bildet sich der Payr, obwohl er sehr langsam fährt, was ein, nämlich dass er dem Gähr sein und dem Schallhart sein Licht im Rückspiegel sieht. Aber die Tunnels sind lang und haben obendrein auch noch ein paar Kurven, und irgendwann sieht der Payr im Rückspiegel nichts mehr. Dann kommt der Payr aus dem Tunnel heraus. Gleich hinter dem Tunnel geht´s nach Tignale hinauf. Der Schallhart liest im Tunnel den Wegweiser nach Tingale und blinkt wie wild links, was der Payr nicht sehen kann, weil der zwei Kurven hinter dem Tunnel auf ihn und den Gähr wartet. Der Gähr sieht zufällig den Schallhart im Rückspiegel blinken und blinkt auch, und schon biegen die beiden nach Tignale hinauf ab. Der Payr wartet schon drei Minuten, aber es kommen nur Autos an ihm vorbei. Der Schallhart hat inzwischen die Führungsposition eingenommen. Nach 300 bis 400 Metern bleibt er stehen, und der Gähr sagt: Der Payr wäre wohl unten stehen geblieben, wenn wir hier hätten abbiegen müssen. Der Schallhart muss ihm Recht geben, und die beiden fahren zurück. Auf der Gardesana angekommen, fahren sie nordwärts weiter. Der Payr kriegt das nicht mit, weil der zurückgefahren ist, um zu schauen, an welcher Tunnelstelle der Gähr und der Schallhart aufgegeben haben. Der Schallhart führt souverän eine Kolonne an, gefolgt vom Gähr. An günstigen Stellen werden sie von Holztransportern und Betonmischfahrzeugen überholt. Der Schallhart gast an, überrundet in Euphorie einen Fahrradfahrer und lässt den Gähr hinter sich. Dem isch das gar nicht recht. Wo es nach Pieve di Tremosine hinaufgeht, fährt der Gähr geradeaus weiter, obwohl der Schallhart hinaufgefahren ist. Das hat der Gähr aber nicht mitgekriegt, weil der Schallhart so schnell war. Der Payr ist inzwischen wieder in Toscolano Maderno angekommen, ohne auf den Schallhart und den Gähr gestoßen zu sein. Er fährt wieder zurück bis dort, wo es nach Tignale hinaufgeht. Er ahnt schon, dass die beiden da hinaufgefahren sein könnten. Er hofft jetzt, dass sie hinter dem Tunnel warten, aber er weiß, es ist eine vage Hoffnung. Der Gähr zeigt mittlerweile Nerven. Kein Payr vor, kein Schallhart hinter ihm, und zwischen ihm und dem Hotel ein schönes Trumm Wasser. Der Schallhart aber ist in Pieve di Tremisone angekommen und sagt zu sich: was für eine schöne Schluchtstrecke. Die habe ich ja gar nicht gekannt. Die Strecke nach Tignale habe ich gekannt, aber die ist keine Schlucht. Mir egal. Warte ich bei der Tankstelle, bis der Payr kommt. Der aber ist ein zweites Mal unterwegs nach Zurück, weil er es für möglich hält, dass die beiden noch viel weiter zurückgefahren sind, weil sie draufgekommen sind, dass sie eine Zigarette nur bis zur Hälfte geraucht haben und in echter Spargesinnung eigentlich zu Ende rauchen könnten. Zwar sagt sich der Payr, dass er ja bis fast zuletzt die Scheinwerfer der beiden anderen im Rückspiegel gesehen hat, aber vielleicht waren das andere Motorräder, und er hat das in einem Moment der Unaufmerksamkeit nicht mitbekommen. Inzwischen verfährt sich der Gähr in Riva hoffnungslos. Er parkt auf einem Hotelparkplatz und raucht eine, wird aber vom Wirt verscheucht. Der Schallhart entdeckt, dass der Payr nicht kommt, und auch den Gähr scheint er verloren zu haben. Ein Wegweiser lockt ihn nach Limone. Das ließe sich versuchen. Der Payr hat schon fünfzig Suchkilometer auf dem Tacho und fährt nun zum fünften Mal durch Gargnano. Dann gerät er im Tunnel in einen Stau, an dem er sich vorbeischwindelt. Aber am Anfang des Staus stecken zwei Busse, die nicht aneinander vorbeikommen. Alle Autos müssen zurück, damit auch der Bus zurück kann. Eine halbe Stunde im Tunnel bei beachtlichem Gestank und bemerkenswerten Zurückstoßmanövern einer endlosen Kolonne. Der Schallhart aber ist schon in Limone und bald darauf in Riva, wo er sich hoffnungslos verfährt. Der Gähr kommt überraschend im Hotel an, bald darauf auch der Schallhart, bald darauf auch der Payr, dem der Gähr sagt, dass er ihm als Wiedergutmachung heute Abend ein Achtele Wein spendiert.
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