Südamerika (Archivversion)

Der Härteste

Holm Bielecke braucht weder eine robuste Enduro noch viel Zeit, um 16000 Kilometer weit durch vier Länder Südamerikas zu fahren - ihm genügen sein MZ-Gespann und fünf Wochen.

Was tun, wenn man Fernweh nach Südamerika hat? Klar, man fährt hin, am besten mit dem Bike im Gepäck - und wer dann noch sechs Monate Zeit hat, ist zu beneiden. Sechs Wochen, mehr Urlaub konnte Holm Bielecke aus Merseburg bei Leipzig seinem Chef nicht aus den Rippen leiern. Trotzdem sollte es durch Argentinien, Paraguay, Brasilien und Chile, von den höchsten Andenpässen quer durch Patagonien und bis an die Südspitze des Kontinents nach Feuerland gehen. Zieht man An- und Abreise ab, blieben ihm schließlich fünf Wochen, um die gewaltige Strecke von über 16000 Kilometern zu bewältigen - gut ein Viertel davon auf Schotter-, Schlamm- und Wellblechpisten. Holm wußte, daß er kräftig am Gashahn drehen mußte, egal ob bei Regen, Schnee oder tropischer Hitze. Pro Tag müßten im Schnitt rund 460 Kilometer zu schaffen sein. Sein Fahrzeug: eine MZ ETZ 251 mit Seitenwagen. Mit `ner großen BMW oder einer reisetauglichen Enduro aus Japan fahren schließlich alle anderen herum, kommentiert Holm seinen Entschluß.Zwei Tage dauert´s im Hafen von Buenos Aires, bis er sein Gespann aus den Klauen des argentinischen Zolles befreit hat, sieben Tage später - und 4335 Kilometer weiter - steht er bereits in Ushuaia auf Feuerland, der südlichsten Stadt der Welt. Kleinere Pannen können ihn von seinen Zeitplan nicht abbringen. Mal lockert sich der Krümmer, dann spinnt die Elektrik, Blinker vibrieren ab, schließlich brechen Gepäckträger und eine Schraube der Motorhalterung - kein Stahl ist so hart wie das Leben. Trotzdem, Urlaubsstimmung macht sich bei ihm breit, er gönnt sich einen Ruhetag und erledigt nebenbei die nötigen Schweißarbeiten.Mühsam kämpft er sich durch das stürmische Patagonien wieder in Richtung Norden. Der Schnitt und seine Stimmung sinken an manchen Tagen rapide, und das nicht nur, weil irgendwo im Nichts der Stoßdämpfer des Seitenwagens bricht und die Kette den Kettenkasten zerschlägt. Tiefsand- und Schotterpisten machen ihm und dem Gespann das Leben schwer. Trotzdem wirft er einen kurzen Blick auf die einzigartigen Highlights Patagoniens: das zerklüfftete Torres del Paine-Gebirge, den gigantischen Gletscher Perito Moreno und den traumhaft schönen Nahuel Huapi-Nationalpark bei Bariloche.Auf der schnurgeraden und asphaltierten Panamericana rauscht er mit Vollgas nach Santiago, erklimmt seinen ersten »richtigen« Paß, der auf einer Höhe von 3863 Metern nach Argentinien führt. Doch schon gleich am übernächsten Tag treibt er sein armes Gespann auf rekordverdächtige 4775 Meter hoch in die Anden und über den Aquas Negras-Paß wieder zurück nach Chile: mit Auf- und Abfahrt rund 460 Kilometer auf zum Teil schwierigen Schotterpisten. Für Holm nach inzwischen 10000 Kilometern in drei Wochen eine leichte Übung - trotz der sauerstoffarmen Höhenluft und eisiger Temperaturen.Zwei Tage später und 1500 Kilometer weiter im Norden Chiles biegt er von der Panamericana in Richtung Osten ab, durchquert kurzerhand die Atacama-Wüste, die trockenste Region der Welt, und bewältigt die fast 500 Kilometer lange und schwierige Strecke nach Salta in Argentinien, die über den 4260 Meter hohen Sico-Paß führt, in nur einem Tag. Hut ab. Und weil alles so schnell ging, hat er Zeit für einen Ruhetag und eine gute Flasche Wein.Dann gibt er wieder Gas, schließlich lockt 1100 Kilometer weiter im Westen Paraguay - für Holm inzwischen nicht mehr als ein Katzensprung. Nur die ständigen Polizeikontrollen im Grenzgebiet zwingen ihn öfter zum Halten als es ihm lieb ist. Er muß Kilometer machen, wenn er rechtzeitig wieder in Buenos Aires sein will.Einen Tag später überquert er schon wieder eine Grenze, diesmal die brasilianische. Kurz ein Blick auf die gigantischen Iguacu-Wasserfälle, dann beginnt sein Endspurt, die letzten 1380 Kilometer bis zu argentinischen Hauptstadt sitzt er locker auf einer Backe ab. Über defekte Zündkerzen, Reifenpannen, schlechte Straßen und unzählige Polizeikontrollen kann er inzwischen nur noch milde lächeln. Und er ist stolz: Seine MZ hat ihn nie im Stich gelassen - das ist es, was für ihn nach über 16 000 abenteuerlichen Kilometern in nur fünf Wochen zählt.
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