Sumatra (Archivversion)

Poltergeister

In ihrem Herkunftsland längst Museumsstücke, haben sie sich auf Sumatra in die Neuzeit herübergerettet: alte BSA-Gespanne, die brititische Truppen nach dem Zweiten Weltkrieg zurückließen.

Ihr lautes Poltern und Stampfen weckt uns. Fast ungemindert dröhnt es durch die Fenster des klapprigen Minibusses, in dem wir uns zusammen mit 19 anderen Reisenden, zwei Propangasflaschen, fünf Hühnern und drei Reissäcken allmählich ins Zentrum der Kleinstadt Pematang Sintar vorarbeiten. Unter knallenden Fehlzündungen schiebt sich ein offenbar steinaltes, überdachtes Einzylinder-BSA-Gespann am Bus vorbei und verschwindet in der nächsten Seitenstraße. Wie ein Eisbrecher schafft es sich mit mit seinem massigen Seitenwagen Platz in den verstopften und von Menschen und Zweirädern nur so wimmelnden Straßen. Was zunächst wie eine Fatamorgana zwischen all den Fahrrädern, Rollern und mit bis zu fünf Menschen besetzten Mopeds wirkt, hat hier, drei Fahrstunden von Medan, der Hauptstadt der Provinz Nordsumatra, entfernt, System: Die Taxifahrer sind es, die in Pematang Sintar ein Stück alter Kolonialgeschichte weiterschreiben. Denn die Ojeks, wie ihre motorgetriebenen Dienstfahrzeuge zur Fahrgastbeförderung heißen, rekrutierten sie aus Überbleibseln englischer Truppen, die am Ende des Zweiten Weltkrieges die 1942 von Japan eroberte ehemalige niederländische Kolonie besetzt hatten. Vorwiegend seitengesteuerte BSA der Typen M 20, M 21 und M 33. Vor mehr als 50 Jahren waren die schweren Ungetüme als Kurier- und Meldefahrzeuge für das Militär in der mittelenglischen Stadt Small Heath vom Band. Heute sind die Bikes der Marke mit den drei gekreuzten Gewehren knallbunt bemalt und friedlicher Arbeitsplatz ihrer neuen asiatischen Besitzer. Und gleichzeitig auch deren Lebensversicherung: Denn die Einnahmen mit so einem Old english-Taxi reichen für das Auskommen einer ganzen Familie. Entsprechend werden die ein halbes Jahrhundert alten Motorräder mit Inbrunst und Improvisationsfreude immer wieder zusammengefrickelt und am Leben erhalten. Mitunter haben die abenteuerlichen Konstruktionen dann nur noch wenig mit einer BSA gemein, aber die Taxi-Kleinunternehmer legen auch weniger Wert auf Originalzustand. Am wichtigsten ist die komfortable Überdachung für die Regenzeit, gellend laute Hupen, kunstvoll geschweißte Sturzbügel und ein originelles Outfit zum Kundenfang. Die Taxifahrer sind stolz auf ihren Berufsstand. Immerhin fahren sie die stärksten Zweiräder der Stadt. Wie viele Motorräder der Birmingham Small Arms (BSA) aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs hier im indonesischen Exil noch herumgeistern, läßt sich schwer schätzen: Es mögen mehrere hundert sein, die auf den Wink warten und nach ausgehandeltem Fahrpreis den Fahrgast in den Seitenwagen einsteigen heißen. Für nicht mal fünf Mark gibt es dann eine viertelstündige Kombi-Lektion altbritischer Motorentradition und indonesischen Verkehrslebens.
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