Szene England (Archivversion)

Very british

Wer die Seele englischen Motorradlebens entdecken will, muss nach Westlondon. Alljährlich wird dort mit einer wahnsinnigen Party der Ace Day gefeiert – ein Revival auf die alten Zeiten.

Die Rocker sitzen auf Plastikstühlen in der Sonne, trinken
Tee aus Pappbechern und beobachten, wie drüben auf der Old North Circular Road eine meterdicke Rauchsäule in den Nachmittagshimmel steigt. »Another bloody Jap Bike”, konstatiert Triumph-Fahrer Shaka mit Blick auf eine jämmerlich kreischende 600er-Suzuki, deren Pilot mitten im Feierabendverkehr einen Burn-out in den Asphalt brennt. Lang über dem Tank liegend und die Maschine wie ein Brummkreisel ums Vorderrad wirbelnd. Wheelies, Stoppies und weitere Burn-outs schließen sich an, doch die Herren vertiefen sind wieder in ihre Gespräche.
Ace Cafe, 13. September 2003. Seit gestern sammelt man sich hier zur zehnten Ace Cafe Reunion. »American Bike?” Während Ace-Ordnungshelfer Jim draußen auf der Straße die letzten Kautschukkrümel von den Autos kehrt, bildet Shakas Rockergang – schwarze Leder-
jacken, Pins, Nieten, Aufnäher und Tattoos – einen Halbkreis um den 180er-Sportmax-Radial-Reifen am Leichtmetallheck meiner Buell Lightning XB12S und guckt fragend. Aufnahmetest?
Fehlanzeige. Es gibt hier weder Mutproben noch sonstige Prüfungen, und die wilden Exzesse der Lederjungs aus Shakas Generation zählen längst zum Ace-Cafe-Legendenstoff. Phil, Roger und Allan – die Lederwämse mit dem Schriftzug »Ton up boys” dekoriert –
zählten in den 60er Jahren zu den schnellsten Bikern auf Londons Straßen. Phil auf Matchless, Roger auf BSA, Allan auf Triumph – ein englisches Motorrad war in Rockerkreisen Pflicht. »Man drückte eine Münze in die Jukebox”, erinnert sich Roger mit einem genervten Seitenblick auf das noch immer brüllende Jap Bike auf der Old North North Circular Road, »und fuhr dann für die Spieldauer der Single um den Block.” Wer dabei die magische Grenze von 100 Meilen pro Stunde (160,9 km/h) –
»the ton” – knackte, galt fortan
als ton up boy. Und heute? »Whenever I get a bike I do it”, grinst Roger und bläst mit
seiner bockelalten Kawasaki GT 550 davon. Auch er biked inzwischen japanisch. Egal.
»All bikers welcome”, Ace-Cafe-Reunion-Initiator Mark Wilsmores hatte ohnehin alle zum berühmtesten Rockertreff aller Zeiten geladen, den er – rund 30 Jahre nach der Schließung – 2001 wieder eröffnet hat. Und so füllt sich der Parkplatz vor dem Ace Cafe in Westlondon mit englischen,
italienischen, deutschen, amerikanischen und französischen Motorrädern aller Gattungen und Baujahre, bis die zur Ver-
fügung stehende Stellfläche gegen Nachmittag die Grenzen ihrer Kapazität erreicht. Selbst die einstigen Lieblingsfeinde der Rocker – die Mods – finden sich auf ihren aufgebrezelten Rollern an der Ace Corner ein. In den 60er Jahren hätte sich ein Mod »never ever” in diese Ecke Londons getraut, erläutert Del, der den Rockern seine 200er-Vespa vorführt: 20 Lampen, neun Rücklichter, acht Spiegel und vier Druckluftfanfaren. Sie gleiche aufs Haar seiner alten, mit der er vor 39 Jahren bei der legendären Massenschlägerei zwischen Mods und Rockern in der Küstenstadt Brighton dabei
gewesen sei. Die älteren der Lederjungs erinnern sich noch lebhaft an die einstigen Differenzen, und man schwelgt nun in der gemeinsamen Erinnerung. Bis ein heranrauschender Lambretta-Roller alle Blicke ansaugt: 38 Spiegel, zwölf Rücklichter, drei Hupen, aber –
Del zählt durch – nur zehn Lampen.
Man unterhält sich, guckt Motorräder und lauscht dem Sound, der aus allen Himmelsrichtungen aufs Trommelfell dröhnt: Live-Musik
von Some Dogs, Slime Cyderco und Gin Town Boozers auf einem zur Bühne umfunktionierten Lkw, Motorengeheul auf der Old North Circular Road – that’s Rock ‘n’ Roll. Sensationen stehen nicht auf
dem Programm, hanging at the Ace, sprich: rumhängen ist das Tagesmotto. Vor allem die weit Angereisten sind dankbar darum. Tags
zuvor fiel nämlich in halb Europa der Startschuss zum »Continental Run«, der 800 Biker Richtung London führte. Am Café Hubraum in
Solingen röhrten Furious Fat Freddy auf Speed Triple 955, die Essener
Bullock Brothers auf ihren Rickmans und die Magdeburger Ribbert Family auf ihren dicken HDs los. Etwa zeitgleich löste der Voxan-Club Frankreich mit 13 Maschinen in Clermont-Ferrand die Leinen, der
59-Club-Paris röhrte über die Peripherique, Davide aus Verona triebt seine Triumph Bonni auf die Insel.
Bis zum Nachmittag zählt Ace-Cafe-Chef Mark Wilsmore etwa 15000 Gäste, bei denen sich nicht mal im Detail ein gemeinsamer Nenner feststellen lässt: Leder trifft auf Gore-Tex, Halbschale auf Integralhelm, Elvis-Tolle auf Glatze, Fensterputzer auf Staranwalt. »Die Motorräder und die Menschen am Ace haben sich geändert”, sagt Mark. Geblieben ist der Ausdruck eines Lebensgefühls, den die englische Rockerszene in den 50er Jahren hervorgebracht hat: nonkonformistisch, rebellisch, individuell,
authentisch. Ein Lebensgefühl, das die englischen Café Racer der 50er und die Streetfighter der 90er am authentischsten
rüberbringen: Nimm den
besten Rahmen, einen starken Motor, das Neueste in Sachen Federung und Reifentechnik und bau’ dir daraus dein
persönliches Bike.
Eine 50 Jahre alte Triton rollt
auf den Platz. Triumph-Motor, Norton-Federbettrahmen, den Engländern schwillt vor Patriotismus die Brust. Doch die Triton trägt ein französisches Nummernschild. Besitzerin: Martine aus Paris. Gleich daneben parkt ein waschechter Streetfighter ein: Harris-Magnum-4-Rahmen, Magnesium-Felgen, Billet-Sechskolbenbremsen, White-Power-Gabel, ölgekühlter Suzuki-GSX-R-Motor, aufgebohrt auf 1200 Kubik, 170 PS. Besitzer: Guillaume aus Waldbillig, Luxemburg. Mit Pete fegt endlich ein Londoner Streetfighter herbei. Als Lampenverkleidung dient ein auseinandergesägter Integralhelm, Aufschrift: »Ride
it like you stole it”. Die Engländer atmen auf. Harris-Rahmen, Suzuki-Motor, Fireblade-Schwinge, Lachgaseinspritzung. Leistung: 260 PS – allerdings nur zwei bis drei Minuten lang, sonst schmelzen die Krümmer.
Am nächsten Morgen startet der große Run: Vom Ace Cafe in London zum Schauplatz der legendären Rocker-Mods-Massenschlägerei anno 1964, dem Madeira Drive in Brighton an der Südküste. Punkt zehn – die Roller-Mods sind sicherheitshalber schon vorgefahren, die restlichen 20000 Motorradfahrer lauschen dem Megaphon: »You have one minute to go.” Donnergrollen, Erdbeben, Gänsehaut – die ersten 500 Maschinen fluten vorbei. Mittendrin Jim, 64 Jahre, der den Begriff Streetfighter allzu wörtlich genommen hat. Sein aus Kinder-
karussell, Bettrahmen und Einkaufswagen zusammengeschweißtes Trike trägt einen NATO-Raketenbehälter vom Müll und ein Maschinengewehr aus dem Spielzeuggeschäft. Im Sog von drei Dutzend holländischen Gold Wings folge ich dem Strom über die M 25 gen Süden, im Rückspiegel eine Lichterkette bis zum Horizont.
Um die Mittagszeit wird es eng in Brighton. Etwa 50000 Motorräder breiten sich in geordneter britischer Manier über sämtliche Straßen, Parkplätze, Verkehrsinseln und Radwege zwischen den pastellfarbenen Grandhotels des Seebads aus. Kaum ist die Buell zwischen
einem mintgrün lackierten Lambretta-Roller und einer ausgebrannten Honda CB 500 mit Airbrush-Resten angedockt, erfasst mich die Menschenwoge und schiebt mich durch die kilometerlangen Motorradreihen entlang des Madeira Drives. Kinder jonglieren ihre Eis-
waffeln an englischen Klassikern wie BSA Goldstar, Velocette Venom und Ariel Square 4 vorbei, Endsiebziger diskutieren über die Maße einer Boss Hoss, handtaschenschwenkende Damen umkreisen
kichernd einen Harris-Streetfighter mit Gasmaske. Ein paar Rocker und Mods liegen derweil Chips essend auf blauweißen Liegestühlen in der Sonne und schmieden Pläne für das 40-jährige Jubiläum
ihrer Schlägerei im nächsten Jahr. Da trifft der Blick auf ein Kinder-
karussell am Madeira Drive, auf dem ein kleiner Suzuki-Cruiser
unermüdlich seine Kreise zieht: »Another bloody Jap Bike.”
Anzeige

Artikel teilen

Anzeige
Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote