Tourertreffen (Archivversion)

Volles Haus

Rund 1400 Motorradler kamen am letzten Juni-Wochenende zum zehnten MOTORRAD-Tourertreffen ins österreichische Serfaus - eine tolle Sache, auch wenn nicht immer alles so lief, wie geplant.

Ein unablässiges Dröhnen liegt in der Luft. Einzeln oder in Gruppen geht´s die letzten engen Kehren hinauf nach Serfaus: Motorräder mit Kennzeichen aus ganz Deutschland, aus Österreich und der Schweiz, aber auch aus Tschechien und Ungarn. Sportler, Cruiser, große Tourendampfer, unzählige Enduros aller Hubraum- und Gewichtsklassen - und ein paar sehen tatsächlich so aus, als kämen sie direkt aus irgendeiner Wüste dieser Welt. Ruckzuck wird´s voll auf der Zeltwiese bei Serfaus, und schon am Freitag werden rund 1200 Gäste gezählt.Endlich wieder in den Alpen, loben einzelne die Veranstalter, bei denen die Standortfrage für so manches graues Haar gesorgt hatte. Für das Jubiläums-Tourertreffen wollte MOTORRAD den Gästen etwas Besonderes bieten, und allen war klar, daß die Alpen an Attraktivität für Motorradler einfach nicht zu überbieten sind. Aber welche Gemeinde halst sich freiwillig 1000 oder mehr Motorradfahrer auf, übernimmt die Organisation und ist bereit, bis zu einem gewissen Maß das wirtschaftliche Risiko zu tragen? Da sich die Crew von MOTORRAD und seinem ACTION TEAM im Vorfeld nur bedingt darum kümmern kann, was vor Ort zu tun ist, gebührt den Serfausern, die sich spontan und unbürokratisch der Tourerfete verschrieben hatten, ein großes Dankeschön. Alpen, Pässe und ein toller Platz zum Campen - was will man mehr?Was will man überhaupt - oder andersherum: warum kommt heute jemand zu einem Tourertreffen, daß vor zehn Jahren von ein paar Reisefans ins Leben gerufen wurde? Damals, also 1989, trafen sich rund 250 XT-, XL-, GS- und Africa Twin-Treiber auf einer kleinen Wiese bei Wasserburg, lauschten am Lagerfeuer den Stories weitgereister Stollenfahrer oder staunten bei den Diavorträgen über Abenteuer in Ländern, über die bis dato von Motorradfahrern in dieser Form kaum berichtet wurde. Faszination pur und gleichermaßen eine reichhaltige Infobörse in einer Zeit, in der entsprechende Reiseberichte noch nicht in großer Zahl auf dem Markt waren und in der man noch nicht per Tourguide auf zwei Rädern bis an jedes Ende der Welt reisen konnte.Ein wenig von dieser Idee haben die Veranstalter bis ins zehnte Jahr hinüberzuretten versucht. Das Tourertreffen sollte ein Tourertreffen bleiben - ein Stelldichein für Reisefans mit Diavortägen, die für glänzende Augen und Fernweh sorgen, und sich nicht zu einer üblichen Motorrad-Party mit Band und Live-Acts entwickeln. Trotz Kritik einiger Gäste der vergangenen Jahre, die bei einem Treffen eben mehr Action erwarten. Keine leichte Sache, in dieser Größenordnung alles unter einen Hut zu bringen - und ein Eiertanz, es allen recht zu machen.Prompt hagelt in diesem Jahr gleich zu Beginn des Treffens herbe Kritik auf die Veranstalter ein, wenn auch aus ganz anderem Anlaß: Aus unerklärlichen Gründen stehen auf dem rappelvollen Zeltgelände nicht genügend Toiletten- und Duschwagen. Eine kurze Krisensitzung, Handys machen die Runde, irgendwie muß bis morgen Nachschub beschafft werden, was zumindest im gewissen Maß gelingt. Und weil so eine Panne einfach nicht passieren darf, wird beschlossen, einen Teil der Campinggebühr den Gästen zurück zu erstatten. Und ein Jubiläums-T-Shirt gibt´s zum Trost gratis dazu.Dann die Sache mit dem Wetter, daß sich selbst mit der besten Organisation nicht bestimmen läßt: Sintflutartige Gewittergüsse setzen am Freitag abend im entscheidenen Augenblick kurzerhand Teile der Lautsprecheranlage außer Kraft - die Begrüßungsansprache der Veranstalter sowie die Ankündigungen zum weiteren Verlaufs des Treffens werden nur noch in den ersten Reihen des Festzelts verstanden. Mehr als ärgerlich, aber in diesem Moment einfach nicht zu ändern.Ärgerlich auch für Jörg Barte und Steffen Schmidt, die danach mit ihrer Diaschau über eine neunmonatige Enduro-Reise von Alaska nach Feuerland an der Reihe sind. Daß die Geduld der Zuschauer während des Vortrags auf eine harte Probe gestellt wird, liegt nun wirklich nicht an den hervorragenden Bildern der beiden Reisefreaks. Aber egal, wie viele Hände sich mit Lötkolben und Schraubenzieher im Hintergrund um die marode Technik kümmern - die zahlreichen, oft minutenlangen Unterbrechungen lassen die beiden Abenteurer und das Publikum schier verzweifeln, zumal inzwischen fast alle bis zu den Knöcheln im Regenwasser stehen. Es scheint, als machten Murphy und El Niño gemeinsame Sache.Wie zum Trost herrscht am Samstag morgen ein Bombenwetter. Gefrühstückt wird draußen vor den Zelten, dann macht sich eine schier endlose Karawane auf und davon, um irgendwo zwischen Österreich, Italien und der Schweiz entweder per MOTORRAD-Roadbook, mit Tourguide oder auf eigene Faust die nahen Pässe unter die Räder zu nehmen. Bei Problemen stets gern gesehen: die drei Jungs vom kostenlosen ACTION TEAM-Pannendienst, die diesmal alle Hände voll zu tun haben: havarierte Bikes abholen, eine Kopfdichtung wechslen, Reifen flicken, diverse Sturz- und Wasserschäden beheben, immer wieder improvisieren - und das praktisch rund um die Uhr. Wie das Trio dabei immer gute Laune behält, bleibt weiterhin ihr Geheimnis.Während dann am frühen Samstag abend MOTORRAD-Comic-Zeichner Holger Aue fleißig Autogramme gibt und der Trialakkrobat Christian Pfeiffer demonstriert, wie man die Gesetze der Schwerkraft austrickst, ziehen bereits wieder dunkle Wolken auf. Bei der Siegerehrung der Orientierungsfahrt-Teilnehmer und der Verlosung einer ACTION TEAM-Fernreise, diesmal nach Namibia, muß MOTORRAD-Chef Walter Gottschick Blitz und Donner übertönen - doch irgendwie ist es gemütlich im Zelt. Und alle rücken noch ein bißchen näher zusammen, als MOTORRAD-Reiseredakteur Michael Schröder den fast schon mucksmäuschen stillen Gästen seine Bilder von einer abenteuerlichen Reise durch die Mongolei präsentiert. Vielleicht war´s in diesem Moment ein bißchen wie vor zehn Jahren. Wie´s dagegen weitergehen soll, darüber zerbrechen sich derzeit in der Redaktion viele die Köpfe.
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