Tunesien (Archivversion)

Leicht gemacht

Nur drei Wochen Zeit und keine Lust auf die ewig langen Anfahrten nach Libyen oder Algerien? Oder zum ersten Mal in Richtung Afrika unterwegs? Dann ist Tunesien ein ideales Ziel, um Enduros im Sand der Sahara buddeln zu lassen.

Erst hinter Bizerte, am Nordkap Afrikas gelegen, wird es ruhiger. Das Chaos im Hafen von Tunis und der elendige Verkehr in dieser Stadt sind fast vergessen. Wir sind auf dem Schwarzen Kontinent – nur dass es ganz anders aussieht, als erwartet. Birgit und ich folgen über kleine Nebenstraßen dem Verlauf der Küste in Richtung Westen. Nach dem Winterregen hat sich die Landschaft ein geradezu irisch grünes Kleid angelegt. Die Bauern fahren schon die erste Heuernte des Jahres ein. Und bei kaum 12 Grad und leichtem Nieselregen gehen afrikanische Klischees vollends baden.In den Bergen des Tell-Atlas hängen schwere dunkle Wolken, verstecken die über 1000 Meter hohen bewaldeten Gipfel rund um Ain Draham. Dann aber legt sich die Straße in Kurven, windet sich durch duftende Kiefern- und Zedernwälder abwärts. Die ersten Sonnenstrahlen kitzeln auf der Nase, und als wir El Kef am späten Nachmittag erreichen, ist keine Wolke mehr zu sehen. Am nächsten Morgen schwindet das üppige Grün mit jedem gefahrenen Kilometer, bis nur noch eine karge Grassteppe übrig geblieben ist. Schließlich erreichen wir die Ruinen der Bergoase Tamerza. Höchst spektakulär verteilen sich die alten verfallenen Lehmhäuser auf einem Bergrücken oberhalb von zwei Wadis, ausgetrockneten Flusstälern. Im Osten schließt sich ein riesiger Palmenhain an, und hinter dem alten Dorf falten sich braune Berge in den blauen Himmel.Nach Tamerza klettert die Straße durch eine bizarre Felslandschaft. Traumhafte Kurvenfolgen machen nervös, aber Sand und Kies, mit denen die schönsten Kehren garniert sind, beruhigen die Gashand wieder. Schade. Noch ein Dutzend Serpentinen bergab, und wir rauschen geradewegs in die endlose Monotonie des Chott el Djerid, des größten Salzsees Afrikas. Über eine völlig glatte, braune Ebene düsen wir hinweg, die Luft flirrt in der Mittagshitze. Luftspiegelungen gaukeln einen nicht existierenden See vor. Alle 1000 Meter fliegt ein rotweißer Kilometerstein vorbei. Sonst nichts.Erst hinter Tozeur ändert der Chott sein Gesicht. Schneeweiße Salzkristalle überziehen die Ebene, blenden trotz Sonnenbrille. Immer wieder entdecken wir Spuren, die zum schnurgeraden Horizonts führen – oder aber geradewegs in eindrucksvolle Schlammlöcher. Die Salzkruste ist dünn, mal spröde und brüchig, dann wieder hart wie Eis. Aber darunter lauert der zähe Schlamm, aus dem, einmal eingebrochen, nur schwer wieder zu entkommen ist. Also bleiben wir lieber auf der Straße. Jedenfalls meistens. Denn eine kleine Runde über die knirschende Salzfläche können wir uns einfach nicht verkneifen. Die ersten kleinen Dünen kündigen das Ende des Salzsees an. Der stramme Ostwind treibt Sandfahnen über die Straße und in unsere Helme. Als wir die Oase Douz erreichen, knirscht es nicht nur zwischen den Zähnen, selbst aus den Ohren rieselt das feine gelbe Zeug. Egal, gibt es doch in Douz einen der wenigen Campingplätze des Landes, sogar mit heißen Duschen. Im Laufe des Abends tauchen noch acht Motorradfahrer auf. Es wird eine lange Nacht mit afrikanischen Geschichten und den neusten Infos aus Algerien, Libyen oder Mauretanien.Viel zu früh weckt uns ein afrikanischer Geräusch-Cocktail. Völlig verzerrte Muezzin-Gesänge mischen sich mit dem Gebrüll von Eseln und dem Geschrei von Hähnen, und irgendwo drehen noch ein paar Köter durch. Da bleibt kein Auge zu. Höchste Zeit, die Ruhe der Wüste zu suchen. Eine kleine Piste führt uns schließlich hinter Matmata durch die Berge bis zum Berberdorf Toujane. Endlich bekommen die Enduros Arbeit. Über grobes Geröll, ausgewaschene Spurrinnen und kapitale Felsstufen balancieren wir die Motorräder in eine enge Schlucht. Verwegen windet sich die Schotterspur durch die unbesiedelte Weite bis Toujane. Die eng verschachtelten Lehmhäuser des Berberdorfs klammern sich an den steilen Berghang. Nur die kleine Moschee setzt einen weißen Lichtblick zwischen den braunen Mauern. Im Schatten der Häuser hocken alte Männer, dick verhüllt in schwere, dunkle Mäntel, und beobachten die verinnende Zeit. Stundenlang, wochenlang, wahrscheinlich ein ganzes Leben. Zeit hat in dieser Welt eine völlig andere Bedeutung. Hinter Toujane wird die Piste besser. Trotzdem begegnet uns kein einziges Auto. Hin und wieder ein paar Kamele, eine Herde Schafe oder Ziegen. Manchmal ist ein einsames Berberzelt in der hügeligen Landschaft auszumachen. Nach und nach ersetzen braune Berge die grüne Hochfläche. Ein paar Palmen lockern später die steinreiche Wüste auf. Kurz vor Mittag rollen wir in Tataouine ein, wo es die Genehmigung für das Sperrgebiet im Süden geben soll. Schon von Douz hatten wir uns per Fax angemeldet. Und tatsächlich, unser Permit liegt bereit. Allerdings verlangt der schelmisch grinsende Chef 45 Dinar, wo doch pro Person eigentlich nur 10 Dinar fällig sind. »Ja aber«, belehrt er uns, »Motorradfahrer brauchen einen Führer. Macht 10 Dinar extra, plus 15 Dinar für die Agentur des Führers.« Trotzdem, so klärt er uns auf, könnten wir ohne Führer ins Sperrgebiet fahren. Wir haben verstanden. Afrikanische Hebelgesetze. Wer am längeren Ende sitzt, bestimmt den Preis. Entweder wir zahlen, oder es gibt kein Permit. Handeln ist diesmal zwecklos.Bevor wir in die Wüste aufbrechen, fahren wir zur Ksar Ouled Soltane, eine wunderschön restaurierte Wohnburg aus dem 15. Jahrhundert. Tonnenförmige Speicherhäuser, die Ghorfas, gruppieren sich um zwei Innenhöfe und können nur über kühne Treppen erreicht werden. Die uralte Architektur eines Ksars wirkt eigentlich sehr futuristisch. Vermutlich hat man aus diesem Grund Szenen für den Film »Krieg der Sterne« hier gedreht. Wir passieren noch einige verfallene Ksars, bevor hinter dem Bergdorf Guermessa eine schaurig schlechte Piste in die Weite der Wüste führt. Auf hartem Wellblech und tiefem Schotter rumpeln wir mühsam voran. Plötzlich stinkt es nach verbranntem Plastik. Die Tachowelle der Dominator ist durch die Rüttelei herausgefallen und verschmort gerade auf dem Auspuffkrümmer. Etwas später vermisst Birgit das Nummernschild ihrer Suzuki. Zum Glück finden wir es kaum zwei Kilometer zurück.Die Piste wird nicht besser, die Landschaft nicht spannender. Genervt erreichen wir das hässliche Dorf Ksar Ghilane, das in der Hitze der Wüste vor sich hin döst. Aber nur ein paar hundert Meter weiter beginnt das Paradies, die Oase. Mitten im Palmenhain ein warmer Badetümpel, schattenspendende Tamarisken, zwitschernde Vögel und kleine Cafés. In den Sanddünen finden wir sogar einen traumhaften Platz fürs Zelt.Mit der Ruhe ist es aber bald vorbei. Wind kommt auf und treibt Sand und Staub vor sich her. Motorrad fahren können wir vergessen, die Sicht reicht kaum 100 Meter. Erst nach 30 Stunden lässt der Sandsturm nach. Bei einem kurzen Spaziergang entdecken wir unzählige Bierdosen im Sand. Eine geführte Motorradreisegruppe, jeder von ihnen ein kleiner Möchtegern-Kinigadner, hat bei ihrer Abreise einfach den Müll liegen lassen. Der Sturm sorgte für die flächendeckende Verteilung. Ob sich Tunesier über solche Geschenke freuen? Wir lassen Ksar Ghilane hinter uns, stauben über die gute Piste nach Süden und erreichen am Militärposten Kamour das Sperrgebiet. Unsere Genehmigung wird kontrolliert, die Schranke öffnet sich, und schon ist der Weg frei in die Sahara. Die breite Piste verzweigt sich in viele einzelne Spuren. Kleine graue Büschel bedecken die staubige Ebene. Grenzenlose Einsamkeit, die Monotonie der Wüste nimmt uns gefangen. Es wird sandiger. Immer öfter wandern kleine Dünen über die Schotterpiste, zwingen uns zu einem spaßigen Slalom. Nicht eine einzige Spur ist zu sehen. Wer weiß, wann hier das letzte Fahrzeug fuhr. Mit einem fiesen metallischen Lärm hört der Spaß abrupt auf. Der erste Schreck wird zur Gewissheit, als ich die Abdeckung des Ritzels entferne: akuter Zahnfraß, das Ende scheint nahe. Was jetzt? Unser Ziel, die Dünen bei El Borma, können wir vergessen. Ich spanne die schlaffe Kette, wir wuchten die Honda aus dem weichem Sand, und ich gebe so behutsam Gas wie auf Glatteis. Das angefressene Ritzel packt! Schwein gehabt. Jetzt bloß nicht mehr stehen bleiben.Am Horizont tauchen schon die Dünen des Erg Oriental auf. Aber die Piste dorthin wird immer sandiger. Schweren Herzens biegen wir ab zum Ausgang des Sperrgebiets. Problemlos erreichen wir die Teerstraße und damit die Zivilisation. Ein Telefon, ein Anruf bei einem guten Freund in Köln, der das Ritzel besorgt, zum Flughafen fährt und es dem ersten Djerba-Urlauber in die Hände drückt. Kaum 20 Stunden später nehme ich das Paket auf der Ferieninsel in Empfang. Logistik ist alles. Damit ist die Dominator zwar wieder wüstenfähig. Doch wir haben weder Zeit noch eine weitere Genehmigung für einen zweiten Abstecher in die Sahara. Uns bleiben nur noch drei Tage für die Rückfahrt. Also kreuzen wir durchs Landesinnere, klettern über holprige Bergpisten am Djebel Biada, staunen über die römischen Ruinen von Dougga und die malerische Altstadt von Sidi Bou Said und gelangen – pünktlich zum Feierabendverkehr – wieder nach Tunis.
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Infos (Archivversion)

Tunesien ist dank einer relativ guten Infrastruktur
ein ideales Terrain für die erste Fahrt nach Afrika. Und: Im Süden des Landes locken bereits die ersten Sanddünen der Sahara.
Anreise Die Reedereien CTN und SNCM fahren mit mehreren Schiffen von Marseille und Genua nach Tunis. Die Überfahrt dauert 22 bis 24 Stunden. In der Nebensaison gibt es das Ticket (hin und zurück) ab 364 Mark, ein Motorrad kostet 278 Mark. In der Nebensaison auf Sondertarife achten. Infos bei SNCM Germany, Telefon 06196/42911, Fax 483015. Für die Anreise nach Genua und Marseille bietet sich vor allem im Winter der Autozug an, der nach Bozen und Narbonne fährt. Je nach Reisezeit sind für eine Person und ein Motorrad nach Bozen ab 293 Mark fällig. Wer gleichzeitig die Rückfahrt bucht, bezahlt ab 527 Mark. Marseille ist am schnellsten mit dem Autozug bis Narbonne zu erreichen. Das Ticket kostet ab 357 Mark; hin und zurück ab 643 Mark. Infos bei der DB Autozug GmbH unter Telefon 0180/5241224, an allen Schaltern der DB oder im Internet unter www.autozug.deReisezeitDie beste Zeit für eine Tour durch Tunesien sind die Monate März bis Mai. Im Winter kann es sogar in der Sahara Nachtfrost geben, während es im Norden zu Regenfällen kommt. Wer keine Probleme mit Temperaturen von bis zu 45 Grad hat, kann sich auch im Sommer in die Wüste wagen. ÜbernachtenHotels gibt es in fast allen Orten. Ein Zimmer ist bereits ab 20 Mark zu bekommen; die Qualität der Unterkünfte schwankt zwischen gewöhnungsbedürftig und protzig. Campingplätze sind eher selten, freies Zelten ist aber kein Problem. Wer dabei in Ruhe übernachten möchte, sollte die Nähe zu Dörfern und Straßen meiden. In der Sahara ist das freie Campieren ein einzigartiges Erlebnis. Ein warmer Schlafsack kann in den oft überraschend kalten Nächten nicht schaden. DokumenteFür Tunesien reicht der Reisepass. Fürs Motorrad ist eine grüne Versicherungskarte erforderlich, die für Tunesien gültig sein muss. Von allen Dokumenten Kopien mitnehmen. Wirkliche Wüsten-Einsamkeit ist im tiefen Süden garantiert, der allerdings militärisches Sperrgebiet ist, das nur mit spezieller Genehmigung befahren werden darf. Diese ist beim Syndikat d´Initiative de Tourisme in Tataouine erhältlich. Mit viel Glück wird das Permit sofort ausgestellt. Besser: Den Antrag ein paar Tage im voraus per Fax, 00216/5850999, mit den notwendigen Daten (geplante Fahrstrecke und Zeit, Fahrzeugart und Kennzeichen, persönliche Daten mit Passnummer) schicken.Das MotorradEs sollen auch schon Gold Wing in der Sahara gesichtet worden sein, aber mehr Spaß macht es definitiv mit einer möglichst leichten Enduro. In Tunesien sind allerdings viele Pisten mit einer soliden Teerdecke verziert. Nur im Süden und in den Bergen gibt es noch zahlreiche sandige Wege. Wer auch die Dünen am Rande der Sahara unter die Räder nehmen will, sollte grobstollige Reifen wie Conti TKC 80, Michelin T63, Mitas E07 oder Pirelli MT21 montieren. Ein großer Tank ist nur für Fahrten ins Sperrgebiet nötig. Die dortige Streckenwahl wird sich zwangsläufig an der Reichweite des Tanks orientieren. LiteraturDie Bibel für Tunesienfahrer ist nach wie vor das fast 800 Seite dicke »Reisehandbuch Tunesie« von Reise Know-How für 44,80 Mark. Ebenfalls zu empfehlen sind das Reisehandbuch aus dem Michael Müller Verlag für 29,80 Mark und der APA Guide Tunesien für 44,80 Mark.Als Landkarte eignet sich die Michelin Karte 956 im Maßstab von 1:800000 für 13,80 Mark.Sowjetische Generalstabskarten sind allenfalls für den tiefen Süden nötig. Die Blätter gibt es in den Maßstäben von 1:1.000000 und 1:500000 beim Expeditionsservice Därr in München, Telefon 089/282033. TPC-Karten im Maßstab von 1:500000 und ONC-Karten im Maßstab 1:1.000000 sind ebenfalls bei Därr oder bei Woick erhältlich, Telefon 0711/7096700.Fahrtstrecke etwa 3000 KilometerZeitaufwand drei Wochen

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