Weltreise mit dem Motorrad im Jahr 1932 (Archivversion)

Der Pionier

Weltreisen per Motorrad? Auch im Zeitalter von Kreditkarten und Satellitennavigation ein spannendes Unternehmen. Und vor 66 Jahren? Robert Edison Fulton Jr. weiß, wie es war - er fuhr damals bereits einmal rund um den Globus.

Im Juni 1932 verläßt Robert Edison Fulton Jr. London. Nach einem einjährigen Studienaufenthalt in Europa will der damals 22jährige angehende Architekt seine Eltern in den USA besuchen, mit dem Motorrad - so weit wie möglich auf dem Landweg in Richtung Osten, also einmal rund um den Globus. Er ist neugierig auf die Welt, auf fremde Architektur und freut sich über die Unabhängigkeit, die ihm ein eigenes Fahrzeug bietet: eine englische Douglas mit einem 500er Boxermotor, die ihm vom Hersteller, der von Fultons Idee ebenso begeistert ist wie dieser selbst, kostenlos für die Reise überlassen wird.Zweiraderfahrung hat der Ami kaum, nur zweimal fuhr er auf einer Indian die relativ kurze Strecke von Boston nach New York. Aber seine Motivation und sein Selbstvertrauen sind grenzenlos. Warnungen und Vorbehalte von Freunden und Offiziellen englischer Automobilclubs gegen dieses damals wahrhaft ungewöhnliche Projekt entkräftet Edison mit einem einzigen Satz: Überall dort, wo Menschen leben, gibt es auch Straßen und Wege. Der Glaube, er sei der erste Mensch, der die Welt auf einem Motorrad umrunden wird, spornt seinen jugendlichen Ehrgeiz an.Ausgerüstet mit einer Welt- und verschiedenen Länderkarten, mehreren Visa im Paß und mit kompletter Abendgarderobe im Gepäck - für eventuelle Einladungen bei Botschaften -, beginnt er seine Reise. Ein am Heck montierter, selbst konstruierter Zusatztank erlaubt eine Reichweite von rund 560 Kilometern. Ersatzteile und über 1000 Meter Film für Fultons 35-Millimeter-Kamera verschwinden in seitlich angebauten Metallkisten, seine persönlichen Sachen in einem Koffer, der auf einem Träger vor dem Windschild sitzt. Eine unter die Ölwanne geschraubte Eisenplatte soll das Triebwerk vor Bodenkontakt schützen und schafft zusätzlichen »Stauraum«, um einen 32er Smith&Weston-Revolver »für den eigenen Frieden« durch die Grenzkontrollen zu schmuggeln. Die montierten Autoreifen erweisen sich als Glücksgriff: Mit nur sechs Platten - stets hinten - überstehen sie die insgesamt 64000 Kilometer weite Tour praktisch schadlos.Nicht ganz so schadlos übersteht Roberts Ego die Fahrt durch Europa. Mit Bedauern notiert er in seinen Aufzeichnungen, daß ihm in Frankreich, Deutschland und Österreich kaum Interesse entgegengebracht wird, weil er in diesen Breiten nicht der Exot ist, der er gern sein möchte - Motorradfahrer kennt hier inzwischen jeder. Schnell bemerkt er, daß er zuviel Gewicht an Bord hat. Bis Griechenland hat er mehrere Bücher, seinen Anzug und selbst die Kochutensilien sowie den Schlafsack bereits wieder veräußert. Was bleibt, sind die Klamotten, die er am Leib hat, ein extra Hemd sowie ein Tropenhelm und eine Zahnbürste.Erst auf den Landstraßen in der Türkei beginnt für Robert die eigentliche Reise mit all den Abenteuern, die er sucht. Zwischen Istanbul und Mersina - und für den Rest der Reise - kämpft er, nur auf Zeichensprache angewiesen, gegen gutgemeinte, aber oft gegensätzliche oder völlig falsche Richtungsangaben, genießt die aufrichtige Gastfreundschaft der Landbevölkerung oder wird vielerorts stundenlang von Polizisten aufgehalten. Die langwierigen Kontrollen seien allerdings nur ein Vorwand, erfährt er bald von einem Beamten: Die Ankunft eines Motorradfahrers sei von so großen Unterhaltungswert für die Dorfbewohner, daß er ihn am liebsten - als »Gast« der Polizei - gleich für einen Monat dabehalten würde.Auf dem Weg in Richtung Jordanien fallen zum ersten Mal technische Probleme an: Sand und Staub haben der Kupplung so zugesetzt, daß Fulton nicht mehr in den Leerlauf schalten kann. So weit es geht, vermeidet er Pausen, um das Motorrad nicht nach jedem Halt mühselig auf dem losen Untergrund anschieben zu müssen. Oder fährt bei Weggabelungen so lange im Standgas im Kreis, bis er seine Karte studiert und sich für eine Richtung entschieden hat. Erst in Beirut kann er in einer Werkstatt den Schaden beheben.Die nächste große Etappe geht der Douglas-Fahrer mit gemischten Gefühlen an: Zwischen Damaskus in Syrien und Bagdad im Irak breitet sich ein über 800 Kilometer weiter Wüstenstreifen aus, über dessen Befahrbarkeit Fulton völlig unterschiedliche Informationen erhält. »Mit dem Motorrad hast du auf den festen Pisten kein Problem«, sagen die einen, »auf zwei Rädern hast du im tiefen Sand keine Chance«, warnen ihn die anderen. Fulton bunkert Wasser, Öl und Benzin - und verschwindet in der Weite der Wüste. Völlig auf sich allein gestellt, folgt Fulton in dem topfebenen Gelände der teilweise markierten Piste, kämpft gegen tiefe Sandpassagen, entdeckt zahlreiche Auto- und Flugzeugwracks - und trifft mitten im Nichts einen ehemaligen Arbeitskollegen seines Vaters, der mit einem Lieferwagen in entgegengesetzter Richtung unterwegs ist.Eine Leberinfektion fesselt den Weltreisenden knapp zwei Monate in Bagdad an ein Krankenhausbett. Schließlich ist es zu spät, auf dem gebirgigen, bereits verschneiten Landweg bis nach Indien zu fahren. Per Schiff gelangt Fulton nach Bombay und durchstreift das Land - stets mit dem Ziel vor Augen, im äußersten Nordwesten von Peshawar aus über den Khyber-Paß nach Afghanistan einzureisen, was damals aufgrund zahlreicher Grenzkonflikte und Stammeskriege als praktisch unmöglich galt. Wie in anderen kritischen Gebieten, die er laut offiziellem Rat lieber hätte meiden sollen, verläßt Edison sich darauf, daß er als Alleinreisender keine Bedrohung darstellt, sondern vielmehr als ein »auf Hilfe« angewiesener Gast gesehen wird. Und durchquert auch das »gefährliche« Afghanistan völlig unbehelligt, bei Stammesfesten in den abgelegenen Bergregionen gelingen ihm sogar bis dahin praktisch einzigartige Film- und Fotoaufnahmen.Nach sechs Monaten in Indien, Kaschmir und Afghanistan zieht es Fulton weiter in Richtung Osten. Er treibt seine Douglas in nur 90 Stunden rund 3000 Kilometer weit von Bombay bis nach Kalkutta und erreicht auf einem Frachtschiff zusammen mit 13 weiteren Passagieren und rund 1300 brüllenden Wasserbüffeln schließlich Sumatra. Von der tropischen Vegetation der Insel und von der Kultur und der Lebensweise der Menschen ist der Amerikaner begeistert. Schließlich reist er weiter nach Java, von wo aus er wieder per Schiff nach Singapur gelangt. Malaysia durchquert Fulton noch auf sehr gut ausgebauten Straßen, doch an der Grenze nach Siam, dem heutigen Thailand, muß er feststellen, daß keine Straße, sondern nur eine Zugverbindung ins rund 900 Kilometer entfernte Bangkok durch den ansonsten unzugänglichen Dschungel existiert - was ihn nicht davon abhält, mit seinem Motorrad tagelang über den holprigen Schienenstrang bis in die Hauptstadt zu fahren.Dafür gehört die »Route Mandarine«, die von französischen Kolonialherren angelegt wurde und durch das damalige Indochina (dem heutigen Kambodscha, Vietnam und Laos) über 1400 Kilometer weit bis zur chinesischen Grenze führt, zu den besten Straßen, auf denen Fulton bisher unterwegs war. Trotzdem kommt er kaum voran. Der jährliche Monsum ist weit heftiger als erwartet, und die starken Regenfälle begleiten ihn bis ins vietnamesische Hué, was seinem Motorrad allerdings nichts ausmacht. Die buddhistische Tempelanlage von Angkor Tom, die zu den größten von Menschenhand errichteten Bauwerken gehört und viele Jahrhunderte verschollen war, und Saigon, damals das »Paris des Ostens«, sind nur kurze Stationen auf Fultons Weg nach China, das er so schnell wie möglich erreichen will. Aber auch dort machen starke Regenfälle seine geplante Weiterfahrt entlang des Yangste-Flußes unmöglich. Frustriert und inzwischen völlig mittellos, erhält Fulton eine Schiffspassage von Haiphong nach Shanghai, wo er eine Geldsendung erwartet - indem er sein Motorrad dem Kapitän bis dorthin als Pfand anbietet.Nur mit einem Trick gelingt dem Amerikaner die Weiterfahrt durch China, dessen Straßen für reisende Ausländer gesperrt sind: An den zahlreichen Militärkontrollen, die seinen Reisepaß und sein Visum nicht anerkennen, präsentiert Fulton einfach eine seiner für 50 Cent in chinesischer Schrift gedruckten Visitenkarten, die ihn als Studenten der Havard-Universität ausweist - und kann mit diesem »Dokument« überall anstandslos passieren, weil ein Student in diesem Land höchstes Ansehen genießt. So gelangt Fulton bis nach Sianufu am Gelben Fluß, eine der größten Städte innerhalb Chinas, bevor er nach Japan übersetzt, um von dort aus per Schiff nach fast 18monatiger Weltreise nach San Francisco überzusetzen.Vor dem Douglas-Fahrer liegen jetzt noch 4500 Kilometer quer durch den Kontinent bis New York. Doch in seiner Heimat fällt ihm das Reisen schwerer als in allen anderen Ländern, die er bisher durchquert hat. Hier wird Fulton wegen seiner abenteuerlichen Erscheinung bestenfalls milde belächelt - und ausgerechnet hier wird ihm sein Motorrad gestohlen, das die Reise bislang praktisch völlig problemlos gemeistert hat. Doch Robert hat Glück: Den texanischen Behörden fällt nach einer Woche ein ihnen völlig unbekanntes, ausländisches Motorrad auf. Es ist die Douglas, unbeschädigt und fahrtüchtig bis auf ein paar fehlende Werkzeuge. Einen Tag vor Heiligabend, nach rund 64000 Kilometern durch 22 Länder, erreicht Edison das Haus seiner Eltern in New York. Erst später erfährt Fulton jr., daß er nicht der erste war, der die Welt auf einem Motorrad umrundet hat. Das war vermutlich der Amerikaner Carl Stevens Clancy. 20 Jahre vor Fulton.
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