Motorradreise Baltikum

Litauen, Lettland und Estland

Motorradwandern im nahen Osten Europas.
Motorradwandern im nahen Osten Europas.Ruhe in Reinkultur. Wer runterkommen will, ist bestens positioniert auf einer Motorradwanderung durch die Länder des Baltikums.Die Hauptstädte der baltischen Länder, hier Vilnius, sind charakterstarke, moderne, pulsierende ­Metropolen.Vom Sturm aufgewühlte Ostsee mit endlosen, menschenleeren Sandstränden in der Nähe von Nida.
17 Bilder

Berge, Pässe und Spektakel sind dem Baltikum völlig fremd. Die ruhige Landschaft und die lebendigen alten Hauptstädte sind die größten Trümpfe von Litauen, Lettland und Estland. Motorradwandern im nahen Osten Europas.

Vor vier Wochen kannte ich noch nicht mal die geografisch korrekte Reihenfolge der drei baltischen Staaten Litauen, Lettland und Estland. Aber während die blitzsaubere DFDS-Fähre von Kiel nach Klaipeda durch die ruhige Ostsee pflügt, habe ich genug Zeit, mich auf die unbekannten Länder einzustimmen. Der Reiseführer weckt die Neugier, macht Lust aufs Entdecken, das schon in Klaipeda beginnt. Die Stadt war bis 1920 die nördlichste Deutschlands und hieß bis 1945 Memel. Spuren der Geschichte, mal melancholisch, auch mal entsetzlich, die mir in den nächsten zwei Wochen begegnen werden.

Ostsee wird zum richtig wilden Meer

Eine kleine Fähre schippert mich und die Ténéré hinüber zur Kurischen Nehrung, Unesco-Welterbe, eine fast 100 Kilometer lange und ganz schmale Landzunge, die das Kurische Haff von der Ostsee trennt. Eigentlich ist die Nehrung eine einzige lange Düne, heute größtenteils mit Kiefernwäldern aufgeforstet, womit den Dünen das Wandern abgewöhnt wurde. Bis Nida, dem bildhübschen Hauptort, kann ich fahren, dann verhindert die Grenze das Weiterkommen. Es bleibt nur der Blick über den endlosen und menschenleeren Sandstrand hinüber nach Russland.

Foto: Jo Deleker
Die Ostsee in der Nähe von Nida.
Die Ostsee in der Nähe von Nida.

Über Nacht hat ein ungewöhnlich starker Sommersturm dem Strand alle Spuren genommen, hat diverse Bäume gefällt und aus der sonst so müden Ostsee ein richtig wildes Meer gemacht. Breit und weiß dröhnt die Brandung an den Strand, schwere Regenschauer wandern am Horizont entlang. Schönes Wetter. Das Sommeridyll hat Pause. Zeit, sich die alten und urgemütlichen Fischerhäuser von Nida anzusehen und im Bernsteinmuseum über Spinnen, Fliegen und Mücken zu staunen, die vor 20 Millionen Jahren in den gelben Klumpen des fossilen Harzes für immer gefangen wurden. Ob vielleicht eine der Moskitos noch abgezapftes Dinosaurierblut im Bauch hat?

Eine ruhige Reise durch ein ereignisarmes Land

Genug der Nehrung, ich möchte der Memel, die heute Nemunas heißt, bis zur Hauptstadt Vilnius folgen. Eine ruhige Reise durch ein ereignisarmes Land, Wald und Wiesen, viele Störche, hier und da ein Dorf, an dem sich die Zeit fast spurlos vorbeigemogelt hat. Der große Fluss schweigt, keine Welle kräuselt das dunkle Wasser, zäh und langsam schiebt er sich zur Ostsee. Radfahrer tragen Warnwesten, aber keine Helme. Fußgänger tragen Warnwesten und große bunte Einkaufstaschen. Auf einer Weide melkt eine Frau eine Kuh. Die Frau trägt Warnweste, die Kuh noch nicht. Hektik kommt hier nie auf, die Jahre fließen genauso ruhig vorbei wie der Fluss. Ein gelbes Schild weist nach Tilsit, das heute Sowetsk heißt, nur fünf Kilometer entfernt, aber doch nicht erreichbar, weil die alte ostpreußische Stadt nun in Weißrussland am anderen Memelufer liegt.

Foto: Jo Deleker
Die Fähre fährt nur, wenn jemand kommt.
Die Fähre fährt nur, wenn jemand kommt.

Tage später bin ich in der Halbmillionenstadt Vilnius. Eine andere Welt. Ich zelte am Stadtrand und fahre mit einem rappeligen Uralt-Elektrobus ins Zentrum. Die Fahrerin möchte nicht angesprochen werden, schon der Fahrkartenverkauf scheint ihr eine seelische Qual zu sein. Vielleicht fährt sie diesen Bus schon seit 40 Jahren, das rustikale Paar hat sich über die Jahrzehnte angeglichen, mürrisch und zwangsweise funktionierend. Die Mitfahrer sind handydaddelnde Jugendliche und Muttis, die das russische Klischee von etwas zu drall, etwas zu blond und etwas zu überschminkt bestens erfüllen. Es geht durch hässliche Plattenbausiedlungen bis ins Zentrum zum Geležinkelio Stotis. Ein schweres Wort für Bahnhof.

Zahlreiche Seen und kleine gemütliche Dörfer

Aber dann: Vilnius hat nichts mehr von der bisherigen Melancholie, die breiten und lebendigen Boulevards, die tolle Altstadt mit monumentalen Gebäuden, Cafés wie in Italien, ein kunterbuntes Publikum, großzügige Plätze, das hat Weltstadtniveau. Fast alles bestens restauriert, die alte Uni ein architektonischer Traum, von ihrem 68 Meter hohen und über 400 Jahre alten Turm blicke ich über die alte Stadt mit ihren 50 Kirchen. Drei Tage bleibe ich in Vilnius, viel länger als geplant, bin fasziniert von der Aura, bin schockiert beim Besuch des KGB-Museums mit seinen Folterkellern, wo Tausende von Regimekritikern ermordet wurden. Wem das als Horror nicht reicht: Zwei Straßen weiter erinnert das Holocaust-Museum eindringlich an die 200.000 Juden, die von den Nazis in Litauen umgebracht wurden.

Foto: Jo Deleker
Einer von unzähligen Seen im Osten Litauens.
Einer von unzähligen Seen im Osten Litauens.

Schnitt. Tief durchatmen und zurück in den Landmodus schalten. Was nicht leicht ist nach den starken Eindrücken der Hauptstadt. Ich peile Kurs Nordost an, geradewegs in die „Litauische Schweiz“. Tatsächlich bekommt die Ebene Beulen und Senken, dann sogar sanfte Hügel und angedeutete Täler, zahlreiche Seen und kleine gemütliche Dörfer garnieren den Nationalpark Aukštaitija, die Straße gewinnt in sanften Windungen ein wenig Höhe, schrammt knapp am vierthöchsten „Berg“ des Landes vorbei, dem Nevaišiu, präzise 289 Meter hoch. Immerhin.

Ab nach Estland

Und weiter, hinunter in die Ebene nach Zarasai, über die kaum erkennbare Grenze nach Lettland und weiter ans Ufer der Daugava. Ein mächtiger Fluss, mit 1.020 Kilometern fast so lang wie die Elbe, und doch habe ich noch nie von ihm gehört. Terra incognita eben, auch deshalb bin ich hier, um Neues zu entdecken. Eine staubige Piste zieht sich durch die flirrende Mittagshitze am Ufer des ruhigen Stroms nordwestwärts. Ab und zu kommen Letten in Volkswagen, Hyundais oder Dacias im Rallye-Tempo entgegen, ziehen mächtige Staubwolken hinter sich her, nehmen keinerlei Rücksicht. Sie wollen sicher rechtzeitig zur abendlichen Mittsommerparty kommen. Heute ist der 23. Juni, Johannisnacht, der wichtigste Nationalfeiertag. Vier Tage wird das Land laut und feuchtfröhlich feiern, Geschäfte sind geschlossen, die Straßen leer. Ist es ein Zufall, dass so viele lettische Städte auf -pils enden? Jekabpils, Daugavpils, Ventspils, Salaspils. Prost. Aber da sind noch andere Bilder, die mir Lettland vermittelt. Stille Landschaften bar jeder Dramatik, prächtige Gutshäuser, die bis zur Enteignung und Vertreibung nach 1920 über viele Generationen vom deutschen Landadel bewohnt waren, die ersten russisch-orthodoxen Kirchen, lange Abende dank der gleichen nördlichen Lage wie Schottland, das Paddler-Paradies im Nationalpark Gauja und tolle alte Städte wie Jakobstadt oder Cēsis. Bilder, die vor allem eines ausstrahlen: Ruhe.

Foto: Jo Deleker
Die alten Windmühlen von Angla.
Die alten Windmühlen von Angla.

Das ändert sich auch nicht, als ich abermals die Grenze passiere, jetzt nach Estland. Neues Land, und eine weitere Sprache, von der ich nichts verstehe. Estnisch klingt wie Finnisch und sieht auch so aus. Ich folge der Ostseeküste, genieße die frische Meeresluft, entere die Fähre hinüber zur größten Insel des Landes, nach Saaremaa. In irgendeiner Zeitschrift hatte ich eine verlockende Geschichte über diese Insel gelesen. Und nun bin ich hier, kreuze fast 300 Kilometer durch plattes grünes Land, Wiesen und Wald, nur selten ein Blick zur Ostsee, die ständige Abwesenheit von Reizvollem, nur die netten alten Windmühlen von Angla und die fette Burg von Kuressaare, das war’s. Also zurück aufs Festland bis nach Haapsalu. Viel besser. Eine nette Kleinstadt mit skandinavischem Flair, bunte Holzhäuser, das gemütliche Zentrum mit der uralten Burg und der wunderschön restaurierte alte Bahnhof, den der russische Zar höchstselbst vor 110 Jahren bauen ließ, um komfortabel in seinen Lieblingskurort reisen zu können. Vor dem Bahnsteig schlummern drei Dampfloks, zwei russische und eine deutsche 52er-Güterzuglok. Haapsalu hat Wohlfühlatmosphäre.

Entspanntes Cruisen und kaum Verkehr

Spuren der sowjetischen Besatzungszeit sind hier kaum noch zu sehen, Estland hat nach der Unabhängigkeit erstaunlich schnell auf Zukunft umgeschaltet. Freies öffentliches Wi-Fi gibt’s fast überall, kaum ein Land hat sich so dem Internet verschrieben. Litauen und Lettland entwickeln sich zwar langsamer, aber selbst dort bin ich erstaunt, was die baltischen Länder seit 1991 auf die Beine gestellt haben. Ganz ohne eine billionenschwere Unterstützung aus dem Westen, die in der Ex-DDR für rasante Entwicklung und Umgestaltung gesorgt hat. Die Baltenländer mussten alles selber stemmen, dazu den Wegfall der alten russischen Märkte meistern und haben es trotzdem geschafft. Das verdient Respekt!

Foto: Jo Deleker
Das Baltikum überrascht mit vielen schönen Motorradstrecken.
Das Baltikum überrascht mit vielen schönen Motorradstrecken.

Noch einen Tag bis Tallinn, gewohnt entspanntes Cruisen über fast verkehrsfreie Nebenstraßen durch die grüne und flache Welt, Kühe und Störche zählen, dem Tacho der Ténéré beim Kilometersammeln zusehen. Und dann die Hauptstadt Estlands, Tallinn, das frühere Reval. Tallinn ist anders, Tallinn fasziniert, Tallinn ist hochmodern trotz seines mittelalterlichen Kerns. Keine andere Hansestadt ist so gut erhalten wie Tallinn, ein geschlossenes Ensemble von großen Handels- und Bürgerhäusern, allesamt 400 bis 700 Jahre alt. Würde man einen Historienschinken aus der Blütezeit der Hanse drehen, Tallinn ist die perfekte Bühne, hier braucht es keine zeitgenössische Kulisse, alles ist echt. Und trotzdem nicht museal tot, sondern höchst lebendig, beinahe italienisch. Die nächste Überraschung. Wie das ganze Baltikum. Wo es, allen Vorurteilen zum Trotz, sogar echt Spaß bringende Motorradstrecken gibt. Gut, dass ich endlich hier war, weiße Flecken auf meiner persönlichen Landkarte mit Farbe gefüllt habe. Terra incognita war gestern.

Weitere Infos

Das Baltikum, drei kleine Länder zwischen Polen und Russland. Grün, flach und dünn besiedelt, gleichzeitig spannend und entspannend mit den Spuren deutscher und russischer Geschichte. Die Höhepunkte sind aber die jeweiligen Hauptstädte Vilnius, Riga und Tallinn.

Allgemeines: Die drei baltischen Länder sind etwa halb so groß wie Deutschland, hier leben aber nur 6,1 Millionen Einwohner im Gegensatz zu 82 Millionen in Deutschland. 1991 haben sich die drei Länder friedlich von der UdSSR gelöst, sind seitdem unabhängig und wurden 2004 Mitglied der EU, aber auch der NATO, was politisch sehr umstritten war. Jedes Land hat seine eigene Sprache, inzwischen aber als gemeinsame Währung den Euro.

Anreise: Die bequemste und schnellste Anreise geht über die Ostsee. Jeden Abend legt eine moderne Schnellfähre von DFDS in Kiel ab und erreicht 20 Stunden später Klaipeda in Litauen. Kosten für eine Person plus Motorrad ab 98 Euro. Info: www.dfdsseaways.de. Etwas günstiger, weniger komfortabel und acht Stunden langsamer sind die Stena-Fähren, die von Travemünde nach Liepaja in Lettland schippern und dort nachts um 1 Uhr anlegen. Info: www.stenaline.de. Der Landweg führt durch Polen. Von Köln bis Klaipeda legt man dabei etwa 1.700 Kilometer zurück.

Reisezeit: Ab Mitte Mai sind die Nächte kurz, die Niederschläge flüssig, aber nicht häufiger als in Norddeutschland, und die Temperaturen etwa wie in Dänemark oder Südschweden. Mitte September kommt der Herbst.

Geld & Papiere: Gemeinsame Währung ist der Euro. Nachschub an Bargeld gibt es an ausreichend vorhandenen Geldautomaten. Litauen und Lettland sind deutlich günstiger als Deutschland, Estland nicht. Zur Einreise reicht die „EU-Normalausstattung“: Personalausweis, Fahrzeugschein und Führerschein.

Straßen: Zumeist gut asphaltiert, vor allem die Fernstraßen. Wer sucht, findet aber auch ein dichtes Netz zumeist legal und passabel ­befahrbarer Pisten. Vor allem in Lettland sind manche unterrangige Straßen nicht geteert.

Unterkunft: Campingplätze sind preiswert und oft schön gelegen. Pensionen und Hotels sind auf dem Land dünn gesät, in den großen Städten aber reichlich zu finden. Vorbuchen am einfachsten über www.booking.com oder mithilfe eines guten Reiseführers. Die spontane Suche kann bisweilen nervig werden, da die Hotels oder B & B oftmals schlecht ausgeschildert sind.

Bücher & Karten: Sehr bewährt hat sich der Baltikum-Reiseführer aus dem Reise-Knowhow-Verlag. Mehr als 900 Seiten dick, trotzdem handlich, prall voll mit hilfreichen Infos, 24,90 Euro. Zum gleichen Preis bietet auch Lonely Planet einen Baltikum-Führer an. Zum Einstimmen eignet sich der DuMont Bildatlas für 9,90 Euro. Gute Karten gibt es ebenfalls von Reise-Knowhow, drei Einzelblätter der Länder sowie eine ­Gesamtkarte für das Baltikum. Kosten je Blatt 9,95 Euro.

Infos im Netz:

Länder:

  • Litauen, Lettland, Estland

Hauptstädte:

  • Vilnius, Riga, Tallinn
  • Einwohner: 6,1 Millionen
  • Länderfläche: 175.000 km²
  • Währung: Euro

Artikel teilen

Anzeige