Intermot/IVM-Designpreis Klamotten (Archivversion)

Prêt-à-rouler

Bisher war’s so: Gore-Tex kills sex. Umgarnt von multifunktionaler Faser, konnte der Motorradfahrer zwar unbekümmert im Regen stehen, sah dann aber nur allzu oft ziemlich bedröppelt aus. Junge Designer mit neuen Ideen wollen das ändern.

Cool wäre ja Folgendes: Wenn sie vom Motorrad steigt und die Hose runterlässt. Diese Vorstellung hat die Jury wohl überzeugt, das Gremium, in dem unter anderen MOTORRAD-Chef Michael Pfeiffer votierte. Es galt, die Klamotte zu küren,
die anmacht, nicht nur die Jury, sondern die Youngster. So stand es in der Ausschreibung zum Intermot/IVM-Designpreis. Damit die Jugendlichen nicht auch deshalb vom Motorrad absehen, weil sie sich abstrus zu kostümieren hätten. Etwa wie Mama und Papa im schwarzbunten Partnerlook auf weinroter Pan European.
Die wiederum, Mama und Papa, können es sich mitunter nicht mehr leisten,
die Hose runter zu lassen, zumindest nicht
in der Öffentlichkeit. Jene jungen Damen indes, für die Designerin Franziska Paulik ihre Kreation »Every Wear« gezeichnet und geschneidert hat, dürfen sich das leisten. Mit dem Motorrad vor die angesagtesten Schuppen der Stadt fahren und – als Sansculotte, sozusagen – in Motorradklamotten eine gute Figur machen. Die Verlängerung der Jacke kann nämlich »als Rock und
somit als Nightclub-Outfit für die ‚Rockerbraut’ dienen«. Nicht nur modisch, auch auf der Straße kommt der Trägerin von »Every Wear« eine Führungsposition zu. Zumindest kann man das, in geschlechtsspezifischen Fragen sensibilisiert, aus der Beschreibung des Entwurfs durch die
Designerin herauslesen: »Ein integriertes LED-Display auf dem Rücken ermöglicht die Kommunikation mit dem Hintermann.«
Übrigens auch dann, wenn Frau Mann auf der Piste hinter sich lässt, auf der Skipiste. Denn Every Wear soll, dem Namen gemäß, ebenso auf gepulvertem Steilhang sich vorzüglich und vorzeiglich tragen lassen. Meinte die Jury ebenfalls und sprach Franziska Paulik den ersten Preis in der Kategorie Mode zu. Ein Hersteller, der das Outfit in Serie umsetzen will, fand sich allerdings noch nicht. Das mag daran
liegen, dass die Stärke des Entwurfs, der Versuch, mehrere Lebenswelten zu verbinden, gleichzeitig seine Schwäche ist. Ilona Wiener vom Bekleidungshersteller Stadler sieht das so: »Die Kreation gefällt mir
sehr gut. Ich halte sie aber trotzdem für
schwierig, weil sie für den Motorradbereich nur mit großen Einschränkungen geeignet ist. Die Hose sitzt sehr tief auf der Hüfte, gleichzeitig ist die Jacke, ohne die Ver-
längerung getragen, sehr kurz.«
Allein nach funktionalen Kriterien die Beiträge zu beurteilen, würde ihnen selbst und dem gesamten Wettbewerb jedoch nicht gerecht. Meint auch Ilona Wiener. Da ging es weniger darum, serienreife Modelle zu präsentieren, die sich an den Notwendigkeiten so stark orientieren, dass sie vom bisher Üblichen kaum zu unterscheiden sind. Vielmehr sollte der Wettbewerb dazu dienen, überkommene Muster auf-
zubrechen, auf das zu schauen, was von anderen Szenen adaptiert werden könnte. Deswegen, findet nicht nur Ilona Wiener, kommt es den Entwürfen sogar zugute, dass die Designerinnen und Designer nur in Ausnahmefällen Motorrad fahren.
Jens Föhl, Geschäftsführer und Gesellschafter von Motoport, hofft, dass damit
in der Motorradbranche endlich wieder Trends zu setzen sind. »Der Wettbewerb ist eine gute Idee. Die Entwürfe scheinen mir für die Branche zwar sehr avantgardistisch, aber es ist doch interessant, sich
mit der Motorradbekleidung an Freestyle und Streetstyle anzulehnen.« Sehr vorsichtig sei die Branche sonst, vielleicht zu
vorsichtig, denn daraus resultierten einige
ihrer Probleme. Zum Beispiel, dass alles am besten schwarz sein sollte. »Die Händler verlangen massenkompatible Ware, weil sie verunsichert sind, glauben, anderes nicht absetzen zu können, zumindest nicht in ausreichendem Maß.« Man setzt auf vermeintlich Sicheres. Und das heißt für Föhl Langweiligeres. Doch das, die Langeweile, gehört unter Motorradfahrern zum
guten Ton, und sei’s nur, was
die Mode angeht. »Auf dem
Motorrad«, ergänzt
Föhl, »ist es ohne weiteres möglich, mit einer zehn Jahre
alten Jacke
locker rumzufahren, im Snowboard-Bereich
etwa geht das
überhaupt nicht.«
Auf der anderen Seite, sagen Wiener und Stefan Piwek von Krawehl, dürfe Motorradbekleidung zwar modisch
sein, aber keine Mode. Keine Mode für eine Saison. Witzig dürfe sie sein, sich jedoch nicht auf einen Gag reduzieren. Den Anzug »Die perfekt geschnittene Kurve« charakterisiert Piwek denn auch als »schönes Wortspiel und rundum pfiffigen und witzigen Entwurf, den man sich von Schnitt und Ausstattung her auf dem Motorrad gut
vorstellen kann. Verkaufen lässt sich so was aber – heute noch? – kaum«. Dies
zeige, wie andere Anzüge ebenfalls, »perfekt das Dilemma des Designwettbewerbs auf: Modisch zu sein und die praktischen Ansprüche an einen Motorradanzug zu erfüllen ist einfach schwer«.
Doch genau dies zu demonstrieren macht den Wettbewerb so interessant. Zumal er auch Ergebnisse brachte, die direkt in die Produktion umgesetzt wurden. Stadler hat »Family Affairs« der Pforzheimer Studentin Karen Feiter bereits auf der Intermot als Teil der neuen Kollektion präsentiert. Warum gerade »Family Affairs?« Für Jens Föhl von Motoport ist die Sache klar, denn diese Familienangelegenheit könnte er sich gut in seinem eigenen Programm vorstellen, »sieht realistisch aus und ist dennoch mal was anderes«.
Realistisch und dennoch etwas anderes – deshalb hat Stadler nicht gezögert, den Entwurf für die eigene Kollektion zu kaufen. »Wir waren«, sagt Ilona Wiener, »von Anfang an begeistert. Der Stil passt zu uns. Er bringt neue Elemente, zum Beispiel die Art, in der die Taschen abgedeckt sind, die Faltenlegung, wie das Reflex-
material eingearbeitet ist, sowie die an der Außenseite länger geschnittenen Ärmel und Hosenbeine. Es waren viele Kleinigkeiten, die uns überzeugt haben.« Zwar hat die Modestudentin als Teil ihrer Arbeit auch Kinderbekleidung gestaltet, doch die stellt Stadler nicht her. »Das wird nicht nachgefragt, da ist unser Preissegment zu hoch, gerade, weil ja die Kinder sehr schnell aus der Kleidung rauswachsen«, resümiert Ilona Wiener.
Ohnehin scheiden sich am Preis die Geister. Das wiederum ist auf eine grund-
legende Veränderung des Marktes zurückzuführen, übrigens nicht nur in der Motor-
radbekleidungsbranche. Wie das Beispiel
Karstadt zeigt, ist mit der Mitte, der Mittelmäßigkeit, kein Geld mehr zu machen, da der Kunde entweder richtig sparen will, nur noch auf den Preis schielt, zum Discounter geht, oder aber bereit ist, für das Besondere, das Einkaufserlebnis und den Markenartikel, richtig viel zu bezahlen.
650 Euro hat Stadler für die Herrenjacke von »Family Affairs« veranschlagt, 400 für die Hose, womit beide Produkte im oberen Preissegment liegen. Ein Preis, der sich aus den hohen Qualitätsansprüchen ergebe, erklärt Wiener. Ein Preis, der aber nur schwer zu kommunizieren sei, meint Motoport-Mann Föhl. »In unserer Branche sind wir mit dem Marketing noch nicht
so weit wie etwa in der Snowboard-Szene, wo solche Summen locker hingelegt werden, wenn das Produkt und dessen Image stimmen.«
Das hingegen, das Image nämlich, hängt stark mit dem Design des Produkts zusammen. Und deshalb finden fast alle der befragten Hersteller aus der Bekleidungsbranche den Intermot/IVM-Wettbewerb – aller Bedenken zum Trotz – auch gut. So gut, dass er auf jeden Fall weitergeführt werden sollte. So gut, dass sie sich da weiter engagieren würden.
Nun ja, es gab auch Firmen, die hielten alles, was auf der Designausstellung im Rahmen der Münchner Intermot zu sehen war, für abgehoben, für völlig untauglich, jemals in die Praxis überführt zu werden. Die wollen allerdings nicht genannt werden, weil sie sich mit diesem Urteil selbst ins Abseits stellen.
»Mag sein, dass einige Arbeiten völlig untauglich sind«, zieht Föhl sein Fazit. »Aber sogar die sind interessant, weil sie
zeigen, wie jemand, der vom Motorradfahren nur wenig Ahnung hat, sich damit auseinandersetzt.« Außerdem: Warum soll es beim Motorrad anders sein als bei Gucci, Dior und der übrigen Haute Couture? Auf diesen Modenschauen laufen
idealfigürliche Models über den Steg
mit Fummeln an, die sich niemand
traute, für den Stadtbummel überzustreifen. Könnte man auch sagen: Was soll das? Später dann finden sich Elemente dieser Kostüme in Klamotten, die Hinz und Kunz von der Stange kaufen kann – Prêt-à-porter.
Beim Motorrad hieße das: Prêt-à-rouler, fertig, um damit abzufahren. Und genau das sollen ja die Jugendlichen, die Zweiradkunden von Morgen, denen man schlecht mit dem Schick von Gestern kommen kann, um sie fürs Motorrad und das damit verbundene Lebensgefühl, die damit verbundene Lebenswelt zu begeistern.
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