Nachrüst-Hauptständer (Archivversion)

Hebensgefahr

Eigentlich sollen sie die Arbeit erleichtern. Eigentlich soll alles ganz leicht gehen. Doch eigentlich ist die Gefahr groß, sich eine ordentliche Zerrung einzuhandeln.

Kette schmieren, Kette spannen, Hinterrad aus- und einbauen, am Federbein hantieren - es gibt genug Situationen, in denen ein Hauptständer gute Dienste leistet. Das wissen auch die Motorrad-Konstrukteure, aber die Kaufleute reden halt kräftig mit, und so werden fast alle Sportler und die meisten Enduros ohne Aufbockvorrichtung geliefert. Gründe wie »eingeschränkte Schräglagenfreiheit« dürften keine Rolle spielen, denn daß es auch sehr elegant mit serienmäßigem Hauptständer geht, zeigt die Honda CBR 600 F.Während die Sportler-Fraktion für den Service-Fall gern auf Montageständer zurückgreift, favorisieren die Stollenritter den Nachrüstständer. Marktführer für die praktischen Zubehörteile ist JF Motorsport (Telefon 0 60 02/17 71) mit den Produkten der Five Stars-Reihe. Die Hessen bieten für 149 bis 169 Mark Teile für alle fast gängigen Japan-Enduros an. Mitgeliefert wird ein TÜV-Gutachten, das eine Anbauabnahme vorschreibt. Die freundlichen Sachverständigen vom TÜV Norddeutschland machen das zum Beispiel für 34.50 Mark. Zweiter Anbieter für Hauptständer ist die Firma Buzzetti. Die Produktion in Italien wurde mittlerweile eingestellt, aber der deutsche Versandhändler Götz (Telefon 0 74 76/93 31 50) hat die Rechte erworben und produziert die 109 bis 139 Mark teuren Ständer in Eigenregie. Für einige Modelle liegt noch kein Gutachten vor, was in der Praxis aber auch nicht weiter dramatisch ist, denn eine Einzelabnahme ist bei Hauptständern keine große Aktion. Der Sachverständige prüft den korrekten Anbau, beurteilt die Werkstoffqualität und achtet auf Freigängigkeit und die vorgeschriebene doppelte Sicherung durch zwei Federn. Der Zeitaufwand für eine solche Prüfung sollte eine halbe Stunde eigentlich nicht übersteigen. Bei TÜV Norddeutschland zum Beispiel ist man dann mit 67 Mark dabei.Einem handwerklich sauber gemachtem Eigenbau steht damit also auch nichts im Wege. So ganz abwegig ist der Gedanke an die Selbsthilfe nicht, denn zu fast allen MOTORRAD-Enduro-Gebrauchtkäufen gibt es Leserzuschriften, in denen von schlecht verarbeiteten, paßungenauen, verbogenen und gebrochenen Zubehörständern die Rede ist. MOTORRAD machte mit den Five Stars-Ständern für eine Honda Transalp und eine Suzuki DR 350 ebenfalls schlechte Erfahrungen: grausam gebratene Schweißnähte, schlecht oder gar nicht entgratete Kanten und mit bloßem Auge zu erkennende Paßúngenauigkeiten. Merkwürdig war allerdings, daß die für die gleichen Motorradmodelle von Götz verkauften Five Stars-Hauptständer eine deutlich bessere Qualität aufwiesen. Erklärung laut JF Motorsport: MOTORRAD erhielt noch Ständer aus der bis einschließlich 1994 gefertigten Serie, Götz erhielt die ab Anfang 1995 deutlich verbesserten Modelle. Den Kunden interessiert es natürlich herzlich wenig, warum er eine Gurke erwischt hat, daher unser Tip an alle Käufer, die 1995 oder in diesem Jahr das alte Modell (erkennbar an den als Trittfläche eingeschweißten Winkeln) erworben haben: vertrauensvoll an JF Motorsport wenden.An einem weiteren Ärgernis sind die Hauptständer-Hersteller meist schuldlos. An den völlig untauglichen Hebelübersetzungen mancher Ständer nämlich, die das Aufbocken zur Schwerarbeit machen. Um den Anbau so leicht und vor allem stabil wie irgend möglich zu machen, müssen die Zubehör-Konstrukteure auf vorhandene Befestigungspunkte zurückgreifen. Und die sitzen bereits ab Werk etwas ungünstig (Honda Transalp) oder aber goldrichtig (BMW F 650). Kein Wunder, daß die Bedienungskräfte von Original- und Zubehörteil nahezu identisch sind. Ganz konkret: Die Honda Transalp läßt sich immer schwer aufbocken, die BMW F 650 immer spielend leicht - egal, mit welchem Ständer. Extrembeispiel für brutal hohe Bedienungskräfte ist die DR 350. Einziger Befestigungspunkt für einen Hauptständer-Träger ist die Fußrastenaufnahme, das sorgt für eine ungünstige Übersetzung. Das Resultat: Selbst gut trainierte Zwei-Meter-Menschen schaffen es nicht, die DR im ersten Versuch aufzubocken. Wer sich also für einen Hauptständers interessiert, sollte sich lieber vor dem Kauf bei Händlern oder Markenkollegen über die genauen »Gefahren« schlau machen.
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