20 Jahre XT 500 (Archivversion)

Der letzte Kick

1976 war das Jahr der XT. Entgegen dem Trend zum fetten Vier- und Sechszylinder setzte Yamaha auf eine karge 500er Enduro und eroberte mit ihr die Herzen der Fernreisenden. Kaum ein Buschhäuptling, der nicht mal einer begegnet wäre. Rolf Henniges verbrachte einige Jahre mit einem solchen Eintopf.

Als ich sie mit 14 vor dem Schulhof sah, war sie längst schon Legende. Als ich 16 wurde, hatte Goethe eine, ein Freund aus dem Nachbarort. Baujahr 1976. Die mit der tiefen Auspuffanlage. Ankicken konnte er sie nicht. War wohl irgend was mit der Zündung. Doch das wußten wir damals noch nicht. War aber egal, denn Goethe hatte Glück. Er wohnte in Hanglange und hatte nach einer Woche den Dreh raus, das Ding anzuschieben. Was dann kam, war galaktisch. Alle im Umkreis von acht Kilometern hörten das Urviech röhren, und bei jedem Stopp bildete sich ein Kreis beeindruckt nickender Verehrer um das Paar. Nachdem Goethe sein Auto volltrunken im Schlafzimmer unseres Bürgermeisters geparkt hatte, trennte er sich erst von seinem Führerschein und dann von der XT. Für nur 1500 Mark erwarb ich meine erste lebende Legende - und die dazugehörige blaue Wade. Denn die Legende schlug zurück. Bei jedem Kick. Bis meine Trittversuche immer zaghafter wurden und dann natürlich überhaupt nichts mehr ging. Mein Vater, ein Zimmermann, blickte durch: »So einen Dampfhammer braucht Kraft zum Starten, sonst nix«, erklärte er mir. Gebannt schaute ich zu. Mit Hämmern hatte er ja schließlich Erfahrung. Ohne Rücksicht auf Verluste, Kolbenstand und Spätfolgen haute er mit roher Gewalt den Kickstarter runter und brachte die 499 ccm beim ersten Tritt zum Laufen. Vier Wochen später erhielt er bei selbigem Versuch nicht nur einen mechanischen, sondern auch gesundheitlichen Tiefschlag und befahl mir, den Bock in die Werkstatt zu schieben. Mit den Worten »Die Zündung stand zu früh« kassierte ein älterer Herr im Blaumann den Gegenwert zweier XT-Tankfüllungen von mir. Der Preis war okay, denn spätestens nach acht Litern war das Benzinfaß immer voll. Nach korrigierter Zündeinstellung offenbarte sich erstmals das ganze Potential meiner Gefährtin. Bei den meisten XT war bei 135 Km/h Hängen im Schacht. Aber nicht bei meiner. Die ging Spitze fast 160. Natürlich nur, wenn ich mich auf den Tank legte und die Rolle an den Anschlag drehte. So viel beschleunigte Energie mußte allerdings auch wieder verzögert werden. Mit den Originalbremsen war dies jedoch ein Problem, und nach nur fünfmonatiger Freundschaft steckte meine Gefährtin bis an die Rahmennummer im Heck eines Renault R4 und ich in argen Schwierigkeiten. Unter anderem, weil mir mit 18 Jahren noch das rechte Gefühl für gelungene Auftritte vor den Bullen abging. Optisch zumindest. Teerstinkendes Belstaff, schmieriges Leder, Jethelm Marke No-name, fünfzigfach sturzgeprüft und mit angetackertem Hasenschwanz oben rechts. Hatte ich irgendwann mal überfahren, das arme Tier. Und auf der Sitzbank das unvermeidliche Schafsfell. War nicht nur kultig, sondern hielt im Winter warm und im Sommer kühl. Wurde mir zumindest von erfahrenen XTlern so gesagt. Mit verachtendem Blick auf Hasenschwanz und Iso-Fell zogen die Grün-Weißen nicht nur meine Fahrerlaubnis, sondern auch die Maschine ohne Umwege aus dem Verkehr. Zwölf Jahre sind seitdem vergangen. Neben zwei anderen Motorrädern steht auch heute noch eine XT in meiner Garage. Baujahr ´80 und mit 183 000 Kilometern auf der Uhr. Die meisten selbst draufgefahren. In weniger als fünf Jahren. Eine Erklärung dafür, warum dieser fahrende Vibrator mit Notbeleuchtung eine so große Fangemeinde fand, wird man in den technischen Daten vergeblich suchen. Ihr Acht-Liter-Tank zwingt selbst den hartgesottensten Langstrecken-Fetischisten zu stündlichen Zwischenstopps, Wind- und Wetterschutz existieren höchstens in der Phantasie, und nennenswerte technische Verbesserungen gab´s in 14 Baujahren von 1976 bis 1990 gerade eine: Zum zehnten Geburtstag wurde von sechs auf zwölf Volt umgestellt. Die Funzel mit dem Karbidfluidum wich einem echten Scheinwerfer. Taten statt Daten lautet denn offenbar das Suchwort, um den Mythos des Halbliters zu entschlüsseln. Nach ihrer Vorstellung in Las Vegas Ende 1975 wurde die XT zum Spielmobil der Fach-Journalisten. Auf der Test-Meßlatte Bewertungsspannen von »wagemutigem Vorsprung« bis »technischem Rückschritt« kühn überbrückend, verströmte der Single offenbar eine Faszination, die alle befiel, die jemals auf einer XT gesessen hatten. Als erstes begriffen die Geländesportler, was für ein Kaliber die Japaner da hingestellt hatten. Schon bald sorgte die 500er auf den Sprunghügeln der Cross-Artisten in der TT- Version für sonoren Ohrenschmaus im Feld der bellenden Zweitakter. Und 1979 und 1980 gewann Cyril Neveu gleich zweimal hintereinander mit einer gerade 35 PS starken Rallye-Version die legendäre Paris-Dakar. 1980 war bereits das halbe Pariser Starterfeld mit der Yamaha ausgestattet. Der Bann war gebrochen, und der Ruf ihrer Unzerstörbarkeit trieb bald die ersten Extremreisenden mit dem Vehikel um den Erdball. Das ultimative Fernreise-Motorrad war geboren. Nur logisch, daß sich bald auch die entstehende Motorrad-Zubehörindustrie auf das multifunktionale Bike stürzte und Um- und Anbauten aller Art entwickelte. Mit dem Ergebnis, daß letztlich kaum eines der 25 000 allein in Deutschland verkauften Exemplare dem andern glich. Außerdem ganz wichtig: Eine XT mußte laufen. Immer. Winterstillegungen waren zumindest in meinem Freundeskreis völlig out. Wäre ja auch ziemlich uncool gewesen. Außerdem sprang der Eintopf bis minus 20 Grad noch beim ersten Tritt an. Na ja, meistens. Wir probierten´s jedenfalls immer wieder aus. Dank Luftkühlung konnte nicht mal was einfrieren. Und noch einen besonderen Reiz hatte die kalte Jahreszeit in Sachen XT: Dann waren sie billig zu kriegen, die Dinger, und wir lagen zwischen November und Februar ständig auf der Lauer. Im Winter 85/86 war es wieder soweit. In dichtem Schneetreiben fuhr ich mit meinem Kumpel Tobbi ins 150 Kilometer entfernte Kassel, um bei einem Harley-Händler eine inserierte XT anzuschauen. Während der Händler sich noch bemühte, Tobbi von der Probefahrt abzubringen, setzte ich mich zu ein paar debattierenden Bartträgern an einen Tisch. Von meterlangen Gabeln war da die Rede, von durchvibrierten Reifen, von Knuckle- und von Panheads. Kutte und Konsorten schienen das Motorradfahren erfunden zu haben. Mich ließen sie an diesem Tag ausnahmsweise mit an ihren Tisch, »weil dein Bock auch vibriert«. Vibrationen als Sympathieträger. Mit rotem Kennzeichen über der Hinter-Stolle und verächtlichem Blick auf zwei vor der Tür parkende Mantas machten wir uns vom Acker. Unser Neuerwerb mußte noch zum TÜV.TÜV und XT. Da weiß man schon, was kommt. Mit ultrascharfem Adlerauge hockte der Beamte vor der Möhre und versuchte, ein leichtes Flackern des Blinkers zu erhaschen. Licht einstellen entfiel, sechs Volt blenden eh niemanden. Aber die Bremsen... »Is´ aber nicht das Gelbe vom Ei«, meinte der TÜV-Mann denn auch kopfschüttelnd nach der Probefahrt. Ein hinzukommender Kollege zeigte da schon mehr Verständnis. Nach kurzem Ausritt kam er mit freudig geröteten Wangen zurück und befand die Bremsen für »völlig okay. Während des Studiums hatte ich auch eine XT. Die hat fast gar nicht gebremst«. Was zwar auch auf das probegefahrene Modell zutraf. Doch egal. Es gab Palettie und Plakettie und wieder eine XT mehr im Freundeskreis.Der erste von uns, der die 100 000er Schallmauer durchbrach, war mein Kumpel Wuffi. Fast ein Drittel dieser Kilometer hatte er in Afrika zurückgelegt. Nicht ganz pannenfrei allerdings. In Mali mußte er den Motor bei einem Barbier im Salon zerlegen, weil ihm ein Fühlerlehren-Blatt abgebrochen und in den Steuerkettenschacht gefallen war. Kurz nach der Bergungsaktion drehte man ihm dann in Benin Palmwein als Spezial-Öl an. Das war´s dann fürs erste. Doch trotz Kopfschmerzen durch Weingenuß kämpfte sich Wuffis 500er nach ihrer Genesung noch tapfer in sechstellige Kilometersphären. Bei Sammie aus Briedlingen war das alles ganz anders. Er vertraute von Anfang an dem XT-Image der Unzerstörbarkeit, wechselte lediglich alle 10 000 Kilometer das Öl und gönnte der Guten wahrhaftig bei 98 000 Zählern auf der Uhr endlich noch eine Inspektion in der Fachwerkstatt. Mit Erfolg. Es gab eine Urkunde von Yamaha. Denen wahr vermutlich selbst neu, daß die Dinger so lange halten. Mit 178 000 Kilometern ohne Motoröffnung schaffte Sammie einen neuen Rekord. Gottlob gab´s damals noch bei Aldi den Fünf-Liter-Kanister Öl für 12,95 Mark. Doch kein Licht ohne Schatten. Insidern wird der Name Mateng noch geläufig sein, der Kinigardner des Nordens. Er schaffte das Unmögliche und zerbröselte den guten 500er-Motor auf 7000 Kilometer achtmal. Wenn man ihn besuchte, lag das Triebwerk meistens auf dem Küchentisch, und er saß mit sorgenzerfurchter Stirn daneben. Vermutlich hat´s irgendwie mit seinem Fahrstil zusammengehangen. Auch bei Uli Schulz aus Uelzen stolperte man ständig über zerlegte Einzylinder. Aus anderen Gründen allerdings. Uli war unsere Ultima ratio. Jede Schraube kannte er beim Vornamen und bei jedem Problem den Ursprung. Manchmal klingelte sogar nachts noch das Telefon bei ihm, wenn ein paar Verrückte zwei Minuten vor Urlaubsantritt an ihrem Belstaff-Bomber noch ein komisches Geräusch geortet hatten. Mit der Frage »Was´n das?« hielt man am anderen Ende den Hörer an den Motorblock und hoffte auf Doc Schulzens treffsichere Ferndiagnose. Klappte auch meist. Daheim wird Ulis noch immer loderndes XT-Begehren offenbar: Drei leibhaftige 500er bilden in seinem Wohnzimmer das Basismobiliar. »Stumpen-Andies« Besessenheit war dagegen schon vor Betreten des Hauses sichtbar. Für jeglichen Einsatz gerüstet, warteten in seiner Scheune zeitweise bis zu fünf verschiedene Umbauten auf den Kick-down. Egal ob Reise, Rennen oder Einkaufsbummel - Andie hatte das passende Modell. Mit glühender Zigarre, von der am Ziel meist nur noch der Stumpen übrig war, Jethelm und wehendem Rauschebart sicherte er sich als Kultfigur eine Insel im Meer der namenlosen Fangemeinde.Den legendären Ruf als Packesel und Wüstenschiff erwarb sich das spillrige Dirtbike allerdings an den Lagerfeuern dieser Erde. Es gab fast kein Benzinmärchen, aus dem der einzylindrige Reiskocher ohne Happy-End hervorgegangen wäre, kein Kapitalschaden, der nicht hätte hingefrickelt werden können, wo immer man sich gerade befand. Egal, ob in Palma oder Patagonien, Australien oder Attendorn - jeden, der mit einer XT ins Abenteuer startete, brachte sie sicher wieder nach Haus. Meistens jedenfalls. Wir glaubten zumindest daran.Es wäre trivial, den XT-Kult in Zeiten von Fünfventilern, Elektrostartern und Vollverkleidungen mit dem Wort Nostalgie beschreiben zu wollen. Denn auch wenn ihre Teile auf Oltimermärkten bereits zum Repertoir gehören, wird eine XT niemals zum alten Eisen gehören. In Zeiten von Perfektionismus und Hochtechnologie ist manch einer froh darüber, in dieser Welt noch so ein liebenswertes Stück fahrenden Schrott zu finden. Ich zumindest bin es. Und wenn in Afrika die Twin-Treiber mit leerer Batterie die Segel streichen und die GS-Piloten schwitzend überlegen, ob das Kürzel ihren 1100ern wirklich Gelände-Sport bedeutet, werden vielleicht auch sie an die Vergangenheit denken. An die zwei Buchstaben, die mehr mit Abenteuer und Freiheit verbunden sind wie jede Zigarettenwerbung und die vermutlich auch der Häuptling im letzten Kaff des Erdballs noch für den Inbegriff eines Motorrads überhaupt hält: XT. ‰
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