20 Jahre Yamaha SR 500

Eine für alle

Ob Müsli-Man, Touri oder Edelbastler, den schrulligen Eintopf lieben puristische Zweiradler seit 20 Jahren. Jetzt wird die Liebe zur Nostalgie und die SR 500 Geschichte.

Laser-Show und Halligalli. Auf riesigen Bühnen präsentieren sich gnadenlose Kraftmaschinen und zentnerschwere Tourendampfer Hayabusa - der Schlachtruf beim Sturm auf die 300-km/h-Schallmauer, dazwischen blenden fette Chrom-Cruiser und messerscharfe Hypersportler die Heerscharen der Motorrad-Schaulustigen. INTERMOT 1998, die Mega-Show der Neugierigen und der wund gelaufenen Fußsohlen, von einer Sensation zur nächsten, einen Kaffee zwischendurch, und weiter geht’s. Yamaha R1-, R6-und R7-Bügeleisen stehen Spalier, geduckt und giftig.
Alles gafft und staunt, und plötzlich stolperst du, geblendet vom gleißenden Licht der Highlights, über ein schmächtiges Gestühl, das hier eigentlich gar nichts zu suchen hat. Verloren und einsam steht es auf dem Hauptständer, mehr ein Hindernis beim Hürdenlauf der Superlative als ein Ausstellungsstück. Zwei Räder, ein schicker Motor, Sattel, Tank, ein schlichter schwarzer Stahlrahmen - und fertig ist die SR 500. Wer hätte 1978 gedacht, daß dieses Wagnis der Bescheidenheit aufgeht? Kein Mensch. Alles war im Aufbruch zum Vielzylinder, bei Suzuki waren’s vier in der GS 750, bei Honda gleich sechs in Reihe in der CBX 1000. Und dann stolpert dieser ungehobelte Enduro-Motor im Straßenfahrwerk daher. Magere Leistung, kein E-Starter, Vibrationen in allen Lagen - und jede Menge Käufer. Die SR stürmte die Hitliste der Zulassungen in Deutschland, keine Straßenecke ohne SR 500. Wie das kam? Weil die SR die pure Fahrmaschine verkörperte: so viel wie nötig, so wenig wie möglich. Klare Linien, funktionell und ohne Schnickschnack, zwischendrin der wunderschöne Motor, der einzylindriger und viertaktender nicht sein konnte.
»Zwei Räder, ein schicker Motor, Sattel, Tank - fertig ist die SR 500«
Und jetzt fliehst du vor der überbordenen High-Tech, dem Chrom und Plastik, hockst vor der SR 500, atmest tief durch und grinst: »Die hatte ich auch mal.« Na ja, nicht direkt, der Müsli-Peter, alter Kumpel aus der anarchistischen Jugendzeit, hatte eine. Aber irgendwie war´s auch meine. Zumindest dann, wenn die Ventile klapperten, die Kette ausgenudelt war oder die Kiste sonst wie am Tropf hing. Dann habe ich die SR 500 wieder flott gemacht und anschließend durch den Schwarzwald gedroschen. »Probefahrt«, hab’ ich dem Peter gesagt, »muß sein.« »Und daß jetzt die Fußrasten in Fetzen dranhängen und der Krümmer halb durchgeschliffen ist, muß wohl auch sein, oder?« Mein Gott, was kann ich dafür, wenn´s in jedem Eck gleich funkt und schraddelt?. Hab` den Peter und seine SR 500 überhaupt nicht kapiert. Das kam erst später. Als er mich im Krankenhaus besucht hat - Rippenbrüche, Schulter ab, Schmerzen - Mist, vom Rennmotorrad gefallen.
Zwei Wochen später habe ich seine SR angeworfen und bin durchs Würmtal in den Schwarzwald getuckert. Fünfter Gang, keine 100 auf der Uhr, das Visier offen und tief durchgeatmet. Auch nicht schlecht - nur so Motorradfahren. Weg vom ewigen Rumhecheln und Spätbremsen, einfach laufen lassen. Gas auf, Gas zu, riechen, schmecken, wenn Wald und Wiesen wechseln, fühlen, wie dich die Asphaltwellen verschaukeln, der Eintopf wie Baldrian vor sich hin bullert. Die SR 500? Einfach klasse. Ja, ja, ist schon gut, ich weiß, da funktioniert nicht alles so toll wie an `ner CBR 600. Aber das ist ja auch egal. »Du mußt halt ‘s Gas zudrehen, wenn’s wackelt«, hat der Peter gesagt. Und wo er recht hat, hat er recht.
»Fünfter Gang, keine 100 auf der Uhr, das Visier offen und tief durchgeatmet - einfach nur Motorradfahren«
Aber dann hab’ ich den Peter und seine SR erwischt, und da war Schluß mit lustig. Da wollte er nach einer wüsten Party schnellstens heim. Mitsamt der neuen Flamme. Aber die SR wollte nicht. Verschwitzt im T-Shirt, Jacke und Helm auf dem Boden verstreut, hat er versucht, den Kickstarter zu verbiegen. Pfffftsch, pfffftsch, pfffftsch, pffftsch, pffftsch. »Drecksgurke, Schweinekübel!« Ich hab`s dann auch probiert. OT gesucht, Deko-Hebel gezogen und nach dem kleinen silbernen Punkt rechts an der Nockenwelle gespäht. Mitten in der Nacht ist`s aber ziemlich dunkel, und Peter hat gleich rumgeätzt, daß nur Idioten nach dem Punkt suchen müßten und er jeden einzelnen der vier Takte im Wadenmuskel spürt. Wir haben uns dann in der letzten Straßenbahn darauf geeinigt, daß die Sache mit der Nockenwellenbeleuchtung eventuell doch Sinn macht und ich seine renitente Yamaha tags darauf mit dem Renntransporter in meine Werkstatt kutschiere.
Zu schrauben gab´s - nicht nur bei Startproblemen - immer was. Steuerkette nachspannen, kaputte Lenkkopflager tauschen, Zylinder schleifen - aber was erzähle ich da, das wissen die SR-Freaks doch selbst viel besser. Und von denen gibt’s jede Menge. 1998 waren noch zirka 27000 SR 500 zugelassen. Oder das, was unter dem Kürzel eben so durch die Gegend ballert. Denn kaum ein Motorrad der Welt wurde zu dermaßen abenteuerlichen Varianten umgestrickt wie die gute alte Yamaha.
»Wir haben uns darauf geeinigt, daß eine Nockenwellenbeleuchtung eventuell doch Sinn macht«
Eine dieser SR-Varianten ist mir ein paar Jahre später vor der Nase rumgefahren. Nicht im Schwarzwald, sondern auf der Rennstrecke. 63 PS zauberte Motorenkonstrukteur Gottfried Michels aus 650 cm³ Hubraum seines PAMI-Single-Renners. Den Peter hätte sicherlich der Schlag getroffen. »Jetzt geht´s wie die Sau«, hat er gestrahlt, als ich ihm den 27-PS-Drossel-Ansaugstutzen aufgefräst habe. Aber 63 PS und damit Rennen gewinnen? Ich glaub’, Peter hat seine SR 500 kurz darauf verkauft. Schade drum, jetzt, wo volle 34 PS an der Gasschnur zappeln.
Langweilig wurde es jedesfalls in der SR-Szene nicht. Vor allem die Japaner haben sich exzessiv in die Materie hineingesteigert. Als Folge mangelnder Motorradtradition kopierten die fernöstlichen Tuner und Edelschschrauber mit Vorliebe britische Klassiker, denen der SR-Single wie auf den Leib geschnitten war.
Auch trug der SR-Motor so manchen »Präsi« aus der Rockerszene durch die Lande. Gechoppt und tiefergelegt, offenes Rohr drangeschraubt, und ab die Post. Doch die fahren heute Harley, meist geleast, aber auch kaum schneller als die olle SR.
Und wer läuft mir neulich übern Weg? Genau, der Müsli-Peter. Hat gerade wieder eine neue Flamme und eine neue SR. »Die paßt zu mir, damit werd` ich jetzt alt. Nur die Ventile tickern wieder mal so komisch, hast du mal ‘ne Stunde Zeit?« Prima, dann darf ich mal wieder was anderes fahren als Rennmaschinen oder aufgeregte 600er Granaten. Und der Peter kriegt zu Weihnachten eine schöne Lektüre, damit er endlich mal kapiert, was man aus so eine SR 500 zurecht zimmern kann.
Weil der Versuch, in dieser kleinen Geschichte die Unzahl der SR-Umbauten auch nur im Promilbereich zu erfassen, bereits im Ansatz scheitern würde und ein Sonderheft nicht geplant ist, hier eine Empfehlung: das Buch »SR 500 - 20 Jahre Motorrad pur« lesen. Gibt’s beim freundlichen Yamaha-Händler. Da findet sich alles und alle, die mit dem SR 500-Bazillus infiziert sind. Chopper, Renner, Unikate, Adressen, Tips und weiß Gott noch was alles. Und das ist auch gut so, denn die SR 500 hat´s verdient. 20 Jahre, so lange hat sich kein anderes Modell auf dem Markt gehalten. Wer jetzt noch ein will, muß sich sputen, die Yamaha-Händler machen Ausverkauf, und dann ist Schluß. Für 7995 Mark gehen die letzten Oldies über den Tresen, mitsamt Anniversary-Plakette und graviertem SR-Kolben als Andenken.
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