400 000 Kilometer mit einer K 100 (Archivversion)

Die Geschichte der K

Es gibt Motorräder, die hauchen ihr Leben nach wenigen tausend Kilometern aus, manche jedoch geraten in fürsorgliche Hände und erreichen fast unglaubliche Laufleistungen. Wie Winfried Adams BMW K 100 Basis. 409364 Kilometer lief sie ohne Murren.

Anfangs diente die hellgraue K 100 Basis, Fahrgestellnummer 0001189, vielen Herren. Bei einem Bochumer Händler ertrug der Vierzylinder 1984 als Vorführmaschine 4500 Kilometer lang so manchen Proberitt. Bis dann im Oktober Winfried Adam den Laden betrat. Den Führerschein hatte der Grundschullehrer schon vor zehn Jahren gemacht, damals sorgte er noch als Polizist für Ruhe und Ordnung. Chronische Geldknappheit während des anschließenden Studiums hatten einen Motorradkauf bis dato verhindert. Jetzt mußte endlich eine Maschine her. Ein Freund riet dem 37jährigen zur BMW K 100. »Die sei praktisch unkaputtbar. Genau das richtige für mich als technisch wenig begabten Menschen.« Für 11 195 Mark wechselte die K den Besitzer. Der Beginn einer zwölfjährigen Beziehung.Den flachen Lenker ersetzte der Tourenfahrer durch einen hohen, um lange Strecken »ohne Rückenprobleme zu bewältigen«. Weitere Folgen des Blicks ins bajuwarische Zubehörprogramm: Koffer, Gepäckbrücke, Topcase, hohe Tourenscheibe, Heizgriffe und Zusatzscheinwerfer.»Vernünftiges Warmfahren« gehörte für Adam zum täglichen Startritual. »Besonders im Winter ging es in den ersten fünf bis zehn Minuten nicht über 3000 Touren.« Unterwegs brummelte der Vierzylinder zufrieden »zwischen 2000 bis 6000 Umdrehungen«. Weniger als 20 Kilometer waren die beiden fast nie unterwegs. Meist unternahmen sie ausgedehnte Touren durch Deutschland, die Alpen, aber auch auf Kreta und Korsika. Der Soziusplatz blieb in der Regel leer, seine Frau »verspürt wenig Lust, auf längeren Strecken mitzufahren«, erzählt Adam. Nur selten besuchte die BMW eine Werkstatt. Pflegedienst in der Garantiezeit, Frühjahrs-Check bei 15 000 sowie große Inspektion bei 60 000 Kilometer. Mehr ist im Service-Scheckheft nicht vermerkt. Nur 23 Ölwechsel spendierte der Vielfahrer seiner K. Eigentlich hätten’s 53 sein müssen, jeweils nach 7500 Kilometern. Mit der Kontrolle nahm es der Bochumer auch nicht so genau. Einmal vergaß er 25 000 Kilometer lang den Blick ins Schauglas. Bei Tachostand 355 000 protestierte dann die Ölwarnlampe. Adam kippte zwei Liter nach, und weiter ging’s bis zum nächsten Ölwechsel bei 380 000 Kilometern.Nur einmal erkrankte die BMW ernsthaft: Der Mechaniker diagnostizierte nach 283 000 Kilometern ein gebrochenes Kreuzgelenk. Mehrmals spielte Adam mit dem Gedanken, seine K zu verkaufen, doch »irgendwie reizte es, zu sehen, wie lang sie hält«. Die Antwort erhielt er im März 1997. Bei Kilometerstand 409 264 half nur noch der Abschleppwagen. Bilanz: Nieten der Abtriebswelle ausgelutscht, Tellerrad des Kardans angefressen. Eine Instandsetzung in der Werkstatt hätte mindestens 2500 Mark verschlungen. Angesichts des Alters der Maschine und aus Angst vor weiteren Schäden nahm Adam traurigen Herzens Abschied von seiner K. Deren Erbauer versuchten, den Trauernden aufzuheitern: Noch nie in der Geschichte der K-Reihe gab es, so verlautbarte BMW, ohne Motorüberholung Vergleichbares. Für Adam freilich nur ein schwacher Trost nach zwölf Jahren in einer harmonischen Beziehung. Die ihm verflossene BMW kam übrigens wieder in gute Hände. Für 2000 Mark kaufte sie Janos Cuzdi, eigentlich ein »eingefleischter Boxerfahrer«. Ein Händler hatte ihm von der K erzählt. Inzwischen läuft sie wieder, frisch lackiert mit aufwendigem Perleffektlack. Winfried Adam ist den Bayern treu geblieben, er fährt jetzt eine K 75 Ultima. Der Beginn einer neuen, dauerhaften Beziehung?
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