9. Kawasaki GPZ 900 R-Treffen (Archivversion)

Herzenssache

Rund 200 GPZ 900 R-Fans trafen sich Anfang August, um ein Wochenende lang zu feiern: das 9. Treffen und den 20. Geburtstag der GPZ. MOTORRAD-Redakteurin Sibylle Wiebusch war dabei.

Schon seltsam, dieses Geräusch zu hören. Mechanisches Tickern, tur-
binenhaftes Pfeifen, leicht rasselnde
Steuerketten – unverkennbar der Sound, mir überaus vertraut. Fred, der Fotograf, schmunzelt über meinen verklärten Blick, spricht trocken von »eher unspektakulär, wie die ganze Optik des Motorrads«.
Energisch setzt sich Nicole Günther, von Beruf Kraftfahrerin, mit ihrer Superbike-mäßigen 900er an die Spitze des Pulks. Um die 60 Besucher des 9. GPZ 900 R-Treffens im beschaulichen Celle-Hustedt, nordöstlich von Hannover gelegen, wollen bei der geplanten gemeinsamen Ausfahrt an diesem späten Samstagmorgen dabei sein. Ohne Hektik sammelt sich das Völkchen hinter der 32-jährigen Blondine, die bei ihrer 1997er-GPZ »gleich Feuer und Flamme« war. Etwa 70 Kilometer rund um den Flecken haben die Organisatoren vorgesehen. Das pfeifend-sirrende Geräusch schwillt an, die Meute rollt davon. Es beginnt leicht zu regnen.
Fast schon bin ich ein bisschen neidisch auf Nicole. Warum habe ich eigentlich meine letzte GPZ verkauft? Hab’ mich überzeugen lassen von den Kollegen der Knieschleiferfraktion. Gib den Eisenhaufen her‚ ’ne ZX-6R passt viel besser für dich, meinten die. Im Juni 1995 ist es dann passiert, nach über zehn Jahren und guten 100000 Kilometern auf zwei GPZ: 257 Kilogramm vollgetankt gegen rund 200 – ein schwerwiegendes Argument...
Dabei war die GPZ 900 R bei ihrer Vorstellung ein echter Knaller. »Das modernste Superbike«, titelte MOTORRAD. Und noch mehr Lobeshymnen: schnellstes Serienmotorrad der Welt, bärenstarker, offen
115 PS leistender Vierventil-Motor, stabiler Rückgrat-Rohrrahmen mit angeschraubtem Aluminiumheck, hervorragend dosierbare Bremsen – zu lesen Anfang 1984. Ich bin aber bereits im November 1983 in ein nebliges Mailand gepilgert, um die erste Ninja zu sehen. Und ich fand sie nicht mal hübsch mit ihrer kantig geformten Verkleidung. Doch diese Eckdaten... Im Mai 1984 stand eine mit abgepolsterter Sitzbank in meiner Garage. Herausgehandelter Preis: 10500 Mark. Für einen Supersportler!
Ruhig ist’s geworden auf dem Platz rund um Müller’s Waldcafé »Unter den
Eichen«. Eine schöne Location für ein
Treffen, nur die Preise – etwas happig. Dafür hat es freundlicherweise aufgehört zu regnen. »Bei uns geht es überaus familiär zu. Strip-Shows und Burnouts wirst du nicht sehen. Einen Leistungsprüfstand haben wir natürlich schon, aber bei unserem Treffen sind die Menschen wichtig, unabhängig vom Maschinentyp«, charakterisiert Berthold Fisch vom Kawasaki
GPZ 900 R Owners Club die Fan-Gemeinde. Zusammen mit Thomas Speidel, der Mitte der 90er mit viel privatem Engagement die ersten GPZler zusammentrommelte, sowie Craig Davirs vom englischen Owners Club, sorgt der 40-Jährige dafür, dass alles glatt läuft an diesem Wochenende. Die drei haben Zeit für die Sorgen und Nöte der Besucher.
Und ihren Spaß, denn hinter dem Anmeldungstresen wird viel gelacht, obwohl die Herren ganz unterschiedliche Charaktere sind: Berthold aus Rüthen im Sauerland, routiniert wie ein PR-Mann, der auch die Spendenaktion betreute (insgesamt kamen 512,95 Euro zusammen, für Lobetalarbeit e.V., die mit schwerstbehinderten Kindern arbeiten); Thomas aus Wietze nahe Celle, der besonnene Helfer, der nur beim Erzählen über seine technisch überaus aufwendig umgebaute GPZ irgendwie aufgeregt wirkt (43-jährige Hubschrauber-Mechaniker verlegen in ihrer Freizeit den Ölkreislauf mal eben so von rechts nach links). Und schließlich der charmante Craig aus dem englischen Wiltshire. Er betreut die mit 42 Maschinen angereisten GPZler des englischen GPZ 900 R Owners Club – mit etwa 800 Mitglieder um einiges
größer als das deutsche Pendant. Der 41-Jährige ist stets zum Scherzen aufgelegt, aber höchst zuverlässig, wenn es gilt, die Gattin von der Shopping-Tour in Celle abzuholen. Fred muss sich fürs Fotoshooting mit Craig gedulden.
1983 bin ich wegen einer GPZ in einem alten grünen Golf rund 500 Kilometer nach Süden gezuckelt, 2004 brause ich auf einer grünen Kawasaki Z 1000 über 600 Kilometer nach Norden. Wegen ihres
Geburtstags. Und um ihre Anhänger zu treffen. Was hat das Teil doch für eine
Anziehungskraft. Ja, ja, die erste Liebe vergisst man nie, heißt es. Nun war die 900er nicht meine erste Maschine, aber die, die mich bisher am längsten und stets überaus zuverlässig begleitet hat: Italien, Frankreich, Spanien, sogar weit über 2000 teils schottrige Kilometer durch die Türkei schaffte die Dicke ohne Murren.
Zeit, etwas auf dem Gelände rum-
zuschlendern. Aggressiv rot sticht Ringo Schramms radikaler Streetfighter mit Egli-Heck heraus. Zwar nicht perfekt gemacht, aber schließlich ist es Ringos erstes Treffen. Dann, wie erwähnt, Thomas Speidels grün-weiße 900er, bei der wirklich keine Schraube unberührt blieb, jedoch peinlichst auf authentische Optik geachtet wurde. Schlicht, beinahe unscheinbar die weiße Ninja vom stillen Rüdiger Bock, die es faustdick hinter den Zylindern hat: ein auf 175 PS gepuschtes 1100er-Aggregat. Oder die klassisch-edle auberginefarbene Variante von Dietmar »Didde« Albrecht,
der heuer den 2. Preis für den besten Umbau abräumte – Serienzustand scheint hier eher die Ausnahme. Die graue 900er von Heiko Papperitz aus Hannover aber
ist wirklich der Oberhammer (siehe oben). Und damit fährt der Typ auch noch Renntrainings. Überaus flott, wie seine Kumpels glaubhaft versichern.
Dass ich meine GPZ hätte umbauen können, auf die Idee bin ich überhaupt
nie gekommen. Nicht mal nach dem Crash mit dem französischen Renault in der
Ardeche im Sommer 1989. Motorrad Totalschaden, Frau für ein paar Monate lädiert. Im Frühjahr 1990 kam eine Kawasaki ZXR 750 ins Haus. Schlechte Entscheidung. Sechs Wochen später stand sie wieder beim Händler und eine neue GPZ, jetzt mit 17-Zöller vorne, dickerer Telegabel ohne Luftunterstützung und modifizierten Bremsen, in meiner Garage: Hauspreis meines Händlers: 11700 Mark. Und sie war immer noch ein Sportler!
»Well done. A man would not have done it better.« Anerkennend klopft der
gesetzte englische GPZler Nicole auf die Schulter. Alle Schäfchen sind heil »Unter den Eichen« zurück. »Hat enorm viel Spaß gemacht, so eine Truppe anzuführen ist eine Auszeichnung.« Die junge Frau wirkt sichtlich zufrieden. Es ist später Nachmittag, blauer Himmel, Sonnenschein. Man plaudert an den dicht gedrängt stehenden Maschinen, lacht und feixt, turtelt im Schatten der Bäume. Statt Kaffee und Kuchen gibt’s das erste Bier, der Kneipier heizt den Grill an.
Schöner Tag, nette Menschen hier, angenehme Atmosphäre. Ich sollte mir wirklich überlegen, ob ich mir nicht wieder eine kaufe. Eisenhaufen hin, unspektakuläre Optik her: Schließlich kenne ich jetzt im Umbau versierte Leute...

Das Forum für GPZ 900 R-Fans: www.900r.de, eine private, von Patrick Brandenberger wirklich gut gemachte Website. Reinklicken lohnt.
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