Bestand 2003

Alteisen

Immer mehr Menschen verfallen der Leidenschaft, Motorrad zu fahren. Gleichzeitig werden die Bikes im Bestand immer älter. Woran liegt’s?

Grafik: MOTORRAD
Motorrad-Deutschland aus der Statistiker-Perspektive
Motorrad-Deutschland aus der Statistiker-Perspektive
Motorradfahrer sind, wie Schwaben sein sollen. Was sie haben, geben sie ungern wieder her. Ihr Bike
gehört zu den Schätzen, die gepflegt,
gewartet und poliert die Stürme der Zeit überdauern. Mit denen sie Erlebnisse wie die Ausfahrt mit den Kumpels im Frühjahr 1995 oder den letzten Kurventanz im Herbst 2000 verbinden. Für manche Motorradfahrer symbolisiert ihre Maschine gar ein Stück eigener Identität. Und die gibt man nicht auf. Das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) weiß genau: Das Durchschnittsalter der Motorräder im Bestand der Bundesrepublik hat sich 2003 auf 10,5 Jahre hochgeschraubt. Das ist viel. Verglichen mit den vierrädrigen Blechkisten sowieso. Die zählen im Schnitt nur 7,4 Jahre.
Wenn Fahrzeuge lange genutzt werden, kennt das KBA zwei Gründe: Kaufzurückhaltung und Qualitätsverbesserung. Michael Kusmanov, Pressesprecher des Industrie-Verbands Motorrad Deutschland (IVM), plädiert erst mal für die zweite Lösung: »Die Tatsache, dass Motorräder mit einem Schnitt von 10,5 Jahren rund drei Jahre älter sind als Autos, zeugt in erster Linie von der gewissenhaften Fertigung der Hersteller und dem hohen technischen Niveau der Produkte.« Mmmh. Kann eine Yamaha XV 535, mit mehr als 50000 Stück die Nummer eins im Motorradbestand, gegen ein Auto mit Motormanagement, Automatikgetriebe, multiplen Airbags, ABS, elektrischer Stabilitätskontrolle und Klimaanlage anstinken, was das technische Niveau angeht? Kaum. Aber bis der TÜV Bike und Besitzer scheidet, dauert’s länger. Die Technik ist einfacher, robuster und kostengünstiger zu warten als beim Pkw. Während Autos nach 11,9 Jahren auf dem Schrott landen, schaffen Motorräder bis zum letzten, vom KBA aufgezeichneten Recycling 12,8 Jahre.
»Immer höhere Belastungen und die Unsicherheit über die finanzielle Zukunft bewirken eine deutlich festzustellende Verunsicherung im Kaufverhalten, vor allem wenn die Alte noch so gut läuft«, sagt Kusmanov vom IVM. Böse Zungen könnten jedoch behaupten, dass so richtig
geile Zweiräder zwar als Studie präsentiert, aber selten in Serie gebaut werden. Oder dass bei Motorrädern der technische Schub an echten Neuheiten bislang ausblieb. Und deswegen viele Biker lieber bei dem bleiben, was sie kennen.
Der IVM sieht’s optimistisch: »Im Bereich der Motorräder und Roller gab es
in den vergangenen zehn Jahren enorme Fortschritte in allen technischen Bereichen wie Motor, Fahrwerk, Bremsen. Ebenso werden die innovativen Designs der
neuen Motorräder immer mehr Fahrer dazu bewegen, sich eine Neue zuzulegen.«
Mal sehen. Schließlich gibt’s auch Zweit- oder gar Drittmotorräder. Doch
eines bleibt unbestritten: Immer mehr Menschen fahren Motorrad. Der typische Biker ist 40 Jahre alt und männlich. Den Altersschnitt senken die Frauen ein wenig. Ihre Liebe zum Motorrad wächst beharrlich. Und langsam. Waren 1984 nur acht Prozent der Halter Frauen, so stieg ihr Anteil bis 2003 auf 13,4 Prozent.
Wir sind ein Volk, hieß es 1989. Bei den Motorrädern im Bestand zeigt sich jedoch ein deutliches Ost-West- und Nord-Süd-Gefälle. Die meisten Bikes pro 1000 Einwohner düsen durchs reiche Bayern (58 Stück), die wenigsten durch Sachsen und Sachsen-Anhalt (26 Stück).
Dafür sind die neuen Bundesländer mit der Kraft zur Erneuerung geseg-
net. Dort ist der Motorradbestand am
jüngsten. Spitzenreiter: Mecklenburg-Vorpommern mit 8,8 Jahren. Und wo gibt’s
die ältesten Bikes mit 11,3 Jahren? Im Schwabenländle.
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