Bikerstammtisch im Kunstverein (Archivversion)

Kutte und Kunst

Für einen Monat haben die Motorrad fahrenden Künstler vom MC o.T. ihr Clubheim
im Stuttgarter Kunstverein eingerichtet. Diskutierend und trinkend sucht man die
Schnittpunkte von Kunst und Motorrad.

Die Kunst, zumal die moderne, ist tückisch. Nie weiß man, wo sie anfängt, geschweige denn aufhört. Schon beim simplen Bild ist das nicht mehr ganz einfach. Hängen drei Kleinformate an der Wand. In Reihe. Schmutzige Leinwand sauber auf Keilrahmen gezogen. Was will uns Künstler Andreas Bär damit sagen?Natürlich will er gar nichts sagen, sonst würde er ja reden. Er aber macht Kunst, indem er Leinwand vor den Scheinwerfer seiner BMW klebt und damit Mücken killt. »Coole Idee«, sagt Metzger, Sergeant of Arms der Stuttgarter Hell’s Angels. Doch Kunst? Na klar, Spitzensynthese von Pointilismus, Action Painting und Performance – für jede Mücke die letzte. »Würd’ ich mir nicht übers Sofa hängen, schmutzige Leinwand«, kommt’s von Hell’s Angel Uli. Könnte man ja meinen, der hat mit Kunst nix an der Kutte. Falsch. Neulich erst hat Uli seiner Mutter nahegelegt, doch bitte den Ölschinken aus ihrem Wohnzimmer zu entfernen, weil scheußlich. Er kennt Besseres: die Landschaften von seinem Kumpel Eiche. Der malt in Öl, zur Entspannung, um sich von den Sticheleien des Alltags zu erholen. Eiche tätowiert in Stuttgarts letztem Tattoo-Shop vor der Autobahn. Und weiß folglich, dass Kunst eine sinnliche Ange-legenheit ist und unter die Haut gehen muss. Derweil Künstler Bär postuliert, sie habe dem Hirn zu entfleuchen. Hauptsache also eine tolle Idee, ein Konzept. So wie das des »temporären Clubheims« des MC o.T., das »die Idee eines statischen Reviers ad absurdum führt«. Mit seinen »Innereien«, museal Exponate tituliert.Von der Decke hängt ein Diaprojektor, an Drahtseilen. Deshalb schunkeln die Bilder auf einer gewellten Projektionsfläche aus Plastik hin und her. Gehört das Wackeln zur Kunst? Muss das so sein? Bestimmt. Die Motive selbst nämlich sind dem profanen Bikerleben entnommen: Da ist einer mit Pomadenfrisur, in Lederjacke mit Sportstreifen am Ärmel und Jeansweste drüber, wie er seine R 100 R an irgendeinem sonnenlosen Strand präsentiert: Bär. Da stehen Motorräder vor Burgen, und da sind Leute, die in Denkerpose in die Kamera grübeln. Hey, der eine von denen sitzt doch da drüben am Biertisch und doziert Angel Metzger Kunsttheoretisches. Im Rekurs auf die alten Griechen führt er aus, dass einst Kunst, die man von Können abzuleiten habe, und Handwerk eins gewesen seien. Damit rennt er bei Metzger offene Türen ein. »Seh’ ich noch heute so.« Eins zu null für die Angels. Der Trockenbauer nämlich schafft nicht nur mit Rigipsplatten, sondern dekoriert auch Decken mit Stuck. Kunstvoll. Mit Kunst voll, also ebenfalls eine »Innerei«, erklärt der von dem Dia, sei auch das Regal an der Ecke. Es sei nämlich seins. Bestückt mit Motorradbüchern, die ihm alle was bedeuten, denn er habe sie alle gelesen. Sein Leben hätten sie verändert, diese Werke (darunter ein Quartett: Schwere Feuerstühle, neu mit Blitztrumpf!), und seien deshalb Kunst. »Hm«, kontert Metzger, »ist doch klar, ich würde auch nur ausstellen, was mir etwas bedeutet.« Zwei zu null für die Angels. Neben dem Regal harrt die nächste Herausforderung, ein begehbarer Kubus, verkleidet mit wachsigem Papier. Darinnen zwei Strohballen. Was sollen die bedeuten? Sind zum Draufsetzen, was sonst? So lässt sich bequemer einer Klanginstallation lauschen: ein Motorblock, der knistert, weil er abkühlt. Hier als Kunst erkannt, in abertausend Zigarettenpausen vorher schlicht verkannt. Zum kunstvollen Motorknistern passen Reifenspuren – grobe Stollen, feine Stollen – an Boden, Decke, Wänden des Kubus. Natürlich vorher aufgefahren. »Das ist keine Farbe, das ist original Gummi«, verklickert der Dia-Mann dem Angel Uli. Der: »Warst du mal beim Dragster-Rennen?« Und drei zu null. Vor dem Kubus sitzt ein Mann, der seine grauen Haare zum Zopf gebunden hat und in regelmäßigen Abständen seine Metallbrille die lange Nase hoch schiebt. Das macht den Eindruck, als habe er bei jedem Hochschieben etwas begriffen. Ach so, er betrachtet die Bilder, die auf der Projektionsfläche zittern. Dann nimmt einer mit Pfeife neben ihm Platz: »Das sieht ein bisschen aus wie in der Lüneburger Heide. Sehr nett da.« Ja, sagt der Bebrillte, er sei einmal in Soltau gewesen. Das, sagt der mit Pfeife, sei, wenn man hoch fährt, links der Autobahn. Sage keiner, moderne Kunst biete keine Orientierung mehr. Sogar wenn der Betrachter völlig falsch liegt. Das Dia zeigt nicht die Heide um Soltau, sondern die Heath in Nordengland. Wohin der MC o.T. von Cleveland Arts geladen ward, um dort eine flotte Performance hinzulegen. Ralf zapfte mit einer Spritze seiner Guzzi Öl aus dem Kurbelgehäuse, sodann Hartmut Ralf Blut aus der Armbeuge. Mit dem Öl hat Ralf dann »blood« geschrieben und mit dem Blut »oil«. Das schockierte die Tommies sehr. Heute wissen wir warum. Sage keiner, Kunst sei ihrer Zeit nicht voraus.Auf einem Stuhl neben der Garderobe ein Helm, weiß. Aus seiner Visieröffnung hängt ein Handschuhfinger raus. Und wieder diese quälende Unsicherheit: Darf man’s anfassen, um dort selbst Platz zu nehmen, oder wäre das deplatziert, hat man dann gleich ein Ready-Made und damit sein Ansehen in Künstlerkreisen ramponiert? Apropos Ansehen. Willi ist ebenfalls da und Professor an der Kunstakademie. Er trinkt Cognac aus einem Flachmann und wartet. »Darauf, dass endlich die Schlägerei losgeht.« Willi sagt, er möge das Klischee. Auch das also gehört zur Kunst? Manchmal schon, wird schließlich oft genug in Galerien präsentiert. Denn die Kunst, sie ist oft wie das Leben und die vom MC o.T. wie das Motorradleben.
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