BMW-Cruiser für US-Markt

Vorschläge von MOTORRAD und Wunderlich

Es wird wieder ein Boxer werden, und er dürfte recht bald kommen. BMW R 1800 C: der zweite Versuch - und dieses Mal etwas Erfolg versprechender als beim ersten Anlauf.
BMW-Cruiser-Vorschlag von Wunderlich: R 1600 C-Konzept.Wortlaut Wunderlich: BMW-Cruiser-Vorschlag von Wunderlich: R 1600 C-Konzept.BMW-Cruiser-Vorschlag von Wunderlich: R 1600 C-Konzept.18 Bilder

BMW Motorrad-Chef Stephan Schaller dürfte erschreckt geschluckt haben, als der neue US-Präsident Trump den Münchnern unverhohlen Strafzölle androhte. Gerade jetzt, wo sich BMWs neuer, fetter Cruiser auch auf dem so wichtigen US-Markt durchboxen soll.

Konkret sagen sie bis jetzt noch nichts, schon klar. Bestenfalls ein „Schaun mer mal“. Aber um den kommenden Cruiser reden sie schon so lange herum. Es steht aber nicht mehr das „Ob“ infrage, sondern nur das „Wann“ und „Wie“. Doch auch das ist mittlerweile nach MOTORRAD-Informationen ziemlich klar definiert.

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Neuer BMW-Cruiser mit Boxermotor

Das Wichtigste gleich vorweg: Es wird wieder ein Boxer werden, und er dürfte recht bald kommen. Unser Zeichner Stefan Kraft hat zum Stift gegriffen und den neuen BMW-Cruiser gezeichnet. Ziemlich exakt so wird er kommen. Was sehen wir? Einen Cruiser mit mächtigem Hinterrad, riesigem Vorderrad und einem luftgekühlten Zweizylinder-Boxer irgendwo in den unendlichen Weiten dazwischen, der sich angesichts des ellenlangen Radstands etwas verloren vorkommen dürfte. Beschweren darf er sich allerdings nicht, denn seine sehr spezielle Bauweise ist ja der eigentliche Grund für dieses Stretching.

Wohin mit den Füßen?

Das war schon anno 1997 die Gretchenfrage, als der Boxer in der R 1200 C erstmals einen Cruiser ­antreiben durfte. Damals scheiterte der Plan so grandios, dass die „C“ bereits 2004 final eingestellt wurde, weil auch der Tourer R 1200 CL und der Mix aus beidem, die Montauk, floppten. Vermutlich wegen mangelnden Fuß- wie Hubraums. Beim neuen BMW-Cruiser dürfte deutlich mehr Platz sein, und zwar im Bein- wie im Brennraum. Denn so, wie man den Fehler mit der uncoolen Sitzhaltung nicht nochmals wiederholen wird, hat man in München natürlich auch längst registriert, dass ein 1200er-Pröttel-Boxer im Konzert der mächtigen 1800er-V2-Boliden weder auf der Route 66 noch auf der Leopoldstraße in München-Schwabing so richtig rocken würde.

Mit wie viel Hubraum darf man rechnen?

„So a gscheite Maß pro Zylinder dürft’s scho sein“, witzelt ein BMW-Insider. „Aber du weißt ja scho, wie s’ aufm Oktoberfest einschenken?“ Aha, rechts und links je eine Maß also, aber nicht ganz voll. Oder zwei Liter minus Schaum. Wo landet man dann? Da, wo sie alle landen, so um die 1800 cm³. Darunter werden es die Bayern, wenn sie schlau sind, nicht machen. Vielleicht wird es auch ein wenig mehr. Sogar von einem boxeruntypischen Hubzapfen- und Zündversatz mit dem dazugehörigen Sound wird gemunkelt. Ja, es gibt gar Gerüchte vom Big-Big-Bang-Boxer, bei dem beide Zylinder gleichzeitig zünden, aber das ist mehr als unwahrscheinlich. Wie auch immer: Ein 1800-plus-Boxer mit V2-Sound – mit dem alten Motor geht das nie und nimmer. Der ist schon bei rund 1400 cm³ an den Grenzen seiner Möglichkeiten. Bei einem Projekt, bei dem ohnehin an allen Ecken ein wenig größer gedacht wird, sollte das ja auch kein Problem sein. „Think big“ manifestiert sich nämlich auch in vielen anderen Baugruppen des neuen Cruisers, der streng nach der BMW-Nomenklatura BMW R 1800 C heißen müsste. Da, wo die V2-Konkurrenz ihren mächtigen zweiten Zylinder ausfährt, hält die Neue einen Brotkasten von Luftfiltergehäuse vor, dahinter dann eine ewig lange Schwinge mit Starrrahmenoptik, darunter einen Vorschalldämpfer, der in zwei auch nicht eben kurze Hauptschalldämpfer mündet.

Alles in allem ist das eine für europäische Verhältnisse ausgesprochen ausgeprägte Anhäufung von Rohstoffen, die frappierend an eine Harley-Davidson Fat Boy erinnert. Und das ist ganz offensichtlich Kalkül. Den Marktführer, also Harley, mit seinen eigenen Waffen schlagen, das ist der Plan. Indian macht derzeit recht erfolgreich vor, wie das geht, und gerade BMW Motorrad hat es ja in Sachen Supersportler mit der S 1000 RR schon eindrucksvoll bewiesen, dass sie in fremden Revieren wildern und sich etablieren können. Ob das auch mit dem neuen BMW-Cruiser gelingt? Die technischen Voraussetzungen für den Big-Bore-Boxer sind nicht schlecht. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen – Stichwort Strafzölle – allerdings sind zumindest in der Heimat aller Cruiser mit dem neuen US-Präsidenten nicht besser geworden.

Grafik: Motor Presse Stuttgart
Auszug aus der Motorrad-Neuzulassungsstatistik vom Januar bis Juli 2017: Anteile der der Altersgruppen an den Segmenten - allerdings nur vom deutschen Markt. Auf dem amerikanischen Markt sieht die Sache anders aus.
Auszug aus der Motorrad-Neuzulassungsstatistik vom Januar bis Juli 2017: Anteile der der Altersgruppen an den Segmenten - allerdings nur vom deutschen Markt. Auf dem amerikanischen Markt sieht die Sache anders aus.

Ein Stück vom dicken Kuchen

Das nervt den Mann, und zwar schon lange. Immer, wenn auf Münchens Mittlerem Ring mal wieder eine Harley an BMW-Chef Stephan Schaller vorbeituckert, denkt er: Warum nur haben wir da nichts im Angebot? Und warum beherrscht diese Firma mit ihren technologisch doch sehr bodenständigen Produkten nicht nur den riesigen US-Markt, sondern praktisch die ganze Cruiser-Welt? Betroffen schaut Schaller dann an seinem Motorrad hinunter. Da recken sie sich stolz in den Fahrtwind, die beiden mächtigen Boxer-Zylinder. Genau dort, wo bei einem richtigen Cruiser die Fußrasten oder Trittbretter sind.

Diese Geschichte ist natürlich frei erfunden, hat aber einen ernsten Hintergrund. Ist es tatsächlich so? Taugt der Boxer nicht zum Cruiser, wie in München nach der unglücklichen R 1200 C alle dachten? Angesichts der Zahlen lohnt es sich gewiss, noch einmal neu darüber nachzudenken. 260.289 Bikes verkaufte Harley im Jahr 2016 weltweit, und auch, wenn ein großer Anteil davon nach US-Diktion eindeutig „Tourer“ sind, würde der normale Westeuropäer die meisten von ihnen irgendwie auch als „Cruiser“ bezeichnen. Der größte Batzen davon ging auf den amerikanischen Markt (USA, Kanada, Mittel- und Südamerika) nämlich gut 180.000. Das bedeutet in den USA einen Marktanteil von über 50 Prozent.

Zum Vergleich: BMW setzte 2016 weltweit 145.032 Motorräder ab, in Deutschland waren es fast 24.000. Und zwar über die gesamte Modellpalette, nicht nur im lukrativen Hochpreissegment, in dem die Harleys vorrangig vor sich hinbollern. Das bedeutet für BMW im Heimatland einen Marktanteil von rund 20 Prozent. Dass Harley trotzdem auch vor der eigenen Haustür angreifbar ist, hat nicht zuletzt Indian bewiesen. Der neuen alten Marke gelang es, vom Harley-Kuchen ein gutes Stück (exakte Zahlen liegen nicht vor) abzuknabbern. Das möchten die Bayern mit ihrem Big-Bore-Boxer auch, und es gibt Grund zur Zuversicht. Die könnte allerdings von den jüngsten politischen Entwicklungen gebremst werden.

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