Weltrekordmotorrad BMW K 100 Biturbo

Spektakuläres Stück Motorradgeschichte

Über die aerodynamischen Qualitäten der Verkleidung kann nur gemutmaßt werden – das Bike war nie im Windkanal.
BMW K 100 Biturbo im Studio.Kam leider nie zum Einsatz - das vom Schnellfahrer Manfred Wirth geplante Weltrekordmotorrad.Kühlung bringt Leistung: Der weit nach vorn gereckte Ladeluftkühler ist für einen Turbo-motor Pflicht.Voll geladen: Der außen liegende, sichtbare KKK-­Lader sorgt für den Druck im unteren Drehzahlbereich.
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Das vom leidenschaftlichen Schnellfahrer Manfred Wirth geplante Weltrekordmotorrad auf BMW K 100-Basis kam leider nie zum Einsatz – es bereichert heute eine private Sammlung.

Manfred Wirth hatte schon immer den Drang zur Geschwindigkeit. Die Leidenschaft zu Rennern war früh in ihm erwacht und hatte ihn zum Hobby-Rennfahrer gemacht. Er galt als Mann der Extreme – und wenn er ein Ziel vor Augen hatte, auch als kompromisslos. Widerstände galt es zu überwinden, Gesetze und Regeln mussten in seinen Augen nicht immer hundertprozentig beachtet werden. Rennen wurden auch schon mal privat auf der Autobahn gefahren, wobei er gern mit getunten BMWs der japanischen Konkurrenz zeigen wollte, was eine Harke ist. Dank solch flotter Exemplare wie der Vierventil-MKM 1000 von Mike Krauser, zu dem er einen besonderen Kontakt pflegte. Noch mehr Leistung, bis zu 140 PS, verschaffte Turbo-Spe­zialist Siegfried Stütz dem Boxer später.

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Wasser­gekühlter Vierzylinder statt Boxer

Stütz war also auch erste Wahl, als es darum ging, für das geplante Megaprojekt Rekordfahrzeug die technische Basis zu bereiten und für ausreichend Leistung zu sorgen. Wirth wollte ­diverse Weltrekorde aufstellen, das Hochgeschwindigkeits-Oval im italienischen Nardo sollte dafür als Austragungsort die besten Voraussetzungen bieten. 1986 soll die Idee entstanden sein, in einem Gespräch mit dem Renn­fahrer Gustav Reiner. Doch nicht der Boxer musste als motorische Basis dienen, sondern der wasser­gekühlte Vierzylinder der noch jungen K 100. Genau für jenen hatte Wirth nämlich einen passenden Alurahmen des Fahrwerks-Spezialisten Nico Bakker entdeckt, welcher der höheren Leistung und den anvisierten weit über 300 km/h gewachsen sein sollte.

Tuner Stütz hatte bereits zuvor dem zahmen, im Serienzustand 90 PS starken Zweiventiler Dampf gemacht und ihn mittels Turboaufladung auf stolze 180 PS auf­geblasen. Für die geplanten Rekordfahrten über diverse Distanzen mit stehendem oder fliegendem Start mussten jedoch deutlich mehr Pferde her. Außerdem versuchte Wirth Sponsoren ins Boot zu holen. Und nicht nur Leistung, auch ­Aerodynamik spielte eine wichtige Rolle für den Highspeed-Rekord. U.T. Moto ­Racing fertigte ein ebenso futuristisches wie (im Heckbereich) klobiges Kunststoffkleid für den Rekordrenner.

Projekt wegen Kompetenzgerangel gescheitert?

Doch welche Reifen konnten auf die leichten PVM-Felgen aufgezogen werden, die solche Geschwindigkeiten aushalten? Zwar waren letztlich Pirellis montiert, doch offizielle Unterstützung vom Werk gab es nicht. Die Beteiligten leisteten ganze Arbeit, allen voran Stütz, der allerlei Veränderungen am Basismotor vornahm und ihm etwa neue Mahle-Kolben und eine Kupferkopfdichtung spendierte, die Kurbelwelle feinwuchten ließ sowie eine spezielle Einlass-­Nockenwelle einbaute. Zwei Turbolader, ein KKK-Lader für den unteren, ein IHI-Lader für den oberen Bereich, sorgten bei maximal 2,5 bar Lade­druck und mithilfe des in den ­Ansaugtrakt eingespritzten Wasser-/Methanol-/Glysanthin-Gemischs für eine Leistung von 250 bis 280 PS. Die letzte Leistungsspritze erzielte Stütz mit der Verwendung von Lachgas aus der aufs Heck geschraubten roten Gasflasche – 350 bis 360 PS waren so angeblich zu erzielen. Maximal vier bis sechs Minuten reichte der Lachgas-Vorrat – lange genug, um auf gut 350 km/h zu kommen.

Erste Testfahrten, auch auf öffent­lichen Straßen mit rotem Kennzeichen, verliefen erfolgreich und ohne Schäden, maximal 180 bis 190 Kilometer hat die „Rekord-BMW“ so ab­gespult. In Nardo war sie nie – der berühmte Satz von den vielen Köchen und dem Brei muss hier wohl zitiert werden. „Kompetenzgerangel“ ist das häufig fallende Wort, fragt man nach dem Grund für das Scheitern des Projekts.

Jahrelang stand der weiße Renner anschließend in Wirths riesiger Sammlung an schnellen und/oder seltenen Motorrädern und Autos, in seinem Museum im schwäbischen Pleidelsheim. Manfred Wirth ist leider im Juli 2014 verstorben, das Museum existiert nicht mehr, doch zumindest die Biturbo-BMW hat einen neuen Platz in sicherlich würdigen Händen gefunden: BMW-Spezialist Jochen Siebenrock nennt sie heute sein Eigen. Sie könnte wohl kaum ein besseres neues Zuhause finden.

Wirths World

Wenn man bis in Manfred Wirths frühe Jugend zurückblickt, versteht man diesen Mann. Einen wahrlich Motorrad-Verrückten, im positivsten Sinn. Schon mit 13 soll er mit der 350er-Horex seines Bruders durch die Gegend gebollert sein, mit 18 wagte er sich in den Straßenrennsport, auf wilden Kreidler-Konstruktionen.

Foto: bilski-fotografie.de
Manfred Wirth.
Manfred Wirth.

Er stieg in höhere Klassen auf und auf andere Marken um, doch nach einem Sturz beendete er 1966 seine Karriere als Hobby-Rennfahrer. Privat war er weiterhin flott unterwegs, die Bikes konnten dabei kaum schnell genug sein – Tuner-Freunde wie Mike Krauser verhalfen ihm hier stets zu leistungsstarkem Material, mit dem er die heimischen Autobahnen schon früh mit 270 Sachen rauf und runter briet, als die Japaner noch keine GSX-R-Renner oder Fireblades am Start hatten. Wirths ehrgeiziges und teures Projekt (von den 250.000 Mark soll er rund zwei Drittel selbst getragen haben), 1987 in Nardo gleich mehrere Weltrekorde aufzustellen, ist zwar bereits im Vorfeld gescheitert, doch das fahrbereite Rekordfahrzeug existierte schließlich und bereicherte fortan seine Sammlung.

Wirth hatte bereits seit den 1960ern alles aufgekauft, was sich ergattern ließ und kam so nach und nach in den Besitz zahlreicher rarer und exotischer Bikes, die er, auch aus Platzgründen, in einem eigens eingerichteten Museum in Pleidelsheim bei Stuttgart hortete. Auf rund 860 m² waren dort zuletzt etwa 300 Motorräder, Roller, Gespanne, Rennmaschinen und Autos zu sehen. Nach Wirths Tod im Jahr 2014 versuchte man noch einige Zeit, das Museum aufrechtzuerhalten, doch mittlerweile wurde es geschlossen, die Sammlung aufgelöst. Wirths Weltrekord-Projekt mag gescheitert sein, der Name eines unbeugsamen Originals bleibt in Erinnerung. Und die Exemplare seiner Sammlung erfreuen nun zahlreiche neue Besitzer.

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