Das neue Leben von Pit Beirer (Archivversion)

Hinter dem Horizont geht’s weiter

Vor sieben Monaten beendete eine Querschnittslähmung die glanzvolle Karriere von Motocross-Star Pit Beirer. Doch der 31-Jährige lässt sich selbst von dieser schweren Verletzung nicht unterkriegen.

Tschüs, bis dann.« Pit Beirer legt den Telefonhörer auf und lächelt. Geritzt. Die beiden Fahrer des 125er-Straßen-GP-Teams, Mika Kallio und
Casey Stoner, treten kommende Woche zum Konditions-Check an. Auf Anordnung von ihm. Der Test wird endlich
klappen. So wie im Leben des Motocross-Profis Pit Beirer bislang alles geklappt hatte. Mit 19 Jahren der erste WM-Laufsieg, danach Werksfahrer bei Yamaha, Kawasaki und KTM. Dreifacher Deutscher Meister, zwölf Jahre ununterbrochen unter den Top Ten der WM, 18 GP-Siege, ein Vize-WM-Titel. Wohnungen in Verona und Monaco. Eine Erfolgsgeschichte.
Bis zu jenem 8. Juni 2003. Ein Sturz beim Grand Prix von Bulgarien. Diagnose:
Querschnittslähmung. Die Horrormeldung schlechthin. Doch Pit beißt sich durch. In Rekordzeit verlässt er das Reha-Zentrum im bayerischen Murnau, hat gelernt, mit seiner Einschränkung zu leben – und sich sein Leben von ihr möglichst wenig einschränken zu lassen. Der unglaubliche Lebensmut des ehemaligen Profi-Sportlers avanciert zu einem erstaunlich populärenThema quer durch die Medien.
Am 2. Januar 2004, sechs Monate und 23 Tage nach dem Tag X, beginnt Teil zwei des Lebens von Pit Beirer. Der Motocross-Star wird Sportmanager bei KTM. Zuständig für die Kommunikation mit den Sponsoren und – ganz auf den Sport-Fanatiker Beirer zugeschnitten – die neu initiierte Fitness-Betreuung der
38 KTM-Werkspiloten. Diesen Job haben ihm die KTM-Verantwortlichen noch am Krankenbett in Murnau versprochen, ihm ein behindertengerecht umgebautes Auto vor die Tür gestellt. Denn sie wissen: Pit will keine Almosen, sondern möchte mit seinen Leistungen überzeugen. »Ganz ohne Behinderten-Bonus.«
Den er sich privat ohnehin nicht zu-
gesteht. Am mit seiner Freundin Ilona
und Töchterchen Laura bewohnten Haus
in Simbach/Inn zeugt nur ein externer Aufzug vom geänderten Leben des Hausherrn und im Innern das zum Fitnessstudio umgebaute Untergeschoss. Zwei Stunden pro Tag widmet der 31-Jährige seinem Körper, der ihn zunächst mit Kreislaufproblemen gelegentlich im Stich ließ. Kraftraum, Schwimmen, ausgedehnte Runden im Rollstuhl. Er bringt die
Oberkörper-Muskulatur auf Vordermann,
genießt das Gefühl, »wenn die Muskeln brennen und man an die Reserven
geht«. Das Maximum herausholen. Sein Lebensmotto – früher und heute.
Für Wehmut bleibt keine Zeit. Oder nur ganz selten. So wie vergangenen
Dezember bei der Auflösung des Appartements in Monaco, als er ein letztes Mal die Wohnungstür hinter sich zusperrte. »Dieser Moment war ein innerer Abschluss mit der Sportkarriere. Da wurde mir bewusst: Pit Beirer ist kein Rennfahrer mehr«, erinnert sich der Ex-Profi nachdenklich. Doch negative Gedanken haben wenig Raum in den Plänen des notorischen Optimisten, der »seit dem Unfall psychisch definitiv noch keinen schlechten Tag hatte«. Mit ein Grund für das nach wie vor ungebrochene Medieninteresse an ihm. Nach zahllosen Artikeln in Zeitungen steht ihm demnächst der mediale
Ritterschlag mit einem TV-Auftritt in der
Johannes B. Kerner-Show bevor.
Dem er sicher erzählen wird, dass er es unverändert liebt, in der Öffentlichkeit zu stehen und für seinen Sport zu
werben. Diesem Sport, dem er – in jeder Beziehung – alles zu verdanken hat. Und dass er keinen Moment zögern würde,
als Teenager wieder diese Karriere ein-
zuschlagen. Wahrscheinlich wird er ihm auch von seinem Rollstuhl erzählen. Den er, »wenn ich ihn vom Sofa aus sehe, noch immer nicht als einen Teil von mir
akzeptiere«. Dass dieser Rollstuhl, wie damals seine erste Motocross-Maschine, erst bezwungen werden will und bei dieser Annäherung das Limit erst ausgelotet werden musste. »Überschläge nach vorn, hinten, rechts und links zeigten, wo unser beider Grenzen sind«, erklärt Pit die
bekannt Beirersche Art des Learning by overdoing. Was ihn – typisch Rennfahrer – gleichzeitig auf die Materialfrage stieß. Nach schlechten Erfahrungen mit dem von der Krankenkasse gelieferten Sitz machte er einen sportinteressierten Rollstuhlhersteller ausfindig, mit dem er
seitdem gemeinsam seinen Untersatz
optimiert. Der war von den bereits zuvor eingebauten Karbon- und Titanteilen,
allesamt in der KTM-Versuchsabteilung installiert, derart begeistert, dass Neuling Pit subito zum unterstützten Werksfahrer avancierte, so wie einst vor 14 Jahren.
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