Ducati Speed Art (Archivversion)

Fiat Duc

Anno 2003 erstrahlte ein neuer Stern am MotoGP-Himmel. Es ward Licht, und es ward Ducati. Fotograf Gérard Rancinan hat diesen Schöpfungsakt für die Scuderia in Szene gesetzt.

Troy Bayliss tut so, als hebe, und Loris Capirossi steht da, als verhebe er was. Sie heben’s und verheben’s in transparenten Zylindern, die ansonsten, wenn sie nicht gerade entblößten MotoGP-Stars eine Heimstatt bieten, gemeinhin als Bühne chemischer Prozesse dienen. Insbesondere im schulisch-experimentellen Leben, läuft dort unter Anschauungsunterricht. Was also hat’s auf sich mit dieser Hinterglasposiererei, mag der Betrachter dieses Szenarios sich fragen. Will Oberlehrer, pardon: Starlichtbildner Gérard Rancinan, der dieses Tableau erdachte und arrangierte, damit zeigen, dass Rennfahrer beneidenswert durchtrainierte Mannsbilder sind? Das auf jeden Fall. Ist ja allzu offensichtlich. Oder deutet Rancinan mittels dieser überdimensionierten Reagenzgläser gar an, dass es letztlich stoffliche Liaisonen sind, vulgo Doping genannt, die Troy und Loris für ihren aberhitzigen Job prädestinieren? Nie und nimmer, schließlich löhnt die Scuderia Ducati fürs künstlerische Programm. Und die finanziert garantiert kein Eigentor, übt, nomen est omen, immer Troy und Redlichkeit.Warum also, in Gottes oder drei Teufels Namen, stellt Rancinan die GP-Heroen in Behältnisse, woselbst sie sich kaum zu bewegen vermögen? Etwa, um jene Zwänge zu versinnbildlichen, denen professionelle Racer unterworfen sind? Seitens ihres Teams, das erfolgsbesessen, seitens der Presse, die auf Storys versessen, seitens des Publikums, das hungrig ist auf neue Sensationen, weil die Rennwurst gegessen. Das vielleicht auch. Doch damit noch lange nicht genug.Denn Rancinan hat Loris und Troy nebst ihrer Rennmaschine in antiquierter Kulisse positioniert. Vor einem Gemälde, das, seine Perspektive und der monströse Pferdebauch gebieten’s, freilich definitiv nicht an die Wand, sondern an die Decke gehört. Dort, hoch droben als Fresko hinziseliert, eilten die Rosse, die einen Wagen ziehen, gar hurtig davon. So aber, zum Hintergrund degradiert, stürzen sie ab, gnadenlos. Ein Fall für den Pferdemetzger. Wo doch die Scuderia Ducati nicht mal mehr für Salami wirbt.Nein, sie lockt mit anderen italienischen Spezialitäten. »Wie in Würdigung der Konstrukteure und Künstler, die ein großartiges und reiches Erbe hinterlassen haben, ist ein Hauch der italienischen Renaissance fühlbar«, schreibt die französische Journalistin Caroline Gaudriault im offiziellen, von Ducati abgesegneten Begleittext zu der Rancinanschen Komposition. Renaissance, das heißt Wiedergeburt. Wiedergeburt der Antike, der klassischen Kunst. Die wiederum hatten die alten Griechen fabriziert (Zeus, Olympiakos Piräus), die Römer subito adaptiert (Jupiter, Lazio Rom), die Goten alsdann spitz verbogen, zu Gotik eben (Barbarossa, BMW), und die Italiener schließlich reetabliert (Medici, Ducati). Weswegen sie auf dem Stiefel bis auf den heutigen Tag die schönsten, schnellsten und edelsten Motorräder bauen. Rancinan spielt mit den ästhetischen Traditionen, nimmt sie, anders als Gaudriault, seine Interpretin, freilich nicht so richtig ernst. Die schreibt, ungelogen, über Loris und Troy in ihren transparenten Röhren: »In ihrer Nacktheit sind die beiden Kreaturen bereit, in alles besiegende Biker verwandelt zu werden.« Was indes nur die halbe Wahrheit ist. Die ganze findet sich, wie so oft, bei Goethe, und zwar im Faust, der Tragödie zweiter Teil, als Mephistopheles im Laboratorium Wagners Zeuge der Entstehung eines künstlichen Menschen, des Homunkulus’, wird. Mephistopheles: Was gibt es denn hier? Wagner: Es wird ein Mensch gemacht. Mephistopheles: Ein Mensch? Und welch verliebtes Paar! Habt Ihr ins Rauchloch eingeschlossen? Wagner: Behüte Gott! Wie sonst das Zeugen Mode war! Erklären wir für eine Posse.Wenn das keine Antizipation des Klonens ist! Goethe wiederum beruft sich auf den Naturforscher und Philosophen Theophrastus Bombastus Paracelsus von Hohenheim (1493–1541), der in seinem alchemistischen Traktat »De natura rerum« schreibt, wie es »möglich sei, dass ein Mensch außerthalben weiblichen Leibs und einer natürlichen Mutter möge geboren werden«. Nämlich in einer Phiole, wie im Faust, oder in einem Zylinder, wie bei Rancinan.Charmant der Bogen, den der Fotograf von der Renaissance in die Moderne schlägt, indem er bildnerisch andeutet, dass es eigentlich eines künstlichen Menschen bedürfe, um die Gewalt dieser Maschine zu bändigen, die denn auch, wohl platziert, das Zentrum des Bildes ziert. Das darf getrost als Kompliment an die beiden Fahrer verstanden werden, die wahrlich eine Mutter ihr Eigen nennen, und obendrein erhellt dieser Rancinansche Geniestreich, sein Zeitsprung eben, nunmehr auch das Geheimnis der abstürzenden Pferde. Die nämlich sind, vermutet Gaudriault, vor den Wagen des Sonnengottes Helios gespannt, der, das glaubten die alten Griechen, täglich von Ost nach West kariolte, um die Erde, die damals bekanntlich noch eine Scheibe war, zu illuminieren. Knallt dieses Gefährt nun ungespitzt in den Boden rein, darf dies getrost als Allegorie auf eine Entgöttlichung der Welt interpretiert werden. Gott ist tot, zumindest Sonnengott Helios, und sein Glanz geht, wie leichthin zu sehen, über auf ein göttliches Artefakt aus Menschenhand, das da sinnig erstrahlt im Fokus des Studiolichts. Schöpfung, »Genesis«, nennt Rancinan dieses arg verschwurbelte und dabei doch scherzhafte Tableau.Chronologisch voraus, zumindest in der Ducatinischen Mythologie, geht ihm »Annunziata«, die Verkündigung. Auf Gemälden dieses Titels erwartet der Betrachter gemeinhin einen Engel und Maria zu sehen. Rancinan, der Schelm, verjuxt diese ikonographischen Vorstellungen allerdings zur Posse. Loris und Troy gerieren sich wie Engel, die wichtige Botschaften an eine künftige Gottesmutter zu verkünden haben – bittend, andächtig, der Bewunderung voll. Allerdings haben Engel auf keinem der einschlägigen Bilder solche läppisch-neckischen Höschen aus Federn an, und Maria hat Rancinan durch einen Pokal ersetzt, in dem sich, logo, die MotoGP-Duc spiegelt. Außerdem spielt die Szene nicht in Marias Kammer, sondern im Himmel. Weil da oben prinzipiell eh nur einer alles weiß, öffnen die Beflügelten auch nicht das Buch, das da verschlossen auf Wolke sieben liegt und in dem wohl die künftigen Erfolge der zwei Rennfahrer sowie die in diesem Sport durchaus möglichen Katastrophen verzeichnet sind. Was sie nicht wissen, macht weder Loris und Troy noch ihre englischen Pendants heiß. Die jedoch – und das lässt hoffen – statt Heiligenschein den Lorbeer des Siegers tragen. Mal wieder ein Hinweis auf die Antike, den Rancinan noch verstärkt. Durch die Federn, die um die Füße der Lorisianischen und Troyanischen Engel wirbeln und, zu adretten Schwingen zusammengebunden sowie an den Fersen drapiert, als Attribut des Götterboten Hermes gelten. Der zudem als Beschützer aller Reisenden und als Gott der Geschwindigkeit (sic!) fungiert. Und noch einen Boten hat Rancinan auf seiner Komposition untergebracht – eine Taube (Brief, Noah, Heiliger Geist). Dass sie auf einem Kabel flattert, das den himmlischen Frieden doch sehr elektrisiert, passt ebenso zu Rancinans skurrilem Humor wie die Möglichkeit, den Pokal als heiligen Gral deuten zu können. Der Legende zufolge wurde darin das Blut Christi aufgefangen, und insofern, als Symbol für den Opfertod, der in der Verkündigung angelegt ist, macht der Pokal (samt der Ducati drauf) die »Annunziata« selbst ohne Maria irgendwie komplett. Das alles ist zwar witzig, manchmal aberwitzig, aber alles andere als ein Witz. Die Scuderia Ducati nimmt’s ernst, bringt Rancinans Fotos im November als Buch heraus. Und das ist gut so. Weil im dritten Tableau Loris als Spiderman und Troy als Superman agieren – Superhelden gegen das Böse in der (Motorrad-)Welt. Sensationell, wie Loris in Estoril an Sete Gibernau auf der Zielgeraden vorbeiflog. Dank eines Motors wie aus einer andern Welt. So stark, dass man ihn einpacken muss. Okay: ex oriente (Tokio) lux. Das gilt immer noch, doch nunmehr heißt es im MotoGP-Kosmos: ex occidente (Bologna) ducs.
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