Erwischt: BMW-Sportboxer (Archivversion)

Klassen-Wechsel

Ein nicht unbekannter Boxer aus München hat kräftig abgespeckt und trimmt sich derzeit für die Sport-Konkurrenz: Die R 1100 S von BMW wurde bei Testfahrten erwischt.

Die Absichtserklärung aus München lag schon lange vor, erste Prototypen-Fotos (siehe MOTORRAD 19/1997) dokumentierten deren Ernsthaftigkeit - und jetzt ist die Katze aus dem Sack: BMW kommt schon bald mit einem sportiven Ableger der R-Reihe. Daß dabei niemals an einen Ducati-Beater gedacht war, liegt schon in der Natur der Sache, denn mehr als runde 100 PS gibt der großvolumige Vierventiler unter Beachtung aller gesetzlichen Vorschriften wohl nicht her. Aber ein sportlicher Allrounder, der weniger massig daherkommt als der erste »neue« Boxer, die R 1100 RS von 1993, sollte schon zu realisieren sein.Die Fotos, die ein aufmerksamer MOTORRAD-Leser bei einem Spanien-Trip in Ubrique bei Jerez schießen konnte, belegen diese Annahme: Was ihm da vor die Linse kam, schaut deutlich graziler aus als alles von der R-Reihe bisher Gewohnte. Vor allem die auffälligen Gußräder mit fünf Doppelspeichen und das aufgeräumte Heck mit in den Bürzel integrierten Endschalldämpfern verleihen eine ganz neue Leichtigkeit. Die für BMW-Verhältnisse sehr niedrige Verkleidung verlagert den stilistischen Schwerpunkt noch einmal ein gutes Stück nach vorn. Bei genauer Betrachtung verraten die Fotos, daß der Schwingendrehpunkt nicht mehr im Getriebegehäuse liegt. Vielmehr wurden die alten Hilfsrahmen, deren eigentliche Funktion darin bestand, das vordere Federbein und das Fahrzeugheck aufzunehmen, ersetzt durch eine weit nach unten gezogene, tragende Konstruktion. Ähnlich ging man bei der K 1200 RS vor, und bei der lagert die Schwinge ebenfalls nicht mehr im Getriebe, sondern im Rahmen. Und: Die K hat das Sechsganggetriebe, welches sich auch für die R 1100 S anbietet. Die breiten Schweißnähte im neuen Rahmen verraten übrigens, daß es sich um eine Leichtmetall-Konstruktion handelt. Schließlich sollte das Kampfgewicht bei einem derart dynamischen Äußeren nicht über runde 230 Kilogramm rutschen. Keine leichte Aufgabe, wenn serienmäßig geregelter Kat und optional ABS mit zum Gesamtpaket gehören.Ebenfalls mit von der Partie sind die einarmige Doppelgelenk-Hinterradschwinge »Paralever« und in der Front dasTelelever-System. Allerdings wurde die längslenkergeführte Gabel kräftig modifiziert. Eine massive Verschraubung verbindet die beiden Holme dort, wo der Längslenker ansetzt, und auch die Holme selbst schauen deutlich kräftiger aus als beim bisherigen Telelever. Die Stummel sind direkt am Gabelholm montiert, ihre hohe Position läßt auf entspanntes Sporteln hoffen. Völlig ungewohnt dürften BMW-Fans die klassisch-klaren Instrumente und die grazilen Armaturen anmuten, zu rechnen war dagegen mit einem kombinierten Ellipsoid- und Freiflächen-Scheinwerfer, weil sich diese Technologie bei Spitzen-Bikes immer mehr durchsetzt. Daß er so keck aus der knapp geschnittenen Plastikhaut der S herauslugt, zeugt allerdings vom deutlichen Bemühen, mit einem zeitlos geformten Motorrad nicht nur die angestammte Klientel, sondern auch Fahrer anderer Marken anzusprechen. Die werden als Motorleistung 98 PS verlangen - und der große Ölkühler, der sich hinter der prominenten BMW-Niere verbirgt, läßt darauf hoffen, daß die Ingenieure auch dieses Soll erfüllen.In den Ring steigt die neue S ab 16. September auf der Intermot in München. Mit dem Verkaufsstart ist kurz darauf zu rechnen. Und der Preis? Sollte im Hinblick auf Konkurrenten à la Honda VFR oder Ducati ST 2 den der wahscheinlich weiter gebauten RS keinesfalls überschreiten. Sprich: bei 21500 Mark liegen.
Anzeige

Artikel teilen

Anzeige
Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote