Extremtour mit BMW R 1150 RT

48 Stunden: der Kilometerfresser

So weit es geht in 48 Stunden. Eine Extrem-Tour auf einem der beliebtesten Reisemotorräder, der BMW R 1150 RT.

Foto: Gori
Wie weit geht es mit dem Bike in 48 Stunden?
Wie weit geht es mit dem Bike in 48 Stunden?
Mal eben in fünf Tagen an die türkische Grenze über die Küstenstraße in Jugoslawien, ein Hammertrip über 50 Alpenpässe, die 1500-Kilometer-Wochenendtour – den Spitznamen Kilometerfresser hatte ich mir redlich verdient. Vor 20 Jahren gab’s für mich nur eins: fahren, fahren, fahren. Meine Yamaha RD 250 war mir fast schon an den Hintern gewachsen. Heute will ich es noch einmal wissen. Eine Kilometerfressertour, aber nicht mehr mit einem 27-PS-Rängtängtäng. Das steht mit 155000 Kilometern längst im Schuppen.

So weit es geht in den Süden und zurück in 48 Stunden mit allem Komfort und Luxus der Moderne, den eine BMW R 1150 RT bietet. Windkanaloptimierte
Verkleidung, bester Sitzkomfort, weiche Federung, ABS und riesige Reichweite – da müsste doch glatt Sizilien und retour in zwei Tagen drin sein. Also los auf die A 8, abends natürlich, wenn die
Sonntagsausflügler bereits zu Hause und die Trucks noch nicht losgefahren sind. Der lange sechste Gang ist drin, der Boxer brummt, Winddruck gibt’s bei 150 km/h kaum, dafür Vibrationen satt. Erschreckend heftig erzittert die Sitzbank. Und dazu noch die nervigen Windgeräusche, ohne Ohrstöpsel nicht auszuhalten. Ganz anders bei der RD. Verzückt lauschte ich seinerzeit dem kernigen Zweitaktgeschraddel, hörte hinein in die Zylinder. Allerdings rannte die 250er auch nur gute 120 Sachen.

Schon nach 250 Kilometer mahnt die Tankanzeige der BMW zum ersten Stopp, es gehen aber lediglich knapp über 16 Liter in das 25-Liter-Fass. Schade, Zeit verschenkt. Allmählich bricht die Dunkelheit herein, und ein genialer Vollmond taucht am wolkenlosen Himmel auf. Die erste Grenze bei Bregenz, Pickerl gekauft für vier Euro irgendwas, nach dem Pfändertunnel in die Schweiz eingereist – die knöpfen mir gleich stolze 40 Euro für eine Vignette ab. Vor 20 Jahren konnte man noch umsonst auf der Rheintalautobahn Chur anpeilen. Egal, ich will den San Bernardino fahren, stelle mir das romantisch vor. Sich im Mondlicht durch die Kurven in die Berge hochschrauben, begleitet vom beruhigend brummelnden Boxer. Plötzlich bin ich ganz allein unterwegs. Kilometerweit vor mir eine leere Autobahn, die Rückspiegel bleiben dunkel. Langsam entspanne ich mich ein wenig.

Endlich komme ich runter von dem ganzen Alltagsstress, legt sich meine Nervosität, die mich am Anfang einer Tour immer fast auffrisst. Die BMW trägt ihren Teil dazu bei. Tolles Licht, Nebelscheinwerfer erhellen die Fahrbahn zusätzlich. Ich fühle mich sicher auf der RT. Wie ein per Autopilot gesteuerter Airbus legt sie sich in die Kurven. Grad für Grad sinkt sie in tiefere Schräglage, ein sanfter Zug am Lenker, und sie richtet sich genauso sanft wieder auf. Toll.
Kein Vergleich zur RD. Je nach Beladung kippelte und eierte die Kiste, dass es einem manchmal angst und bange wurde. Doch man richtete sich eben darauf ein und fuhr defensiver. Auch auf die BMW richte ich mich mit der Zeit immer mehr ein, spüre, dass ich mich hundertprozentig auf sie verlassen kann.

Ein Urvertrauen stellt sich ein. Die Schwingungen des Boxers gehen mir unter die Haut, sorgen für ein Zusammenwachsen von Mensch und Maschine. Um mich herum die Alpen, ab und zu einen grell erleuchteten Tunnel, mit 120 km/h schafft man gerade noch so die Kurven, ein bisschen Spaß muss sein.

Dem setzen Warntafeln mit einem Schlag ein Ende: »Bitte das Fahrzeug nicht verlassen!«, Rückstau am Nordportal. In die Schlange einreihen. Bauarbeiten im San Bernardino, die Röhre erlaubt nur Einspurbetrieb. Ich mache erste Bilder mit Blitz, der Verkehrsbeamte guckt misstrauisch. Nach dem Tunnel gibt zunächst ein schwedisches Wohnmobil das Tempo vor. Drei, vier Kurven später habe ich die Vierräder überholt und stürze hinunter Richtung Bellinzona. Es wird wärmer und wärmer, fast schon tropisch, und das nachts um halb vier. Bei Como verabschiede ich mich von den letzten Kurven. Poebene, Mailand, Bologna, eine endlose dreispurige Gerade. Müdigkeit macht sich breit, ich bin froh über den Tankstopp. Immerhin gute 350 Kilometer reichte es diesmal bis zur Reserve.

Sieben Uhr, ich kann nicht mehr. Jetzt hilft nur noch Espresso. Zwei Tässchen hinuntergekippt, mit viel Zucker, das Koffein bringt das Blut in Wallung. Es beginnt zu nieseln, rüber über den Apennin, auf der Passhöhe blinzeln die ersten Sonnenstrahlen in den Helm und machen mich wieder richtig wach. Klasse, schon über 800 Kilometer geschafft – da bremst mich der erste Stau ein. Florenz um acht, Rushhour, Lkw schiebt Lkw, dazwischen wilde Alfas mit Krawattenträgern, zu spät dran fürs Büro. Ich tuckere auf der Standspur vorbei, woran sich offensichtlich niemand stört.

Es ist heiß, um zehn schon mindestens 30 Grad, dafür sind die ersten 1000 Kilometer gepackt. Kurz vor Rom ein Unfall. Ein Fiat hat sich in die Planke gebohrt, ich schleiche mich vorbei. Die Hitze wird unerträglich. Rom rechts liegen lassen, weiter nach Neapel. Endlos zieht sich das graue Asphaltband durch die flimmernde Luft. Gut, dass seit kurzem auf dreispurigen Autobahnen 150 km/h erlaubt sind. Ich erhöhe das Tempo, will der unerträglichen Hitze entkommen. Die Beine brennen hinter dem glühenden Boxer, rechts steht eine Bikini-Schönheit am Straßenrand, lächelt verführerisch, ich biege ab.
34 Grad zeigt das Thermometer, die Raststätte ist klimatisiert, Mittagessen. 1250 Kilometer am Stück – so weit wie noch nie im Leben mit einer Maschine. Habe meinen Rekord von 1982 mit der RD 250 – 1180 Kilometer auf dem Autoput von Thessaloniki nach Zagreb – endlich überboten. Dennoch, die Motivation zum Weiterfahren tendiert gegen null. Wasser, Espresso, leichte Kost. Ein Italiener spricht mich an und warnt vor dem Zuschnellfahren. Es existiere inzwischen ein Punktesystem wie in Deutschland, und die Geschwindigkeit werde massiv kontrolliert.

Ich zwinge mich wieder auf die BMW. Langsam schmerzt nicht nur mein Hintern, sondern ziemlich alles an mir. So bequem die Bank auch ist, nach 19 Stunden prägt sie sich langsam, aber sicher in mein Sitzfleisch. Kurz vor Neapel der nächste Tankstopp. Gluthitze. Ich erwische gerade noch rechtzeitig einen Langfinger, der meine Kamera mitgehen lassen wollte, während ich beim Zahlen war. Weiter. Absolutes Stimmungstief. Alles nervt, die BMW, die Autobahn, die Neapolitaner. Ich verziehe mich Richtung Amalfi-Küste. Positano von oben, das hebt meine Laune, Meer vor der Nase, Pause, Nachdenken. In 20 Stunden 1500 Kilometer geschafft. Nicht schlecht, doch so geht es nicht weiter. Jetzt kommt das gefährlichste Stück Autobahn Italiens in Richtung Sizilien. Und das langsamste. Das wird knapp mit 48 Stunden. Die Halbzeit ist schon fast erreicht. Also nix Sizilien. Neuer Kurs ostwärts, die Adria anschauen. Erst mal an 20 Kilometer Stau vorbei, dann ziehe ich die BMW hoch in die Berge. Endlich wieder Schräglage.

Dunkle Wolken ziehen auf, erste Tropfen auf dem Visier, die Straße dampft, Regen prasselt auf die Verkleidungsscheibe. Wurst, Hauptsache eine freie Autobahn, auf der ich die BMW wieder genieße. Freue mich an dem satten Durchzug, lasse sie durch die nassen Kurven gleiten, die Reifen haften sicher. Perfekt, diese Strecke scheint nur für mich gemacht, eine endlose Nordschleife, langsame und schnelle Ecken, kein Verkehr. Und ein Motorrad, das bestens vor Regen schützt.
Was sich von meiner nackten RD freilich nicht behaupten ließ. Die Regenkombi hielt zwar einigermaßen dicht, dafür ist bei solchen Temperaturen darunter das Wasser gelaufen. Und Hände und Füße waren trotz der jämmerlichen Überzieher aus Gummi in kürzester Zeit klatschnass. Funktionswäsche, Gore-Tex-Membran und und all die Wundermittel sollten erst noch erfunden werden.
Ich schwenke ein Richtung Norden. Ab und zu steht der rote Sonnenball zwischen den Wolken, die Bahn trocknet ab, die RT schwingt berg-
auf, bergab die Küstenautobahn entlang. Bei Pescara lasse ich es gut sein. 1877 Kilometer in 24 Stunden, nicht schlecht. Jetzt nur noch duschen, essen, schlafen. Früher hätte ich nun mein Zelt aufgebaut. Im Standlicht meiner RD. Ein paar andere Motorradfahrer hätten sich zum Benzinquatschen eingefunden, bei schwerem
Rotwein hätte man eine gemeinsame Tour verabredet. Sich am nächsten Tag dann doch nicht mehr dran erinnert und wäre weitergezogen. Schöne alte Zeiten. Heute parkt vor dem Hotel eine Triumph Tiger, den Fahrer bekomme ich nicht mal zu Gesicht.

Die RT steht am anderen Morgen startklar bereit. Außer tanken braucht sie keinerlei Pflege. Ein echter Muli. Schöne neue Zeiten. Was hab’ ich mir an der RD die Finger wund
geschraubt beim Kettenspannen, Kerzenwechseln, Ölnachfüllen. Inzwischen gefallen mir selbst die zweckmäßigen Balken der Benzinanzeige, die Vibrationen vermeide ich mit geschickter Gangwahl, und die dicken Gummigriffe finde ich auch nicht mehr plump. Wir sind uns näher gekommen, die BMW und ich. Das heißt, ich bin ihr näher gekommen. Über Nacht, nach einem Marathon-Tag.

Weiter geht’s über Rimini, Bologna, Verona. Die Alpen grüßen bereits. Ein Van zieht mich im Windschatten bis nach Bozen. Halb eins, super gelaufen bis jetzt. Rechts Dolomiten, links Dolomiten, die tollsten Kurvenstraßen Europas. Ein Abstecher ist locker drin. Also hoch in die Kehrenwelt. Die BMW scheint es zu freuen. Drückt satt aus den Kurven, schwenkt fast schon gierig in Schräglage, bis die Rasten kratzen. Wunderbare Luft in den Hochlagen, vor mir liegen Rosengarten und Schlern. Zwei Stunden Kurvenorgie enden in Klausen, die Brennerautobahn schaukelt mich nach Innsbruck. Ein bisschen Trubel auf dem Fernpass, letzter Tankstopp vor der Autobahn. Nach 2780 Kilometer mag die BMW einen halben Liter Öl und viel Superplus.

Ab Füssen gebe ich ihr die volle Kante. Scheibe runtergestellt, Kopf zwischen die Schultern und Gas. Die Kuh vibriert sich wieder einen ab, will endlich einmal höher als 6800/min drehen, die 200-km/h-Marke verstreicht, 210 stehen auf der Uhr. Ich laufe auf einen Daimler auf, der gibt alles und zieht mich auf 220 km/h. Ja, bergab dreht der Boxer sogar 7200/min, 230 km/h – ich glaub’ es nicht. In 35 Minuten die 106 Kilometer bis Ulm geschafft, nun noch im Sonnenuntergang zurück nach Stuttgart, nach 250 Kilometern blinkt die Reservelampe auf. Zu Hause. Bis zum Ätna hat es zwar nicht ganz gereicht. Wären 1800 Kilometer einfach gewesen. Aber immerhin: 3002 Kilometer in 48 Stunden.
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