Fahrbericht Aprilia RSV Mille R (Archivversion)

Radial statt radikal

Kein großer Rundumschlag, sondern Modellpflege im Detail: Bei der neuen RSV mille R ist einiges neu, die Grundfesten aber blieben unangetastet. Auffälligstes Feature: die radial verschraubten Bremszangen.

Der Trend ist ein eiliger Zeitgenosse. Erst recht da, wo es die Trendsetter berufsmäßig eilig haben. Auf den Rennstrecken dieser Welt gilt deshalb: Was gestern schick war, ist heute nicht mehr Stand der Dinge.Die neue Mille R hat radial verschraubte Bremszangen. Ausrufezeichen! Oder besser Punkt? Kann das, was für einen Haga gut ist, für Siggi Normalbremser billig sein? Eine Frage, die sich gerade bei derart technischen Sahnehäubchen nicht ohne weiteres vorab beantworten lässt. Jedenfalls sind die vor nicht allzulanger Zeit überall propagierten Sechskolbenzangen auf dem Rückzug; das ungehemmte Breitenwachstum der Reifen kommt zum Stillstand. Das beste Beispiel ist die Mille R selbst. Statt dem bisherigen unvermeidlichen 6,00-Zoll-Felge bekommt die R (im Unterschied zur ebenfalls leicht modifizierten normalen Mille) optional auch ein 5,50-Zoll breites Laufrad. Mehr noch: Als Standardausrüstung wird statt des fetten 190ers ein 180er-Pirelli Supercorsa aufgezogen. Den 190er, der die zivile Mille nach wie vor schmückt, gibt´s auf Wunsch.Die neuen Bremsenmode hingegen ist wie der nun schwarz lackierte Rahmen und die filigranere Heckpartie Serie. Und in den Grundzügen bekannt. Wie schon beim alten Modell verbeißen sich vier Einzelbeläge pro Brembo-Bremszange in nach wie vor 320 Millimeter messende Scheiben, sorgen stahlummantelte Bremsleitungen für eine möglichst exakte Druckübertragung. Und wie schon beim alten Modell ist diese Anlage auf dem für die erste Präsentation ausgewählten, trickreichen Kurs von Vallelunga vor den Toren Roms über jeden Zweifel erhaben. Brachiale Wirkung, wunderbare Dosierung, glasklarer Druckpunkt: Es gibt auch nach zig Runden am Stück auf diesem Stop-and-Go-Kurs nichts zu bekritteln. Einzig ein nicht mehr ganz so giftiges Ansprechen ist zu attestieren, eine geringfügig höhere Handkraft – beides jedoch in Bereichen, die allenfalls auf der subjektiven Skala des persönlichen Geschmacks zu bewerten sind.Alles beim Alten also? Im Grunde ja, denn die theoretischen Vorteile wie nochmals bessere Wirkung und Dosierung lassen sich von Hobbysportlern beim Renntraining angesichts der sehr guten Performance der Vorgängeranlage wohl kaum erfahren. Die Gesamtqualität einer Mille R aber sehr wohl, und an der hat sich - zum Glück - ebenfalls nichts geändert. Es ist immer wieder ein Erlebnis, wie problemlos sich dieses Motorrad dank der leichten, geschmiedeten und edlen OZ-Räder von einem Eck ins andere werfen lässt. Es ist ein Genuss, die engsten Linien anzupeilen, zu treffen - und ohne viel Kraftaufwand durchzuziehen, weil die R wunderbar neutral liegt und sich dank der fein ansprechenden und mit hohen Reserven versehenen Öhlins-Komponenten auch von Bodenwellen nicht aus der Ruhe bringen lässt. Es ist beruhigend, dass der fein justierbare Öhlins-Lenkungsdämpfer Lenkerschlagen wirkungsvoll unterdrückt, und entspannend, dass die Mille nicht nur einem Haga, sondern auch ausgewachsenen Mitteleuropäern reichlich Platz und einen sehr guten Windschutz anbietet. Aber das kannten wir – mit Ausnahme der überarbeiteten Gabel - ja schon. Ebenso wie die gerade bei einem großen V2 hilfreiche Anti-Hopping-Kupplung, die überzeugende Verbindung der Mille mit dem famosen Pirelli Supercorsa und die Motorleistung, die die Italiener nach wie vor mit 125 PS angeben. Neu hingegen ist die Getriebeabstufung. Die ersten drei Gänge wurden länger, der fünfte und sechste hingegen kürzer. Besonders Letzteres ist angesichts der langen Sekundärübersetzung der Vorgängerin sicher ein segensreicher Schachzug, ließ sich in Vallelunga allerdings nicht einsortieren. Zum einen, weil dort selbst die Start-Ziel-Gerade nicht lang genug für die letzte Getriebestufe ist, zum anderen, weil Aprilia auf der abgesperrten Piste ein 16er- statt des in Deutschland obligaten 17er-Ritzels montierte.So gerüstet, schiebt die Mille R sanft ansprechend, aber mit Nachdruck aus den Ecken. Doch auch, wer mehr Schub braucht, wird bedient. Für den Rennstreckeneinsatz bietet Aprilia neben offenem Auspuff und anderem Chip einen Racing-Kit an, bestehend aus ...... Alle, die gesteigerten V2-Bumms aus Noale legal auf öffentlichen Straßen genießen wollen, müssen sich dagegen noch ein wenig gedulden. »An einem stärkeren Motor wird gearbeitet«, versprechen die Italiener. Und damit bis dahin die Fans nicht abwandern, haben sie sich ein ganz besondereres Schmankerl ausgedacht. Die schon in der Vergangenheit allemal ihren Preis werte »R« wird nun für 15999 Euro und so satte 1000 Euro unter dem alten Modell angeboten.
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