Fahrbericht BMW F 650 CS (Archivversion)

Yuppie jee

Hurra, BMW kämpft gegen die Vergreisung der Bikergemeinde. Die cool gestylte F 650 CS soll endlich »Young Urban Professionals« in den Sattel locken. Sie kann mehr.

Die erste Testfahrt mit einer neuen Maschine ist immer etwas Besonderes. Erst recht, wenn es sich dabei um ein völlig neues Konzept handelt. Noch stehen lauter Fragezeichen hinter der neuen F 650 CS. Ein 50-PS-Motorrad für 15000 Mark, kann das angehen? Die erste BMW mit Zahnriemenantrieb, funktioniert das? Und dann dieses wirklich gewagte Design, kommt das an? Um den Geschmack der »Generation Golf«, also Menschen zwischen 25 und 35, zu treffen, schnürte BMW ein komplett aufeinander abgestimmtes Paket aus Bike, Zubehör und Bekleidung. Statt Motorradfahrer zu sein, mutiert man zum Scarver, so der Beiname, auf den die Bayern ihre jüngste Kreation tauften. Der neue Zweiradler fährt beherzt durch Kurven, hört Technobeat aus dem witzigen Soundsystem und kleidet sich in den Farben seiner BMW. Scarver steht für Streetcarving, Assoziationen zum Extrem-Skistyle Carving sind beabsichtigt und deuten an, was die Neue am besten können soll, nämlich extrem flottes Kurvenswingen. Ja und kann sie’s? Klar, und wie! Die niedrige Sitzposition mit sportlichem Beinwinkel, gutem Knieschluss und schmalem, im Verhältnis zum Oberkörper günstig platzierten Rohrlenker passt perfekt – nicht nur beim Stauslalom im Citytrubel, sondern ebenso auf der üppig gewundenen Landstraße. Mit ihrer schlanken Silhouette und dem aus der F 650 GS bekannten, per Einspritzung versorgten Single mit G-Kat ergattert der Scarver mühelos eine Ampel-Pole-Position nach der anderen. Schließlich beschert die neu geformte Airbox sowie eine andere Auspuffanlage dem ohnehin antrittstarken Vierventiler ein leichtes Drehmomentplus. Als echtes Unterhaltungstalent erweist sich der 652-cm3-Einzylinder auch außerhalb urbaner Reviere. Ab 2500/min dienstbeflissen und bis 8000/min fast gierig drehend, schiebt er den 187 Kilogramm leichten Scarver schnorchelnd und bollernd durch die fünf knochig arretierenden Gangstufen. Schwuppdiwupp steht auf der Auto bahn Tempo 180 auf der progressiv gestylten, leider ziemlich unübersichtlichen Uhr. Sauber rennt die CS geradeaus, selbst Flickstellen im Asphalt kontrolliert absorbiert. Der neue Brückenrahmen, der auch als Ölreservoir für die Trockensumpfschmierung dient, strahlt Stabilität aus.Am liebsten sind dem Scarver jedoch Kurvenstrecken. Sehr handlich beim Einlenken, umrundet er vor allem schnelle Kurven linientreu und präzise. In engen Ecken macht sich hingegen die recht breit geratene Bereifung - hinten spannt sich ein fetter 160er-Radial-Schlappen über die dreispeichige 4,5-Zoll-Felge – bemerkbar, die CS kommt nicht an die mustergültige Neutralität ihrer Enduro-Schwester GS heran. Dafür bieten die montierten Michelin Pilot Sport reichlich Grip, so dass des Öfteren die Rasten über den Asphalt schrammeln.Gut, dass die Bremsanlage mit einer 300er-Soloscheibe vorn und einer 240er hinten, gegen 998 Mark Aufpreis mit ABS, den Flitzer auch beim ambitionierten Einsatz sicher im Zaum hält. Bei hartem Zugriff vorn windet sich die Gabel zwar etwas, dafür ist haltloses Eintauchen kein Thema. Schön sanft federt die Front ein. Der hintere Stopper nimmt ebenfalls wirksam an der Energieumwandlung teil. Im Heck lockt ein besonderes Detail den Betrachter: die massiv anmutende Aluminium-Einarmschwinge samt Zahnriemenantrieb. Vorteil: Der Kunststoffriemen transferiert sauber, leise, mit geringern Lastwechseln und bis auf gelegentliches Nachspannen wartungsfrei die maximal 50 PS gen Hinterrad. Ganz im Sinne der avisierten spaßorientierten Klientel, die keinen Bock auf schmuddelige Kettenpflege hat. Folgerichtig gibt’s einen Hauptständer nicht einmal als Zubehör. Dafür darf die werte Kundschaft neben ABS unter anderem variable, schlank bauende Gepäcksysteme, Heizgriffe, Bordcomputer, Chromteile sowie eine Bordsteckdose ordern. Kurzbeinige Scarver-Fans erhalten ohne Aufpreis eine 750-Millimeter-Variante (Serie 780 Millimeter) inklusive flacherem Hinterreifen – BMW denkt mit.Die erste Tankfüllung steht an, die Zapfpistole befüllt den Tank unter der Sitzbank, das Audiosystem spielt automatisch ein wenig leiser. Drei graumelierte Herren umkreisen die CS: »Wahnsinn, wie die aussieht! Der Zahnriemen, klasse gemacht! Was kostet die?« »Yuppie? Oh je...« denkt der Tester und freut sich über ein tolles Motorrad für alle.
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