Fahrbericht Piaggio Vespa 125 ET 4 (Archivversion)

Alles Blech oder was ?

Lenkerverkleidung, Kotflügel vorn und das Staufach im Beinbereich der neuen Vespa sind aus Plastik. Die Reifen aus Gummi. Die Felgen aus Aluminium. Der Motor aus ... . Der Rest aber ist Blech.

In neuem Design und mit zeitgemäßer Technik, doch als Reminiszenz an vergangene Zeiten mit einer selbsttragenden Preßblechkarosse präsentiert sich 1996 eine völlig neue Vespa. Die Designer hatten klare Vorgaben. Klassisch elegant sollte die Neue werden, wozu auch sonst der Rückgriff auf alte Werkstoffe und alte Namen? So schwelgt vom Scheinwerfer über die Blinker und Armaturen bis hin zu den Kotflügeln und dem Rücklicht alles in rundlichen und ovalen Formen à la 50er Jahre. Viele Chromteile runden darüber hinaus das Erscheinungsbild positiv ab. Aber wie fährt sich denn nun so ein nostalgisches Teil?Kommod ist wohl der richtige Ausdruck. Mit 111 Kilogramm trotz Blechkarosserie ein Mittelgewicht unter den 125er Rollern, empfiehlt sich die neue Vespa zum gemütlichen Dahinrollen. Kleine Unebenheiten meistert das Fahrwerk problemlos. Vorn eine klassische Kurzschwinge und hinten eine Triebsatzschwinge mit Federbein sind alten Vespa-Hasen bestens bekannt. Allerdings fährt diese Vespa ohne jede Schräglage geradeaus, weil ihr Motor nun nicht mehr rechtseitig, sondern mittig vor dem Hinterrad sitzt. Neu ist auch die Scheibenbremse vorn. Sie läßt sich fein dosieren, zeigt ordentlich Wirkung und beseitigt damit einen Kritikpunkt aller bisherigen Vespa-Modelle.Der Einzylinder-Viertaktmotor erlebte seine Feuertaufe samt Triebsatzschwinge bereits in der Piaggio Sfera 125 und klingt natürlich in der Vespa genauso: Klack macht es beim Druck auf das Starterknöpfchen, und beim Gasgeben vernimmt man nur dieses angenehme Brummen. Wie bei der Sfera ist der Motor mit einer stufenlosen Riemenautomatik gepaart und sorgt mit seinen zehn PS für ausreichenden Vortrieb - vorausgesetzt, man ist allein unterwegs. Zu zweit sieht das schon etwas anders aus, dann kommt die Vespa recht lahm in die Socken, und auch die Federung stößt an Ihre Grenzen. Noch ein Kritikpunkt: Mitfahrer können ihre Füße aufgrund der schönen, aber bauchigen Seitenteile nicht richtig auf das Trittbrett stellen und sitzen somit auf Dauer trotz der breiten und angenehm gepolsterten Bank eher unbequem. Und sonst?Die Neuauflage der Vespa hat alles, was einen modernen Scooter ausmacht. Sehr gut: Unter dem komfortablen Sitz befindet sich ein großes Staufach, das ruckzuck herausgenommen werden kann und dann den Zugriff auf Vergaser und Zylinderkopf erlaubt. Schlecht: Die Plastikschale sitzt direkt über dem Motor und heizt sich aufgrund mangelnder Isolierung so stark auf, daß jede Tiefkühlkost zu Hause direkt serviert werden kann. Besser aufgehoben ist der Einkauf auf dem serienmäßigen Gepäckträger, der zwar schick aussieht, aber leider nicht die Ausmaße alter Vespa-Gestelle erreicht. Mit sechs Kilogrammm Zuladung darf auch nicht sehr viel drauf.Die Schalter und Griffe sind günstig plaziert und gut zu bedienen. Der ovale Scheinwerfer leuchtet dank 55-Watt-W-Jodlampen hell genug - sogar im Fernlicht. Leider sind die Ausleger der schönen zweifarbigen Rückspiegel zu kurz geraten. Ein Highlight im Zweiradbereich ist die serienmäßige elektronische Wegfahrsperre. Usus bei Rollern dagegen ist die zu kleine Tanköffnung; sabbern scheint vorprogrammiert.Unterm Strich aber variiert die Neue das alte, immer junge Thema »Vespa« so geschickt, daß sie alt und jung begeistern dürfte. Erst recht, wenn im Frühjahr 1997 die baugleiche 50er Vespa ET 2 mit Zweitaktmotor und, bisher einmalig, Einspritzung auf den Markt kommt. Alles klar oder was?
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