Fahrbericht Red-Bull-Honda (Archivversion)

Kleinkaliber

+++ Zum ersten Mal auf einem richtigen Rennbike:
MOTORRAD-Mitarbeiter Daniel Alves de Jesus hat’s gewagt – mit der Honda RS 125 R +++

Warum ich? Diese Frage stelle ich mir nun schon zum x-ten Mal. Schuld daran ist Adi Stadler, der Betreuer für die Fahrer des Red Bull Rookies Cup to MotoGP. Ich sitze auf einem seiner Lieblinge und merke, dass ihm dabei genauso mulmig zumute ist wie mir. Der Liebling, das ist dieses blau-gelbe Geschoss. Eine Honda RS 125 R: ein Zylinder, 44 PS, 71 Kilo, rund 220 km/h schnell. Klein, schmal, leicht – eben ein echtes Rennmotorrad, das ich da auf Einladung der Cup-Organisatoren ADAC und Honda über den Kurs von Oschersleben jagen darf.Sehr freundlich, das Angebot, doch beim Gedanken an diese Mission wird mir nun endgültig flau im Magen. Schließlich kenne ich solche kreischenden Zweitakt-Renner bislang nur von den Grand-Prix-Übertragungen aus dem Fernsehen. Und so was fahren die im Rookies-Cup? Einer Nachwuchsserie, die aus einem Pool von 14- bis 20-jährigen Talenten die Grand-Prix-Stars von morgen sucht. Respekt! So ein Rookie traut sich was. Moment. Rookie, rookie... heißt doch Anfänger. Und wenn ich was bin, dann das – zumindest in Sachen Rennsport.Also deshalb ich. Mit 24 Jahren bin ich zwar schon etwas zu alt für den Cup, aber immer noch jung genug, um mich auf neue Abenteuer einzulassen. Und außerdem passe ich mit meinen 175 Zentimeter Körpergröße ganz gut auf so ein kleines Rennbike – dachte ich. Bei der ersten Sitzprobe mache ich die seltene Erfahrung, dass es tatsächlich Dinge gibt, für die ich scheinbar einen Tick zu groß bin. Selbst wenn ich mit beiden Sohlen den Boden berühre, kann ich meine Beine noch locker anwinkeln. Ob das nun gut oder schlecht ist, wird sich beim Fahren weisen.Jetzt erklärt mir Chef-Techniker Sepp Schlögl erst mal ein paar grundlegende Dinge: »Beim Anfahren die Kupplung schleifen lassen und ordentlich Drehzahlen geben, sonst säuft sie ab. Ab zirka 10000 Umdrehungen geht die Honda vorwärts, richtig Feuer gibt’s dann bei 12000. Spätestens bei der 13000er-Marke musst du allerdings wieder schalten.« 10000, 12000, 13000. Alles klar, das krieg’ ich hin. Es kann losgehen.Gerade möchte ich den ersten Gang einlegen, da klappt mir Adi Stadler das Visier nach oben: »Fahr vorsichtig. Die Bremse ist sehr giftig. Am besten, du bremst nur auf den Geraden. Und mit Gefühl ans Gas, sonst haut das Hinterrad ab!« Schluck. »Ach ja, bevor ich’s vergesse. Auf der Strecke sind ein paar nasse Flecken. Also aufpassen!« Na prima. Nun bin ich mir endgültig sicher, dass es für einen normalsterblichen, vom Rennsport unbeleckten Motorradfahrer kaum möglich ist, ein solches Gerät auf Anhieb in den Griff zu bekommen. Aber was muss, das muss. Visier runter, Matti Seidel, der letztjährige Gewinner des Cups, wird vor mir herfahren und mir die Ideallinie zeigen.Verdammt! Da geht ja gar nix. Ich hätte das Teil beim Anfahren fast abgewürgt. Also dann, neuer Versuch. Viel Gas, Kupplung schleifen lassen, noch mehr Gas, Kupplung kommen lassen. Peinlich, das klappte ja sogar bei meiner ersten Fahrstunde besser. Egal, die Maschine bewegt sich endlich, also konzentrieren. Doch worauf? Auf meine Schuhe Größe 43, die mir plötzlich riesig vorkommen und nur mit Mühe auf den Fußrasten Platz finden? Oder auf das umgekehrte Schaltschema? Erster Gang oben, der Rest nach unten. So kann man auch in Linkskurven bei extremster Schräglage noch hochschalten – wer’s denn braucht. Oder auf den Drehzahlmesser? Oder vielleicht doch auf die erste Kurve, die da vorne kommt?Die Entscheidung liegt nahe: Es sind nur wenige Meter bis zur Kurve. Pfützen in Sicht? Nein! Wunderbar. Blick weit nach vorne und rum. Hey, fetzt die ums Eck. Kein Vergleich zu einem »normalen« Motorrad wie meiner 600er-Yamaha. Die RS fühlt sich nicht nur an wie ein Fahrrad, sie ist auch mindestens so handlich, fast schon kippelig. Aber keine Zeit zum Staunen, es geht zügig weiter, die nächste Kurve naht bereits. Schnell einen Gang hochschalten, bevor mich die Power der kleinen Honda auf die Tribüne katapultiert. Ein paar Biegungen später erreiche ich die Dunlop-Straight, endlich geht’s mal ordentlich geradeaus. Das Gas steht auf Anschlag. Mit einem Auge schiele ich auf den Drehzahlmesser. 8000, laaangweilig. 9000, na ja. 10000, es tut sich was. Jetzt die 12000, alter Schwede! Fühlt sich an wie ein Tritt in den Hintern. Plötzlich und heftig. Doch bei 13000 Umdrehungen ist der gewaltige Leistungsschub des kleinen Einzylinders auch schon wieder vorbei. In der nächsten Runde schalte ich rechtzeitig hoch. Aber jetzt heißt es zum ersten Mal richtig bremsen. Das geht erstaunlich leicht von der Hand. Klar, ganz schön bissig und so, aber kein Hexenwerk. Mein Vertrauen in die Maschine wird immer größer, die Sache fängt an Spaß zu machen.Auf der Start-Ziel-Geraden will ich’s dann wissen und mach’ mich ganz windschnittig. Wenn ich den Helm hinter der Scheibe verstecke, liegt die Kinnpartie auf dem Tank, was aber ganz gut passt, da meine Ellenbogen auch schon meine Knie berühren, wenn ich sie an die Maschine presse. Weiter nach hinten kann ich nicht mehr rutschen, da hört die Sitzmulde nämlich bereits auf. Ich bin ein Riese! Nicht wirklich tropfenförmig, doch mehr ist eben nicht drin. Jetzt aber hü! Erneut das Kabel voll durchziehen und die sechs Gänge durchladen. Das umgekehrte Schaltschema macht überhaupt keine Probleme – einfach nur cool. Ich komme mir richtig flott vor, als ich an der Boxengasse entlangpresche. Wie ein Rennfahrer! Fantasiere ich. Zumindest so lange, bis ich Matti Seidel vor mir wieder wahrnehme. Die linke Hand an der Hüfte, dreht der 18-Jährige sich mehrmals nach mir um und gibt mir ein Zeichen, dass ich ruhig etwas flotter fahren kann. In diesem Moment nehme ich es meinem Vater insgeheim übel, dass er mir nicht zu meinem dritten Geburtstag ein Minibike geschenkt hat. Dann wäre ich vielleicht schon als kleiner Steppke Rennen gefahren und hätte den Matti heute sicher deutlich schneller vor mir hergejagt.
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