Fahrbericht: Yamaha FJR 1300 (Archivversion)

Tour de Force

Mit der Leistung eines Supersportlers und dem Komfort eines Supertourers eröffnet die Yamaha FJR 1300 eine neue Dimension bei den Sporttourern.

Die Eckdaten – 144 PS, 134 Newtonmeter und knapp 260 Kilogramm – machten neugierig. Verdammt neugierig. Die Redakteure sowieso. Doch auch immer mehr fernreisende Zweiradler wollten endlich wissen: Wie fährt sie denn nun, die Yahama FJR 1300? In den letzten Woche die meist gestellte Frage am MOTORRAD-Lesertelefon. Wobei selbst streng gläubige Vertreter der weißblauen Tourenlehre sich mit dem Gedanken an einen Seitensprung trugen.Überraschend ist das überaus große Interesse nicht, fehlten gerade im wachsenden Tourensegment in den letzten Jahren Impulse zukunftsweisender Konstruktionen. Die hat Yamaha mit der FJR gesetzt. Dabei führt sie alte Yamaha-Traditionen fort. Bereits 1979 erschien der starke Kardantourer XS 1100, 1984 folgte der Sporttourer FJ 1100, später mit 1200 cm3 und Sekundärantrieb per Kette. Nach der technisch innovativen, aber wenig erfolgreichen GTS 1000 versucht Yamaha mit der FJR nun sportliche und touristische Aspekte in Einklang zu bringen. Für einen ersten Fahreindruck luden die Japaner ins sonnige Südspanien. Unter dem strahlend blauem Himmel Andalusiens wartete die FJR 1300 bei milden zwanzig Grad Außentemperatur auf ihre erste Bekanntschaft mit dem MOTORRAD-Redakteur. Schon kurz nach dem Start prägt der potente Motor den Fahreindruck nachhaltig. Bereits aus erhöhter Standgasdrehzahl schiebt das Triebwerk wie der sprichwörtliche Ochse. In jeder Lebenslage steht Leistung im Überfluss zur Verfügung. Dahinrollen bei 60 km/h im letzten Gang ist kein Problem, beim Öffnen der Drosselklappen beschleunigt die FJR ruckfrei und vehement.Dabei wirkt der Vierzylinder durch die gleichmäßige Leistungsentfaltung keineswegs aggressiv und weniger spektakulär, als die Eckdaten vermuten lassen. Doch der Blick auf den Tacho holt den Fahrer immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurück: Da geht was. Und auf halbwegs gut ausgebauten Landstraßen geht eigentlich alles im Fünften. Selbst bei Geschwindigkeiten unter 100 km/h beschleunigt die FJR Ross und Reiter mit Nachdruck an bummelnden Pkw vorbei. Immer wieder ertappt sich der Fahrer dabei, in den imaginären sechsten und siebten Gang schalten zu wollen. Doch beim Sortieren der Gänge zeigt sich die FJR nicht von ihrer besten Seite. Das Getriebe hat die typischen Allüren anderer Yamaha-Schaltboxen. Speziell in den unteren Gängen ist Nachdruck gefordert, der Gangwechsel nicht zu überhören.Deutlich zu spüren sind bei Drehzahlen über 6500/min Vibrationen. Was überrascht, aber die beiden Ausgleichswellen schaffen es nicht, die freien Massenkräfte zweiter Ordnung vollständig im Zaum zu halten. Der Fahrer registriert sie in Lenker und Sitzbank. Schade eigentlich, denn die breite Sitzfläche mit straffer Polsterung gibt ansonsten auch nach mehreren hundert Kilometern nicht den geringsten Anlass zur Klage. Die Arme wie selbstverständlich auf den breiten Lenker gelegt, nehmen Menschen ganz unterschiedlicher Größe eine völlig entspannte Sitzposition ein. Nur die Beine sind etwas stärker angewinkelt, um den Fußrasten bei flotter Gangart ausreichend Bodenfreiheit zu garantieren. Komfortbetont ist auch die Fahrwerksabstimmung. Die Telegabel mit 48 Millimeter Standrohrdurchmesser absorbiert in Verbindung mit den Metzeler ME Z4 in Sonderspezifikation von kleinen Fahrbahnunebenheiten bis zu groben Bodenwellen nahezu alles. Ebenso verwöhnt die Hinterhand selbst auf Landstraßen vierter Ordnung. Ruhig schwebt der Fahrer über Verwerfungen jeglicher Art. Treten auf ganz üblen Pisten leichte Fahrwerksunruhen auf, ist schnell Abhilfe geschaffen. Per Hebel von außen die Federrate für den Zweipersonenbetrieb erhöhen und dank praktischem Stellrad die über einen weiten Bereich justierbare Zugstufendämpfung am Federbein anpassen. Dann noch die Gabel über die verstellbare Zug- und Druckstufendämpfung sowie Federbasis entsprechend abstimmen, schon arbeitet das Fahrwerk ausreichend straff, aber keineswegs unangenehm. So bewahrt der Sporttourer auch bei zügiger Gangart Contenance. Zum Reisen erster Klasse gehört guter Windschutz. Den kann die per Schalter elektrisch verstellbare Scheibe bieten, allerdings mit kleinen Abstrichen. In der untersten Position liegen Kopf und Schultern des 172 Zentimeter großen Piloten im Fahrtwind, selbst in der obersten Position stören noch laute Verwirbelungen an der Helmkante den Fahrkomfort. Sobald sich der Fahrer etwas duckt, herrscht völlige Ruhe. Allerdings greift der Winddruck dann im Rücken des Fahrers an. Eine etwa fünf Zentimeter höhere Scheibe würde wahrscheinlich selbst bei größeren Piloten wahre Wunder bewirken. Wunder kann ein vollgetankt rund 260 Kilogramm schweres Motorrad in puncto Handlichkeit sicherlich nicht vollbringen. Auch wenn sich das im ersten Moment nach ziemlich viel anhört, haben sich die Konstrukteure allerhand Mühe gegeben, das Gewicht auf ein Minimum zu reduzieren. Immerhin wiegt die FJR 1300 rund 30 Kilogramm weniger als eine ähnlich ausgestattete BMW K 1200 RS. Entsprechend lässt sie sich im Stand und während der Fahrt vergleichsweise leicht manövrieren, kann aber ihre Pfunde nie verleugnen. Der von der Honda ST 1100 bekannte Aha-Effekt – wuchtige Erscheinung, aber spielerisches Handling – stellt sich nicht ein.Bereits auf der Küstenstraße fällt ein teigiges Einlenkverhalten auf. Das verstärkt sich, als das Yamaha-Roadbook den Fahrer in die Berge dirigiert. Auf den welligen Serpentinensträßchen ist Kraft gefragt, um die FJR in Schräglage zu bringen. Schwierigkeiten bereitet auch die richtige Linienwahl, weil es dem Fahrwerk an Lenkpräzision mangelt, fast so, als wenn im Vorderreifen zu wenig Luft sei. Andererseits ist so gut wie keine Neigung zum Lenkerschlagen vorhanden. Problemlos verrichten die Bremsen ihre Arbeit. Mit ordentlichem Biss und guter Dosierbarkeit bieten sie dem Tourenfahrer stets adäquate Verzögerung. Lediglich ein ABS vermisst man bei dem enormen Leistungspotenzial und dem vom wochenlangen Regen gezeichneten Straßen Andalusiens schmerzlich. Unauffällig bewältigt auch die Kraftübertragung ihre Aufgabe. Auf Lastwechsel reagiert der Antriebsstrang gelassen, und selbst der Kardanantrieb hebt bei hartem Übergang von Schub auf Zug das Heck nur minimal an. Nach gut vierhundert Kilometern geht das erste Rendezvouz mit der FJR 1300 und ein toller Motorradtag zu Ende. Der nachhaltige Eindruck vom bärenstarken Motor und dem superkomfortablen Fahrwerk lässt kleine Mängel schnell vergessen. Eine langfristige Liaison kommt allerdings nicht ganz billig zu stehen. Neben 25500 Mark Grundpreis inklusive geregeltem Katalysator und Sekundärluftsystem sind für die Koffer 1390 Mark extra zu berappen. Mit Innentaschen, Griffheizung und weiteren Optionen schnellt der Preis rasch über die 28000-Mark-Grenze. MOTORRAD wird die Beziehung zur FJR schon bald in einem ausgiebigen Einzeltest auffrischen und untersuchen, ob dieser Krafttourer dank seines ausgeklügelten Konzepts mit pfiffigen Details, wie etwa dem Koffersystem, dessen Träger von außen unsichtbar in die Verkleidung intergriert sind, auch für eine Dreierbeziehung taugt.
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