Fahrbericht Yamaha YZF-R6 (Archivversion)

Jungfernfahrt

Lange vor der Pressevorstellung gelangte eine neue YZF-R6 in die Hände eines MOTORRAD-Testers. Gelegenheit für eine doppelte Premiere.

Das hatte ich noch nie. Schon gar nicht bei meinen eigenen Motorrädern, die ihre ersten Kilometer stets von probefahrenden Übergabe-Inspektionsmechanikern verpasst bekamen: eine funkelnagelneue Maschine mit sechs blanken Nullen auf dem Tacho. Noch dazu eine Yamaha YZF-R6 des Jahrgangs 2003, die ich als erster Journalist auf der Welt fahren darf. Da schlägt das Herz doch gleich höher, passend zum schnellen 600er-Rhythmus.Der wird schon beim ersten Drücken des Anlasserknopfs angeschlagen, und damit macht als eine der wichtigsten Neuerungen an der R6 gleich die Einspritzung auf sich aufmerksam. Sofort läuft der kleine Vierzylinder rund. Dann Kupplung ziehen, Gang einlegen, losfahren. Einfach so. Dass nicht einmal während des Einfahrens Langeweile aufkommt, ist der Durchzugstärke des 600er-Aggregats zu danken. Ehrenwort, das Hochleistungs-Drehteufelchen, welches bezogen auf den vollen Liter Hubraum rund 180 PS bringt, ist durchzugsstark. Selbstverständlich helfen eine kurze Übersetzung und das Gewicht von nur 189 Kilogramm vollgetankt dabei, bei niedrigen Drehzahlen kräftig anzudrücken. Aber letztlich ist es doch egal, wie es die R6 macht. Hauptsache, sie tut´s.Was sie noch tut: Sie schafft die Lastwechsel wenigstens bis in den mittleren Drehzahlbereich geschmeidiger als die Vergasermodelle, deren Abstimmung hier immer für Verschlucken und plötzliches Hinausprusten der Leistung sorgte. Erst später, als höhere Drehzahlen erlaubt und auf dem Kleinen Kurs in Hockenheim auch geboten waren, offenbarte die Neue ebenfalls eine leichte Verzögerung im Übergang von geschlossenen zu geöffneten Drosselklappen.Besser als zuvor, aber noch nicht perfekt funktionieren auch Getriebe und Schaltung. Nach dem ersten Eindruck sind die Schaltkräfte geringer geworden, doch die Gangwechsel vollziehen sich immer noch nicht geräuschlos. Bei höheren Drehzahlen allerdings, wo die R6 ihrem Temperament entsprechend am häufigsten bewegt wird, flutschen die Gänge wenigstens beim Hinaufschalten, wie es sich gehört.Obgleich der Rahmen der 2003er-R6 komplett neu konstruiert ist und eine neue, sehr formschöne Schwinge trägt, macht sich dieser Aufwand weniger bemerkbar als die Einspritzung. Sicher, die R6 hat nicht zuletzt dank der innovativen Rahmenkonstruktion vier Kilogramm abgespeckt. Beim Fahren spürbar wird die Diät allerdings nicht. Jedenfalls nicht ohne direkten Vergleich. Wer darin eine leise Enttäuschung lesen möchte, irrt. Denn es bedeutet nur, dass die R6 nach wie vor mit überwältigender Handlichkeit begeistert und nach Kurven förmlich giert. Und das gilt für enge Biegungen gleichermaßen wie für die Radien, die man jenseits der 150 km/h durchpfeilt und wo sie stabil die Linie hält. Dieses noch leichtere Leichtgewicht lässt sich nicht einmal von den Schlägen einer Betonplatten-Autobahn aus der Ruhe bringen.So verzeichnet das erste Fazit über die R6, Jahrgang 2003, keinen grundlegenden Charakterwandel. Gut so. Im Übrigen kostet die Neue nur 170 Euro mehr als die Alte, ist aber deutlich besser ausgestattet – man denke nur an Einspritzung, U-Kat, Warnblinkanlage oder den Schaltblitz im Cockpit. Und sie scheint alles mindestens genauso gut zu können wie die Alte. Einiges sogar besser.
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