Hesa-Honda EGO (V) (Archivversion)

Blue System

Die Hesa EGO verspricht das Blaue vom Himmel: Erlesenste Komponenten und aufsehenerregendes Design für den spektakulären Showauftritt, seriennahe Antriebstechnik für unproblematisches Funktionieren.

Der Wunsch, einem Motorrad individuelle Züge zu verleihen, ist wahrscheinlich so alt wie die Spezies Motorradfahrer selbst. Einer dieser notorischen Veränderer, denen es angesichts serienmäßiger Maschinen rege lmäßig in den Fingern juckt, ist Karsten Henkel, Chef der Firma Hesa Motorsport. Was bei ihm in der Abgeschiedenheit des elterlichen Kellers als Privatvergnügen begann, hat mit den Jahren Kreise gezogen und letztlich kommerzielle Maßstäbe angenommen. Der Schwerpunkt der Geschäftstätigkeit fällt unter die Rubrik »Plastische Chirurgie«: die Kreation von Kunststoffteilen, die aus uniformen Fließbandprodukten exklusive Designer-Motorräder macht.Die EGO ist Gipfel und Aushängeschild der Hesa-Aktivitäten. Hier hat das Ausgangsmodell, die Honda CBR 900 RR, nur noch die Funktions eines Organspenders - lediglich ihr Triebwerk kommt zum Zug. Der Rest der Hardware stammt aus den Regalen namhafter Zulieferer, während die Skulpturen von Verkleidung, Tank und Sitzbank - der charakterbestimmende Zuckerguß - die Hesa-Signatur tragen.Fundament der EGO ist ein Spondon-Rahmen - eine Brückenkonstruktion aus Aluminiumrohr, die sich wie ein eng sitzendes Muscle-Shirt um den Honda-Reihenvierzylinder spannt, ohne ihn in seiner technischen Ausstrahlung zu behindern. Ein Sechs-Zoll-Hinterrad in Verbund-Bauweise von PVM dreht sich in einer Alu-Schwinge, deren rechter Arm zur Banane gebogen ist. Das zugehörige, rundum einstellbare Zentralfederbein wird von Öhlins beigesteuert.Eingriffe in die Dämpfungscharakteristik erlaubt auch die Upside-down-Gabel von White Power, deren Holme in Hesa-Gabelbrücken klemmen. Das 3,5 Zoll breite Vorderrad bietet dem CBR 900-Motor mit einer martialisch anmutenden Bremsanlage Paroli: zwei 296er Scheiben und Sechskolbenzangen von Beringer lassen keinen Zweifel über das gebotene Verzögerungspotential aufkommen.Aktuellen zentralistischen Tendenzen in puncto Auspuff trägt die EGO in unauffällig eleganter Art Rechnung: Die Abgase machen sich durch eine Vier-in-eins-Anlage davon, um durch eine unscheinbare Öffnung im Heckbürzel - oberhalb der Schlußleuchte - ins Freie entlassen zu werden.Das Cockpit der EGO ist von ergreifender Schlichtheit, ohne es freilich an Mitteilsamkeit fehlen zu lassen: Ein sündhaft teures Stack-Digitalinstrument à la Formel 1 informiert auf Knopfdruck über alle relevanten Daten. Als Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine fungieren eine fast gerade, ergonomisch fragwürdige Lenkstange, eine blitzsaubere, per Exzenter justierbare Fußrastenanlage und eine Sitzbank, die sich mit einem nach vorn abschüssigen, zweigeteilten Sitzkissen nur wenig um anatomische Vorgaben schert.Doch die EGO verlangt dem Fahrer nicht nur in Sachen Unterbringung einige Zugeständnisse ab: Ihr riesiger Wendekreis vereitelt zügige U-Turns, und ihr auf Agilität getrimmtes Fahrwerks nagt in Zusammenspiel mit rüttelnden Windkräften an der Hochgeschwindigkeitsstabilität. Was dem Spaß allerdings kaum Abbruch tut. Im Gegenteil: Die Maschine ist Wheelies, Stoppies und Quertreibereien so herzlich zugetan, daß der Trip mit der EGO unweigerlich zum Egotrip wird.
Anzeige

Artikel teilen

Anzeige
Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote