Hillclimber (Archivversion)

Ein Mann will nach oben

Mit 650 Euro. Für dieses Taschengeld hat Schwabe Klaus Zaiser einen astreinen Hillclimber auf die Räder gestellt. Und zwar komplett. Mit weit über 100 PS, 240 Kilogramm, Mordssound und schräger Optik.

Trockener Hals, kalter Schweiß, pochende Pumpe. Hinter mir eine Hand voll Zuschauer, direkt unter mir ein heiser schreiender Vierzylinder-Tausender, vor mir läppische 100 Meter. Allerdings steil bergauf. Wenn das mal gut geht. Wär’ ich doch bloß nie am Schaufenster der Schlosserei Haug im verträumten schwäbischen Brucken vorbeigekommen. Dort stand es nämlich, Klaus Zaisers Hillclimbing-Monster, bestehend aus den unfallgeschädigten Überresten einer Yamaha FZR 1000 (»Freundschaftspreis 250 Euro«) und der Frontpartie eines betagten 125er-Crossers (»für 100 Euro aus dem Internet«). Gute Basis. Und gute Freunde. Mit deren Hilfe konnte der 38-jährige Landschaftsgärtner aus dem Albdörfchen Schlattstall nach Investition von 650 Euro, einiger Kästen Bier und vieler Stunden Arbeit seinen 1000er-Zentaur im Frühjahr das erste Mal den heimischen Trainingshang hinaufjagen. Letzerer freundlich überlassen vom Chef, der Klaus stante pede engagierte, nachdem dieser – frisch zugezogen - trotz Gipsbein dem Dorf per mächtigem Wheelie seine Aufwartung machte.Der Hang am Rand eben dieses Dorfes ist mit etwa 100 Meter Länge und moderater Steigung nicht so brutal wie der im österreichischen Rachau, was Klaus nicht daran hinderte, dem steirischen Teufelsberg beim Jungferneinsatz seines Hillclimbers Anfang Juli satte 115 Meter abzuringen, Platz 23 von 92 Startern. »Am Ende hat’s am Grip gefehlt, die Leistung hätte locker weiter auffi gereicht.« Trotzdem: Mission erfüllt. Schließlich entstand die Idee zum leistungsstarken Ersten-Gang-Motorrad im Anschluss an Rachau 2001. Als Klaus mit einem KTM-250-Methusalem nach grobem Verschalter bereits bei traurigen 37 Metern strauchelte. Und das trotz langjähriger Offroad-Erfahrung.Das Schicksal vorzeitigen Scheiterns droht nun mir am Schlattstaller Testhang, wo in der schmalen, ausgefrästen Spur zwei deftige Buckel lauern, die Klaus bei seinen Turns mit wild auskeilender Heckpartie passiert. Wegen der um 25 Zentimeter verlängerten und verstärkten Schwinge und des auf einer 15-Zoll-Autofelge rotierenden Treckerreifens ist vom sensiblen Ansprechverhalten des Seriendämpfers nicht mehr viel übrig geblieben. Egal, Klaus betont, dass ohne Kumpel Joachim Stier, der mit einer selbstgefertigten Nabe – »eine Wahnsinnsarbeit« - die Adaption der Felge irgendwie hingekriegt hat, nix gegangen wäre. »Für maximalen Grip haben wir den Reifen gegen die Laufrichtung montiert, auf Kosten der Selbstreinigung.«Bei sommerlichen Temperaturen um 35 Grad ist Selbstreinigung eh kein Thema und die Spur furztrocken. Klaus gibt letzte Tipps: »Du musst gleich mit Schwung in den Hang reinfahren, am besten vorher mit einem großen Bogen Schwung holen und den Motor untenrum mit Kupplung bei Laune halten. Und falls irgendwas schief geht, legst du die Kiste einfach auf die Seite.« Na dann. Aufi’ geht’s. Großen Bogen fahren – schon aufgrund des von der dicken Upside-down-Gabel begrenzten Lenkeinschlags ein Muss - akkurat in die Spurrille einfädeln und Vollgas. Asthmatisch röchelt mich das Biest aus Airbox und Verlegenheitsauspuff an. Letzerer dient nur als Provisorium für Trainingszwecke und zur Beruhigung der Nachbarschaft, beim Rennen ist nach dem Krümmer Schluss. Klausens klare Philosophie, dass Sound wichtiger sei als die letzten zwei bis drei PS, erfordert unerschrockene Kuppelei, wie sie sonst nur 125er-Piloten kennen. Also den Hebel ziehen, Drehzahl steigen lassen, und nach vorsichtigem Einkuppeln beginnt das lange Trumm vehement den Buckel raufzupflügen. Lenker festhalten und unerschrocken auf Vollgas bestehen. Wildes, überkippendes Vierzylindergeschrei überschwemmt das Tal, Vorder- und Hinterrad können sich nicht immer hundertprozentig auf eine Linie einigen, hinten keilt die Fuhre aus wie ein übermotivierter Rodeo-Bulle.Problemloser als erwartet komme ich am Gipfel an und zu der Erkenntnis, dass 650 Euro für ein spitzenmäßiges Rennmotorrad ausreichen. Wenn man Fantasie und gute Freunde hat. Die jetzt gemeinsam mit Klaus endgültig Höhenluft gewittert haben und ihr Monstrum nicht nur in Rachau, sondern hin und wieder bei Veranstaltungen in Frankreich den Berg hochbringen wollen.
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