Hinter den GP-Kulissen (Archivversion)

Zwölf Uhr mittags

Teambesitzer Kenny Roberts, einst Sheriff des Grand Prix-Fahrerlagers, kämpft um seinen Stern und zieht im großen Showdown eine neue Waffe: ein V 4 Motor soll die müde Modenas munter machen.

Kenny Roberts läuft wie der stolze Besitzer eines Delikatessengeschäfts hin und her, reißt perfekt geschmiedete Kurbelwellen aus ihrer Zellophanverpackung, nimmt filigrane, millimetergenau ziselierte Titan-Fußrastenplatten zwischen die Finger, zieht die aufwendige Feinmechanik eines Schalthebels aus einer Schublade hervor und deutet auf die matt schillernden Kohlefaserteile des durchdachten Airboxsystems.Die Demonstration gelingt, dem Besucher der Modenas-Box und des großen Team-Trucks läuft das Wasser im Munde zusammen. So gut, wie sie aussieht, funktioniert die 500er Modenas KR 3 manchmal auch - doch leider mit Vorliebe zum falschen Zeitpunkt. Bei Vorsaisontests in Malaysia und Japan legte Jean-Michel Bayle ähnlich vielversprechende Zeiten vor wie der spätere Rennsieger Kenny Roberts junior auf Suzuki. »Doch als wir zum Rennen wieder auftauchten, war die Maschine plötzlich unfahrbar. Bayle blieb zwei Sekunden unter seiner inoffiziellen Bestzeit, und bis heute suchen wir danach, wo und warum sich ein Wurm ins Fahrwerk eingeschlichen hat«, gibt Kenny zu.Der Spuk könnte ebenso schnell vorbeigehen, wie er gekommen ist. In Barcelona war Bayle im ersten freien Training Zweiter, qualifizierte sich im Abschlußtraining als Fünfter und bewies, daß die handliche, im Vergleich zu den Vierzylindern um zwölf Kilogramm leichtere Maschine wieder zu respektablen Achtungserfolgen in der Lage ist. Rennsiege sind mit dem Dreizylindermotor trotzdem auf lange Sicht außer Reichweite. Der PS-Mangel ist nach wie vor kraß genug, um auf den Geraden von der Konkurrenz immer wieder geschlagen zu werden. Weil Teamchef Roberts keine zweistelligen Millionenbeträge mehr verpulvern kann, um nach zusätzlichen PS zu suchen, steckt er in einem Dilemma. Einerseits war er nach dem Wegfall der gewohnten Marlboro-Dollars klug genug, den Teambetrieb einzuschränken, weshalb sein Cheftechniker Warren Willing und sein Sohn Kenny junior zu Suzuki abwanderten und die Weiterentwicklung der Maschine nur noch auf Sparflamme vor sich hinköchelt. Andererseits weiß Roberts, daß ihm ohne greifbare Resultate auch die letzten Sponsoren davonlaufen. Deshalb hadert der Amerikaner mit einem System, das sich davor scheut, alte Zöpfe abzuschneiden. »Es kann doch nicht angehen, daß Honda regelmäßig drei, vier oder fünf vordere Plätze mit ihren Leasingmaschinen blockiert. Wenn McLaren in der Formel eins fünf Autos verleasen dürfte - wo würde sich dann Ferrari qualifizieren?« wirft Roberts ein und fordert ein System, bei dem die Zahl der Werksmaschinen strikt begrenzt und jeder Hersteller gleichzeitig dazu verpflichtet wird, eine gewisse Anzahl von Motoren zu verkaufen.Doch bisher ist eine so radikale Wende nicht in Sicht, und weil große, multinationale Konzerne als Geldgeber auch auf absehbare Zukunft Mangelware sind, war es laut Roberts »womöglich der größte Fehler«, sich in das ehrgeizige Projekt einer Dreizylinderkonstruktion zu stürzen, wo es keinerlei Referenzen der gewohnten 125-cm³-Hubraumeinheiten gab und buchstäblich alles von Grund auf neu entwickelt werden mußte.Allerdings ist der Amerikaner auch lernfähig genug, aus solchen Fehlern die Konsequenz zu ziehen. Neuestes Projekt ist deshalb eine V4-Maschine mit dem schnellen Swissauto-Motor. Im Frühjahr baute die Roberts Group ein Fahrwerk für die MuZ-Weber mit Swissauto-Motor, jetzt lieferte Swissauto bereits einen Motor für die Modenas des Roberts-Teams. »Wir bauen ein Vierzylindermotorrad. Denn wir brauchen Ergebnisse«, bestätigt Roberts und will den neuen Prototypen besser heute als morgen zu den ersten Tests auf die Strecke schicken. Dank des intensiven Technologietransfers könnte Bayle bereits im August mit einer Modenas-Vierzylinder ausrücken.Zu einem anderen Projekt verweigert Roberts freilich jeden Kommentar: Leo de Graffenried, Marketing-Mann des GP-Promoters Dorna, der bereits BMW als offiziellen Ausrüster der Safety Cars ins Spiel brachte, knüpfte Kontakte zwischen Roberts und BMW-Motorsportchef Gerhard Berger. Ihnen möchte er eine neue Idee für die kommende Viertakt-Zukunft des Grand Prix-Sports schmackhaft machen: ein Roberts-Grand Prix-Team mit BMW-Motoren.
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