Historie und Modellchronik (Archivversion)

Vespa mi amore

Erdacht als Notbehelf der Mobilität, wurde die Vespa zum Mythos - als Symbol unbeschwerter Fortbewegung und italienischer Lebensfreude

Piaggio hat den Roller nicht erfunden - aber die Vespa. Was in etwa auf das gleiche hinausläuft. Denn die Vespa wurde - nicht nur gemessen an der produzierten Stückzahl von 15 Millionen weltweit - der erfolgreichste Roller aller Zeiten. Die Vespa hat das Bild des Scooters geprägt. Weder der Ford T noch der VW Käfer, weder eine Harley noch eine Honda können für sich beanspruchen, mit ihrem Namen und ihrer Form für die ganze Gattung zu stehen. Die Vespa kann.Glorreich war ihr Anfang nicht. Denn die Produktionsanlagen der Rüstungsschmiede Piaggio, bis 1945 ein mit Rekorden dekorierter High-Tech-Konzern für leistungsfähiges Fluggerät, lagen in Trümmern. Gut, daß Blechpressen, qualifizierte Mitarbeiter und ein Vorrat an achtzölligen Spornrädern übriggeblieben waren. Eine Idee, was damit anzufangen wäre, hatte Firmenchef Enrico Piaggio bereits. Das Thema hieß Mobilität. Kaputte Straßen und Eisenbahnen, leere Geldbörsen - da mußte ein erschwingliches Verkehrsmittel her. Leichte Bedienung, simpler Aufbau und ein Minimum an Komfort standen in Piaggios imaginärem Lastenheft.Der erste Konstruktionsversuch Anfang 1945 endete mit einem plumpen Fahrzeug mit blechernem Tunnelrahmen. Die Piaggio-Werker hänselten das Ding »Paperino«. Das ist der italienische Ausdruck für Donald Duck, und er war nicht nett gemeint. Mit dem zweiten Anlauf wurde der Hubschrauber-Pionier Corradino d’Ascanio beauftragt - ein genialer Konstrukteur mit Abneigung gegen Motorräder, die er für unpraktisch, unbequem und zu kompliziert hielt.Der wenige Wochen später vollendete Entwurf mit dem Kürzel V.98 gefiel auch Enrico Piaggio. Geschwungene Formen, gestreckte Eleganz und innovative, aber unter der selbsttragenden Karosserie so gut wie unsichtbare Technik - die Vespa war geboren. D’Ascanio hatte die Flugzeugräder der V.98 einseitig aufgehängt und den schlitzgesteuerten 98-cm³-Zweitakter mit Kupplung und Getriebe zu einer Triebsatzschwinge verbunden, was die Kraftübertragung durch eine pflegebedürftige Kette ersparte. Nicht mal einen Ständer gab es - die ersten Vespen wurden geparkt, indem man sie mit dem Trittbrett auf den Bordstein lehnte.Obwohl die Anfang 1946 vorgestellte V.98 von der Öffentlichkeit begeistert aufgenommen wurde, vollzog sich ihr Verkaufsstart verhalten. Skeptiker zweifelten wegen der kleinen Räder an ihrer Fahrsicherheit, und der Moto Guzzi-Besitzer Conte Parodi lehnte den ihm angebotenen Vertrieb der Vespa brüsk ab. Nur knapp 2500 Exemplare fanden 1946 einen Käufer. Doch schon im folgenden Jahr schlug die Stimmung um, Vespen gingen weg wie warme Semmeln: Innerhalb eines Jahrzehnts verhundertfachte sich die Produktion, 1956 lief die millionste Vespa vom Band.Angehörige aller sozialen und beruflichen Gruppen schwangen sich auf die Vespa. Gerade ihre gänzlich untechnische Ausstrahlung machte sie überall auf der Welt akzeptabel für Menschen, die sich kaum je auf ein Motorrad gesetzt hätten. In Frankreich und England, Belgien und Spanien, Brasilien und Indien entstanden Vespa-Fabriken, in Deutschland baute der Lintorfer Fahrradfabrikant Jakob Oswald Hoffmann ab 1950 die Vespa 125 in Lizenz. Und sogar in der UdSSR wurde sie als »Viatka« kopiert.Es war nicht alleine das stetig verbesserte technische Produkt Vespa, das den Durchbruch ermöglichte. Geschickte Werbung und Öffentlichkeitsarbeit trugen dazu bei, die Vespa zum Symbol für Freiheit, Unabhängigkeit und das mühelose Knüpfen sozialer Kontake zu machen. Hoben comicartige Plakate zunächst auf das Mobilitätsbedürfnis ab, so folgten bald Motive, die Freizeit und Lebensfreude in den Vordergrund stellten.Geschickt spannte Piaggio Filmstars und andere Prominente für die Vespa-Werbung ein. Ob John Wayne oder Henry Fonda, Ursula Andress oder Jean-Paul Belmondo - zu Dutzenden ließen sich die Schönen und Berühmten der fünfziger und sechziger Jahre auf Vespas ablichten. Audrey Hepburn und Gregory Peck kutschierten in »Roman Holiday« auf einer Vespa durch Rom, und im »Who«-Musikspektakel »Quadrophenia« balgten sich motorradfahrende Rocker mit Vespa fahrenden Mods.War die Vespa ursprünglich auch als bequemes Transportmittel für Kurzstrecken konzipiert worden, so stellte sich bald heraus, daß sie auch für sportliche Erfolge taugte. 1951 gewannen Vespas neun Goldmedaillen - die Vespa war damit das sportlich erfolgreichste »Motorrad« Italiens .1952 fuhr eine von Piaggio gebaute Rekord-Vespa mit 171 km/h einen neuen Geschwindigkeitsrekord für 125er. Außerdem machten sich Vespa-Fahrer zu allen nur denkbaren Expeditionen und Reisen auf. Mit der Vespa an den nördlichen Polarkreis, durch die Anden oder den Kongo, von Mailand nach Tokio, von London nach Australien und zurück - keine Strecke schien zu weit, kein Unterfangen zu schwierig. Weniger Sportliche - und das war die Mehrzahl - schlossen sich den Vespa-Clubs an, die wie die Pilze aus dem Boden schossen. Internationale Treffen mit Tausenden von Teilnehmern illustrierten, daß die Idee eines geeinten Europa kaum auf fruchtbareren Boden fallen konnte als unter Vespisti.In fünfzig Jahren ist die Vespa zum Mythos geworden. Da bleibt der Ruhm nicht aus. Peter Roos setzte ihr in »Vespa Stracciatella« und »Vespa Bella Donna« ein poetisches Denkmal. »Vespa mi’ amore« nannte Ulrich Kubisch seine detailreiche Technik- und Modellgeschichte der Vespa. Ihren Platz im New Yorker Museum of Modern Art hat sie schon lange: als Musterbeispiel für gute Gestaltung eines Industrieprodukts.
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