INTERMOT-Nachlese (Archivversion)

Heimvorteil

Zum ersten Mal gastierte die weltgrößte Motorrad-Ausstellung in München. BMW nutzte das Heimspiel und präsentierte den neuen Supertourer K 1200 LT. Ein Messe-Rückblick.

Die Inszenierung war perfekt, keine Frage. Da bemühten sich Heerscharen von Journalisten, vorab ein Bild von der neuen K 1200 LT zu ergattern, redeten mit Engelszungen auf die Verantwortlichen der BMW-Führungsetage ein. Vergebens. BMW bliebt hart. Zur Eröffnung der INTERMOT, und keinen Tag früher sollte sich das staunende Publikum ein Bild vom neuen Supertourer machen, das Highlight zum 75. Geburtstag der BMW-Motorradsparte. Mochten die anderen Hersteller ihre Neuheiten ruhig schon im Vorfeld der weltgrößten Motorradausstellung, die erstmals in München stattfand, anpreisen. BMW wollte sich die Show nicht nehmen lassen und präsentierte, beflügelt vom Erfolg des Sportourer K 1200 RS und des Cruiser R 1200 C, nun die K 1200 LT – frei nach dem Motto: »Das Beste kommt zu Schluß.«Ein Motorrad der Superlativen, auch für BMW-Verhältnisse – nicht ohne Grund vergleichen die Bayern diese Maschine mit den »7er«-Luxuslimosinen aus gleichem Hause. Mit 34879,08 Mark Grundpreis ist die LT die teuerste und mit 385 Kilogramm Gesamtgewicht gleichzeitig auch die schwerste Serien-BMW aller Zeiten. Beim Antrieb wie beim Rahmenkonzept – der Motor ist schwingungsentkoppelt – setzten die Münchner auf Bewährtes: Sowohl der liegende Reihenvierzylinder wie auch der steifen Alu-Gußrahmen stammen aus der K 1200 RS. Zumindest auf dem Papier hat also die schärfste Konkurrenz, Hondas Gold Wing, mit 1520 cm³ Hubraum und sechs Zylindern die Nase vorn. Dafür kann die LT laut BMW als einziger Supertourer mit einem geregeltem Katalysator und serienmäßigem ABS aufwarten. Aber auch die Eckdaten des für die Belange der LT modifizierten 1200er Triebwerks lassen aufhorchen: Als Spitzenleistung werden 98 PS angegeben. Für Langstreckenfahrer viel entscheidender: Das maximale Drehmoment von 115 Newtonmeter soll bereits bei 6750/min anliegen. Für entspanntes Gleiten verspricht BMW im Bereich von 2800 bis 6800/min ständig über 100 Newtonmeter. Diesen Drehmomentzuwachs erreichten die Techniker durch geänderten Steuerzeiten und längere Saugrohre mit schmalerem Durchmesser (34 statt 38 Millimeter). Das neuentwickelte Fünfganggetriebe ist speziell auf diese Leistungscharakteristik abgestimmt, der Fünfte fungiert dabei als drehzahlsenkender Overdrive. Für genügend Reichweite sorgt ein 24 Liter fassender Tank.Um das Rangieren dieses Brockens zu erleichtern, setzt BMW – standesgemäß in diesen Kreisen – auf eine elektronische Rückfahrhilfe. Sie wird mittels Drehschalter oberhalb des Schalthebels aktiviert. Beim Drücken des Starterknopfs schiebt der Anlassermotor die LT mit maximal 1,2 km/h rückwärts. Um die Batterie bei diesem Kraftakt nicht zu entladen, hebt die Motorelektronik die Leerlaufdrehzahl kurzfristig auf 1500/min an.Natürlich verfügt die LT über weitere elektronische Schmankerl, wie sich das für einen Supertourer geziemt: Dazu gehört das verstellbare, ausladende Windschild ebenso wie ein eigens entwickeltes Soundsystem mit RDS-Cassettenradio und Sechfach-CD-Wechsler, zwei zwölf Volt-Steckdosen, Bordcomputer, Tempomat und beheizbare Handgriffe. Da erscheint es nur konsequent, daß gegen Aufpreis eine Sitzheizung (getrennt regelbar für Fahrer und Beifahrer), eine Kühlbox nebst Getränkehalterung, eine Alarmanlage und eine Gegensprechanlage lieferbar sind.Neben einem außergewöhlich hohen Fahrkomfort bietet BMW seiner potentiellen LT-Kundschaft genügend Stauraum für den großen Urlaubstrip zu zweit: Insgesamt 120 Liter stehen zur Verfügung, allein das Topcase bietet Platz für zwei Integralhelme.Wer angesichts der BMW-Offensive glaubt, die übrige Motorradwelt stünden im Schatten der gewichtigen K 1200 LT, der irrt. Es gab genügend andere Neuheiten zu bewundern, über die meisten hatte MOTORRAD bereits im Vorfeld der INTERMOT berichtet.Gleichwohl zeichnete sich auf dieser Messe eine Tendenz klar ab: Die Zeiten wilder und allzu schneller Modellwechsel scheinen endgültig vorbei zu sein. Der Kampf einzelner Importeure um die Marktführerschaft hatte in diesem Jahr hin wie her seltsame Blüten getrieben: Tageszulassungsaktionen freute zwar die Kunden, wirkten jedoch auf viele Händler beunruhigend. Weiterhin erfreulich: Viele Hersteller nehmen sich des Themas G-Kat an – wenn auch zaghaft. Gezielte Modellpflege und die Suche nach einer Marktnische stehen auf dem Programm, auch bei den vier großen Japanern. Yamaha verfügt dabei sicherlich über das ausgewogenste Modellprogramm, ist somit – anders als vor zwei Jahren – glänzend für die kommende Saison gerüstet. Ungedulige Honda-Fans vermißten die neue Fireblade als Antwort auf Yamahas R1, doch die neue CBR 600 F und – vor allem – die große 1000er Reise-Enduro Varadero sollten im Zulassungsrennen ein gehöriges Wörtchen mitreden können. Auf dem Suzuki-Stand gingen die Meinungen über die pfeilschnelle GSX 1300 R Hayabusa auseinander, viel Zustimmung fand dagegen der preisgünstige Zweizylinder SV 650. Auch über die neuen Cruiser von Kawasaki mit Beinamen Drifter diskutierten die Fans lebhaft.Aber es waren auch und gerade die kleineren Herstellern, die positiv überraschten.Triumph sei hier erwähnt, mit einer inzwischen durchweg konkurrenzfähigen Modellpalette, abgerundet durch die neuen Sporttourer Sprint ST und die Enduro Tiger – beide mit G-Kat. Daneben hatte KTM einen symphatischen und selbstbewußten Auftriff. Die neue KTM Duke glänzt mit einem extravaganten Design. Dazu gehören zwei Scheinwerfer mit Ellipsoid-Technik genauso wie eine hochgelegte Doppelauspuffanlage oder die BBS-Leichtmetallfelgen. Der neue »Herzog« soll über sieben PS mehr Leistung verfügen. Außerdem präsentierten die Österreicher das 520 EXC Racing-Modell mit neu entwickeltem Viertakt-Motor und Sechsganggetriebe. Auch bei den Zahlen herrscht bei KTM Feststimmung: 26214 verkaufte Motorräder im abgelaufenen Geschäftsjahr 1998 bedeuten Unternehmensrekord. Ob die Österreicher nach den abgebrochenen Gesprächen mit Harley ihr Glück weiter allein versuchen oder doch mit Moto Guzzi zusammenarbeitet? Dieses Gerücht hält sich ebenso lange wie hartnäckig. Moto Guzzi jedenfalls präsentierte zum wiederholten Mal die unverkleidete V11. Nicht nur Freunde der legendären Le Mans I würden sich freuen, wenn die Unverkleidete endgültig im Sommer 1999 auf den Markt kommen würde.»Tutti bene« heißt es bei Ducati, man plant gar den verschobenen Börsengang nachzuholen, diesmal unter etwas besseren Vorzeichen als vor zwei Jahren. Seit amerikanische Investoren das Ruder in die Hand genommen haben, geht es mit der Traditionsmarke langsam aber stetig bergauf. Neu bei Ducati: die Monster-City-Modelle mit Windschild und serienmäßigen Packtaschen, die Supersport 750, wahlweise als halb- oder vollverkleidete Version, der Sporttourer ST4 und der Supersportler 996. Des weiteren präsentierten die Italiener die vielbewunderte Designstudie MH 900e, deren Serienproduktion aber eher fraglich ist.Weitere Trend der INTERMOT: Motorroller gewinnen an Hubraum und Leistung, sehen Motorrädern immer ähnlicher. »Der Italjet Dragstar 180 dürfte auch für Motorradfreaks interesssant sein«, erklärt Werner Enzmann, geschäftführender Redakteuer der MOTORRAD-Schwesterzeitschrift Roller Spezial, »er hat einen kräftigen Motor und diesen filigranen Gitterrohrrahmen.« Neben dem großen 400er Suzuki Burgmann rät Enzmann zur Probefahrt mit dem neuen Suzuki Epicuro mit wassergekühltem 125er Vierventiler. Er soll echte 15 PS leisten und dabei konkurrenzlos leise und leicht sein. Ein Schnäppchen bietet Aprilia: Der neue SR 125 mit bewährtem Piaggio-Zweitaktmotor kostet nur 4500 Mark.
Anzeige

Artikel teilen

Anzeige
Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote