Interview Rainer Bracht (Archivversion)

Immer daran geglaubt, dass wir da raus kommen

Nach fast sechs Monaten Geiselhaft ist der 46-jährige Detmolder Endurofahrer und freie MOTORRAD-Mitarbeiter Rainer Bracht wieder frei. Am 23. Februar wurde er zusammen mit insgesamt 31 Sahara-Fahrern auf der algerischen Gräberpiste in eine der nervenaufreibendsten Entführungen deutscher Touristen verwickelt. 177 Tage später erhielten sie am
17. August nach Zahlung eines Lösegelds in Millionenhöhe die Freiheit zurück. Eine erste Gruppe wurde
bereits am 13. Mai vom algerischen Militär gewaltsam befreit.

Rainer, hast du dir je vorgestellt, dass es so lange dauern würde? Als die Entführer von der Wallert-Entführung auf den Philippinen zu reden begannen, war mir klar, dass es dauern kann. Aber dass es dann wirklich ein halbes Jahr werden würde, dachte keiner von uns. Vermutlich auch die Entführer nicht. Am Anfang bewegte sich ja Monate nichts. Wie geht man damit um, unvermittelt in solch einer Situation zu stecken und zu kapieren, mit wem man es zu tun hat? Manche waren völlig verzweifelt, hatten Angst, erschossen zu werden. Schließlich sind das militante Islamisten, die für einen Gottesstaat kämpfen. Ich versuchte eher, irgendwie damit klar zu kommen. Außerdem zog Coolness bei denen mehr als Angst. Sorge machte mir eher der Gedanke an daheim. Wusstet ihr, dass ihr gesucht werdet? Ja, wir hatten die ersten Monate ein kleines Radio und hörten Deutsche Welle. Und später sahen wir die Helikopter der algerischen Armee. Übers Radio kriegten wir mit, wie daheim die wildesten Spekulationen angestellt wurden, was mit uns geschehen sei. Von starken Regenfällen beim Zelten weggespült und so. Was für ein Quatsch! Ich kenne die Wüste und weiß mich zu verhalten. Anfangs gab es Verwirrung über euren letzten Standort und wo man suchen sollte. Ein Biker hatte seine Route daheim im PC abgespeichert, doch sie unterwegs geändert. Und ich hatte meiner Frau Petra telefonisch erzählt, dass wir von Ilisi zur Gräberpiste wollten. Aber sie nahm lange keiner ernst. Obwohl Petra sich ziemlich gut auskannte. Ja, denn normalerweise fahren wir immer zusammen und waren schonx-mal in Afrika (siehe MOTORRAD 17/2000, Anm. d. Red.). Nur diesmal konnte sie wegen einer Hüftoperation nicht mit. Ich war natürlich heilfroh darüber, aber gleichzeitig habe ich sie total vermisst. Zu Hause hat sie Unglaubliches geleistet. Wie habt ihr dieses halbe Jahr zugebracht? Die ersten Monate in einer Felsspalte, 20 bis 30 Meter lang, aber nur wenige Meter breit. Tags mussten wir da drinhocken, nachts konnten wir raus. Nach der ersten Geiselbefreiung sind wir ein paar hundert Meter weiter in eine Höhle gezogen, etwa so groß wie eine Dreizimmerwohnung, und später auf ein felsiges Hochplateau. Dort war es eigentlich am angenehmsten, doch es gab giftige Schlangen. Und die Flucht nach Mali, als es in Algerien für die Entführer zu gefährlich wurde? Das war die furchtbarste und gefährlichste Zeit. Wir sind Wochen nur noch auf irgendwelchen Pick-ups wie wahnsinnig durch die Wüste gerast, es passierten Überschläge und wurde immer heißer, tagsüber mehr als 50 Grad und fast keinen Schatten. Ich glaubte nie, dass uns die Entführer wirklich was antun, aber ich hatte Angst, dass wir bei einem Unfall oder vor Wassermangel umkommen. Eine Frau hat es nicht geschafft. Michaela Spitzer starb Ende Juni an einem Hitzschlag. Der schlimmste Tag. Es war unerträglich heiß, das Wasser streng rationiert, zwei Liter für jeden und kaum Schatten. Alle waren völlig am Ende. Als wir Michaela nachts im Scheinwerferlicht begruben, hatte ich zum ersten Mal Zweifel, ob wir da noch rauskommen. Auch die Entführer waren geschockt. Sie hatten immer beteuert, sie würden uns nichts tun. Mit solchen Schwierigkeiten jedoch hatten sie vermutlich nie gerechnet. Am nächsten Tag kamen wir an eine Wasserstelle, und Michaela hätte gerettet werden können. Zum ersten Versteck fuhrt ihr noch mit den Motorrädern. Wie lief das ab? Wir fuhren nachts und auf einer so üblen Piste, dass wir für 60 Kilometer drei Tage brauchten. Jeder hatte einen der bewaffneten Typen hintendrauf. Es kamen Stürze vor und echt haarige Situationen. Die hatten sich das mit den Motorrädern wohl nicht so genau vorgestellt. Wusstet ihr, wo ihr euch befindet? Grob ja, sie hatten zwar unsere GPS eingesammelt, aber gelegentlich konnte man einen Blick darauf werfen. Hattet ihr mal überlegt, zu fliehen? Ja, zurück zur befahrenen Gräberpiste hätten es ein paar sicher geschafft. Aber was wäre dann aus den anderen geworden? Was ist von deiner Liebe zu Afrika übrig geblieben? Ich liebe es noch immer. Als wir von Bamako heimgeflogen wurden, hätte ich mir so gewünscht, Petra wäre hier, und wir könnten jetzt einfach Urlaub machen, irgendwo am Meer, in Ghana vielleicht. Mir tut es so leid um Algerien und die Menschen dort. Jetzt ist in diesem Land vermutlich für Jahre alles gelaufen. Nordafrika würde ich momentan auch niemandem mehr raten, da läuft zu viel. Was denkst du über den nun erhobenen Vorwurf des Leichtsinns? Wir waren nicht leichtsinnig, sondern für eine Wüstentour gut vorbe-reitet. Reisen nach Südalgerien galten zu dem Zeitpunkt sicherheitstechnisch als unproblematisch. Mit Terroristen diesen Kalibers hat in dieser Region keiner gerechnet. Was wirst du jetzt machen? Mich wieder ein bisschen aufpäppeln und versuchen, das Ganze zu ver-arbeiten. Mir geht es zwar einigermaßen, aber 30 Kilogramm fehlen schon. Und genießen, im Garten zu frühstücken und endlich mal wieder eine Tür zwischen mir und anderen Menschen zumachen zu können.
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