Kawasaki GPZ 900 R: Optimierung (Archivversion)

Schwer in Ordnung

Schwer, stark, schnell - MOTORRAD zeigt an einer Kawasaki GPZ 900 R, wie man einem Big Bike vergangener Tage mit relativ geringem finanziellen Aufwand noch eine Menge Potential an Fahrspaß entlocken kann.

Politiker plädieren dafür, Gewerkschafter machen sich für sie stark, und der treusorgende Partner und Verwalter der Haushaltskasse kennt sowieso nichts anderes als - die Vernunftlösung. Was verdächtig oft nach faulem Kompromiss riecht, bei dem der Spaß auf dem Altar der gepflegten Langeweile geopfert wird, ist häufig auch ein Thema für Motorradfahrer. So etwa, wenn für den Kauf eines gebrauchten Bikes nur ein begrenztes Budget zur Verfügung steht. Soll man der Vernunft gehorchen und eine kleinere, noch relativ jungfräuliche Maschine mit geringerer Laufleistung kaufen oder einem der aufregenden Leistungsprotze vergangener Tage den Vorzug geben, selbst wenn dieser schon einige Jahre auf der Straße hinter sich hat? MOTORRAD ist dieser Frage nachgegangen und hat ausprobiert, ob ein Big Bike von Gestern zum Preis von 5000 Mark auch heute noch Spaß macht. Beim Studium der Gebrauchtanzeigen stand daher nicht die Vernunft, sondern ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis an erster Stelle. Für 49 Mark pro PS wechselte schließlich eine Kawasaki GPZ 900 R aus erster Hand in originalem und gutem Zustand den Besitzer, die seit der Zulassung 1991 knapp 31000 Kilometer gelaufen war. Nach den positiven Erfahrungen beim MOTORRAD-Langstreckentest sollten angesichts der relativ geringen Kilometerleistung keine Schwierigkeiten vom rau laufenden Triebwerk zu erwarten sein. Dafür hat das Serienfahrwerk so seine Mühen, bei zügiger Fahrt Haltung zu bewahren: Die stumpf wirkende Vorderbremse, das starke Aufstellmoment beim Verzögern in Kurven, die Pendelneigung beim Beschleunigen in Schräglage sowie die nachwippenden Federelemente sorgen zunächst für ein gedämpftes Vergnügen. Doch der lange Verkaufszeitraum der GPZ 900 R von fast zehn Jahren hat auch auf dem Zubehörmarkt seine Spuren hinterlassen. So gibt es für den Klassiker, von dem allein in Deutschland noch über 8000 Maschinen zugelassen sind, eine recht große Auswahl an Federelementen, Auspuffanlagen, Bremsbelägen, Verkleidungsteilen und anderem Zubehör. Aus diesem Angebot hat MOTORRAD einige Teile ausgewählt, die der Kawasaki mit möglichst geringem finanziellen Aufwand auf die Sprünge helfen sollen. Einen ersten großen Schritt zum angestrebten Ziel bringt der Wechsel der Serienbereifung. Der Dunlop K 275 gibt sich in Sachen Stabilität, Komfort und Handling höchst durchschnittlich und zeichnet überdies für das starke Aufstellen beim Bremsen in Schräglage verantwortlich. Die letzten Sympathien verscherzen sich die japanischen Gummis mit extremem Lenkerflattern, das im Geschwindigkeitsbereich zwischen 100 und 60 km/h permanent zu spüren ist. Also mussten vier Alternativ-Bereifungen ihre Qualitäten unter Alltagsbedingungen beweisen. Getestet wurden Eigenschaften wie Hochgeschwindigkeitsstabilität, Handling, Fahrverhalten in Kurven und das Aufstellmoment beim Bremsen in Schräglage. Nicht zur Debatte standen bei dieser Reifenempfehlung die Haftung im Grenzbereich, das Verhalten bei Nässe und der Verschleiß. In der Summe seiner Eigenschaften am harmonischsten war letztlich der sportliche Metzeler ME 1 in der CompK-Mischung. Der bloße Wechsel auf die Gummis der Münchner, ohnehin irgendwann einmal verschleißbedingt notwendig, ist damit der preisgünstigste Grundstein für ein besseres Fahrverhalten. Der nächste Schritt galt den relativ hart abgestimmten und nicht gerade sensibel ansprechenden Federelementen, deren lasche Dämpfung über die Jahre natürlich nicht besser wurde. Bereits das preisgünstige, in der Dämpfung nicht verstellbare Helix-Federbein ist dem Original merklich überlegen und sorgt in den meisten Fahrsituationen für Ruhe in der Hinterhand. Noch besser beherrscht das in der Dämpfung einstellbare Pendant von Hagon diese Übung, insbesondere bei sehr sportlicher Fahrweise und erhöhter Belastung im Soziusbetrieb. Das teurere Technoflex-Federbein kann diese gelungene Vorstellung nur mit seinem noch sensibleren Ansprechverhalten und dem etwas besseren Komfort überbieten. Eine gute Ergänzung zu allen drei Federbeinen sind die Technoflex-Gabelfedern mitsamt passendem Öl: Die Gabel spricht besser an, und die straffe Dämpfung sorgt für ein präziseres Fahrverhalten. Mehr Präzision und vor allem mehr Biss wünscht man sich auch von der ziemlich stumpf agierenden vorderen Bremse. Unter den fünf getesteten Zubehör-Belägen für die GPZ gibt es mit den Sintermetall-Pads von Carbone Lorraine und Lucas tatsächlich zwei ganz heiße Empfehlungen, die den Original-Belägen in Wirksamkeit, Dosierung und der benötigten Handkraft deutlich überlegen sind. Stahlummantelte Bremsleitungen sorgen für einen noch etwas klarer definierten Druckpunkt und runden das Bremsen-Tuning sinnvoll ab. So bestückt, erreicht die Vierkolben-Bremsanlage sogar das Topniveau aktueller Sporttourer. Präsentiert sich das Fahrwerk nach all den Maßnahmen stark verbessert, stören kleine optische Mängel umso mehr. Gerade die Auspuffanlagen älterer Bikes zieren oftmals unschöne Kratzer oder Rostflecken. MOTORRAD verglich deshalb vier Endschalldämpfer aus dem Zubehör, die teilweise erheblich billiger als die Serienteile sind. Auf dem Prüfstand gab sich keiner der Nachrüst-Töpfe eine Blöße, doch bei der Geräuschmessung überschritten die Schalldämpfer von MIVV, Motad und Sito geringfügig den zulässigen Grenzwert - diese Schalldämpfer sind nur an GPZ 900 R-Modellen bis zum Baujahr 1989 zulässig. Die strengeren Geräuschgrenzwerte ab Modelljahr 1990 halten nur die mit EG-Betriebserlaubnis ausgelieferten Töpfe von BSM ein. Zum Abschluß muss sich die Kawasaki - ausgestattet mit den Federelementen von Technoflex, Lucas-Bremsbelägen und den Metzeler-Reifen - der härtesten Prüfung in Gestalt von Waldemar Schwarz stellen. Das breite Grinsen des Technischen Leiters von MOTORRAD nach seiner Rückkehr von der ausgedehnten Testrunde bestätigt, dass sich die Umbaumaßnahmen gelohnt haben: Selbst auf welligen Landstraßen verfolgt die GPZ nun souverän die angedachte Linie, legt eine verblüffende Handlichkeit an den Tag und bremst, dass man sich glatt mit einem der aktuellen Supersportler anlegen möchte. Aber das wäre nun wirklich zu viel der Unvernunft.
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