Kurztest Yamaha XJR 1200 SP King Replica (Archivversion)

King Kenny und die Supernase

Gestern was auf die Nase gekriegt und heute ein König: die XJR im Wandel der Zeit.

Splitterfasernackt, so wollten wir sie haben. Und so haben wir sie bekommen: Honda, Kawasaki, Suzuki, Yamaha - sie alle beglückten den Markt mit dicken, starken Naked Bikes. Beifall rauschte durch die Szene: Aaah, endlich wieder Technik zum Anfassen. Hardware im klassischen Stil. Echte Motorräder eben. Die XJR ist eins davon: 253 Kilogramm nackte Kraft und Herrlichkeit. Vier Zylinder, 1200 Kubik, 98 PS und Durchzug bis zum Abwinken - zu jeder beliebigen Gelegenheit, in jedem beliebigen Gang. Traumhaft.Doch kaum war der erste Freudentaumel vorbei, begann die Sinnkrise: Wohin mit all der Power? Wilde Beschleunigungsorgien, berauschende Topspeedeinlagen - alles Makulatur. Wer soll den Orkanen trutzen? Marschiert die Tachonadel einer solchen Maschine gen Höchstgeschwindigkeit, mutiert der menschliche Körper zum Windbeutel. Lange Arme, steifer Hals, Brummschädel, Glubschaugen-Fratze, Atemnot. Mecker, grummel, nörgel, schimpf. Es kam, wie´s kommen mußte: Das FKK-Geschwader bekam Etliches auf die Nase. Unlängst traf´s auch die Yamaha - und sie wurde hart getroffen.»Sieht aus wie eine gut abgehangene Pichler, Jahrgang 1978«, zischte ein betroffener Beobachter. Die nachrüstbare XJR-Halbschalenverkleidung entstand allerdings in Zusammenarbeit mit der Firma JF, ist noch kein Jahr alt und sieht sooo übel dann doch nicht aus. Obwohl formale Schwächen nicht von der Hand zu weisen sind. Auch hat die Welt schon anmutigere Befestigungstechniken gesehen. Nichtsdestoweniger erfüllt das reizlos geschnittene Oberteil seinen Zweck: Hinter der hohen Scheibe herrscht annehmbare Windstille. Von angenehmer Ruhe kann indessen keine Rede sein. Ab 120 km/h setzt gehöriger Lärm ein. Yamaha hätte gut daran getan, ein Aufbewahrungsfach für Ohrstöpsel mit in Auftrag zu geben. Aus Liebe zum Detail. Die aber waltete an anderer Stelle.XJR 1200 SP King Replica - heißt die jüngste Liebeserklärung an Muscle-Biker: King wie Kenny Roberts; gelb-schwarz wie die Werksrenner der 70er Jahre; SP wie alles, was unter Sport oder Sondermodell signiert. Verströmt die ordinäre XJR 1200 (ohne Verkleidung) schon eine gewisse majestätische Eleganz - mit der SP tritt wahrlich ein König unter den Big Bikes auf. Dieses Motorrad hat Charisma.Für die 500 Mark Aufpreis gegenüber der Basis-Version gibt´s allerdings noch ein paar weltlichere Dinge. Als da wären: Öhlins-Federbeine, eine modifizierte Gabel mit verstellbarer Federbasis, verstellbare Handhebel, eine neu entworfene Sitzbank, die goldfarbene Antriebskette und - nicht zu vergessen - der Zusatz »Limited Edition«. Nur 500 Einheiten der King Replica werden in Deutschland zum Verkauf angeboten.Konnten Vorder- und Hinterradaufhängung der XJR bis dato nie rundum überzeugen, scheint die Investition eines halben Riesens schon allein wegen der neuen Fahrwerkskomponenten lohnenswert. Doch der Schein trügt. Denn fatalerweise funktioniert die hochwertiger ausgestattete SP schlechter als das Grundmodell. Verantwortlich zeichnen die total überdämpften Öhlins-Bauteile, die so ganz und gar nicht mit der eher weich abgestimmten Gabel harmonieren wollen. Auf holprigen Straßen bringt das unsensible Ansprechverhalten der Federbeine enorme Unruhe ins Fahrwerk - und nicht nur unterm Diktat leichtgewichtiger Leute. Kreuzt eine kleinere Ansammlung gröberer Asphalt-Verwerfungen den Weg, bekommen selbst ausgewachsene Doppelzentner eine Vorstellung vom Begriff Lenkerschlagen. Wie meinen - klick, klick, und raus mit der Dämpfung? Schön wär´s, aber leider nicht zu machen. Nach entsprechenden Schräubchen sucht man vergeblich. Ist die King Replica auf der Autobahn Richtung Höchstgeschwindigkeit unterwegs, beginnt sie um die Hochachse zu pendeln. Ein ziemlich unfeiner Zug, der auch an der SP-losen XJR zu finden ist, allerdings in abgeschwächter Form. Frühere Testexemplare offenbarten diesbezüglich keine Schwächen, was die Frage nach den Reifen aufwirft: Vor einem Jahr vertraute Yamaha noch auf den Dunlop D 202, jetzt wurde der komfortablere Bridgestone BT 54 R montiert. In vielen Belangen die bessere Wahl, nicht jedoch in puncto Geradeauslauf.Warum die XJR nach wie vor auf einem nichtsnutzigen 130er Vorderreifen herumrollt, weiß der Henker. Solch eitler Modeschmuck paßt nun wirklich nicht zu einem Bike, das die 70er Jahre hochleben lassen will. Und dann die Nachteile: störrischeres Einlenkverhalten, stärkeres Aufstellmoment. Kein Mensch braucht das. Na ja, hoffen wir auf den nächsten Maskenball.
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