Megatest Sporttourer (Archivversion)

Das ist der Gipfel

Wenn sich 15 Sporttourer aus drei Klassen in den Alpen ein Stelldichein geben, ist das kein markenübergreifender Betriebsausflug, sondern einer der aufwendigsten Vergleichstests, die MOTORRAD je gemacht hat.

Claudio Corsetti hat die Faxen dicke. Der Testchef und Tausendsassa von MOTO SPRINT will einfach nicht mehr. Nix mehr mit »va bene« und »avanti«, nur noch »finito«. Basta. Dabei hat Claudio ein Heimspiel. Italien von seiner schönsten Seite. Und Kurven, Kurven, Kurven. Aber hier oben, auf dem Stilfser Joch, auf über 2700 Metern Höhe, ist die Luft nicht nur dünn. Bei Claudio ist sie raus.Dabei ist der kleine Italiener eigentlich ein zäher Hund. Hatte mit Freude zugesagt, als MOTORRAD ihn einlud zu einem Test der besonderen Art. »Mega-Sporttourer-Test«, das heißt: 15 Motorräder von 600 bis 1300 Kubikzentimetern und damit alles, was in dieser Kategorie Rang und Namen hat, allesamt ausgestattet mit Gepäcksystemen und dem notwendigen Ballast, geprügelt über den Handlingkurs, getrieben durch eine brutale Bremsenprüfung (siehe Kästen). Und eben hier hinauf, zum Stilfser Joch. »Das ist der Gipfel«, findet Claudio. Immerhin haben er und vier weitere Tester sowie ein Beifahrer die 48 Kehren hinauf von Gomagoi nun schon zum vierten Mal hinter sich gebracht, und Claudio hat nun, hier oben, seinen persönlichen Tiefpunkt erreicht. Alpen hin, Alpen her.Dass er überhaupt weitermacht, liegt an Pere Casas. Die Frohnatur der spanischen Schwesternzeitschrift MOTOCICLISMO lässt sich auch von noch so vielen Kehren nicht die Laune verderben und droht Claudio umgehend den Ausschluss von dieser Veranstaltung an. Das sitzt, denn die fünfte, von Claudio verweigerte Runde rund ums Joch markiert erst die Drittelpause oder das Ende des ersten Tages. Zehn weitere Runden, jeweils auf einem anderen Motorrad, werden folgen. Megatest eben, in allen Belangen. Und wer nicht mitmacht, hat keine Story. Basta.Aber genau darum geht es den neun Testern aus drei Nationen (siehe Kasten Fahrer). Unter 15 Sporttourern - oder genau genommen 14, denn die von Kollegen Mini Koch gebaute Sportstar Touring ( MOTORRAD 21 und 25/1998) fährt außer Konkurrenz - den besten zu küren. Aber nicht einfach so, aus dem Bauch heraus, sondern mit System. Dazu hat MOTORRAD alle Kandidaten zuvor in drei Klassen, nämlich die Mittelklasse, die Oberklasse und die Topklasse eingeteilt, sie auf Autobahn- und Landstraßentauglichkeit geprüft und einem umfangreichen Mess-Procedere unterzogen. Hier und jetzt gilt es nun, diese »synthetisch«, also auf abgesperrter Strecke mit griffigem Asphalt ermittelten Werte auf das tückische Pflaster schmaler Alpensträsschen zu übertragen. Nach jeder Runde muss die europäische Test-Gemeinschaft jedes Motorrad nach vorher festgelegten Kriterien beurteilen. Und nur die beiden Besten jeder Klasse kommen ins Finale, um dort ihre individuellen und konzeptionellen Stärken in die Waagschale zu werfen.Aber wo liegen die? Ist die Topklasse wegen ihres überlegenen Hubraums wirklich top? Oder zählt federleichtes Handling mehr als bulliger Durchzug und pure Kraft? Fragen, die je nach Fahrstil und persönlichen Vorlieben von den Testern durchaus unterschiedlich bewertet werden können. Darum wurde schon auf der langen Anfahrt hin- und hergetauscht. Und darum fährt jeder Pilot mit jedem Motorrrad nun exakt die gleiche Strecke. Auch Claudio, der sich nach kurzer Verschnaufpause auf die Suzuki SV 650 schwingt und den Umbrail-Pass in Angriff nimmt.Hier, direkt hinter der Schweizer Grenze, sollte die Kleine in ihrem Element sein, sollte das enge Kurvengeschlängel mit Schottereinlage genau passen. Für eine andere Diziplin dieses Megatests wäre diese Schotterstrecke nichts. Während nämlich die Mittelklasse geschlossen gen St. Maria am Fuße des Umbrail aufbricht, spielen sich nur einige 100 Meter weiter auf der Abfahrt vom Stilfser Joch Richtung Bormio wahre Dramen ab. Dort ist die Topklasse unterwegs. Was im Lastenheft nüchtern mit »Fadingtest« beschrieben ist, entpuppt sich in der Praxis als eine Herausforderung für echte Männer. Bremsen, was das Zeug hält, und zwar vor jeder Kehre aufs Neue. Mit vollem Ballast und einem ausgewachsen Beifahrer - 1,90-Meter-Mann Gert Thöle wusste vorher nicht so ganz genau, auf was er sich einlässt - treibt Testchef Gerhard Lindner die Reifen an die Haftgrenze, Bremsscheiben und Beläge auf Höchsttemperatur und den Service-Mann bei häufig abhebendem Heck den Angstschweiß ins Gesicht. »Das muss sein«, sagt Gegesch, »um eventuellen Fading-Tendenzen auf die Spur zu kommen.« »Das muss ich nicht haben«, sagt Gert abends im Hotel - und bremst am nächsten Tag lieber selbst. Für den Crosser und Super Moto-Fahrer ist das auch kein Problem.Probleme grundlegender Art beschäftigen aber die Testfahrer am Tisch. Bei Bier und Wein lassen sie den Tag und vor allem die Motorräder nochmals vor dem geistigen Auge Revue passieren. Welches Bike ist nun der beste Sporttourer der Mittelklasse? Da werden Punkte zurückgenommen und dazugegeben - und dann doch wieder abgezogen. Einige Erfrischungsgetränke später sind sich schließlich alle einig. Yamaha ist der Tagessieger, und zwar auf der ganzen Linie. YZF 600 R vor TDM, so lautet die Rangfolge, SV 650 S, ZZ-R und GSX 750 F folgen. Erstaunlich dabei ist, dass die Yamaha ihre Punkte in ganz unterschiedlichen Kategorien eingefahren haben (siehe Punktewertung Seite 27). Liegt der absolute Sporttourer also in der Mitte? Die Oberklasse könnte Antwort geben. Mit so etablierten Vertreterinnen wie der Honda VFR, BMW R 1100 S, Ducati ST 4 und der Triumph Sprint ST. Die große Unbekannte: die Sportstar Touring. Aber nicht lange, denn schnell kann der Eigenbau alle von seinen Qualitäten überzeugen. Fürs Finale reicht es trotzdem nicht. Nicht aus Punktemangel oder Sympathieentzug, sondern weil es die Silberne in keinem Laden der Welt zu kaufen gibt. Prototypen in der Alpen-Serienwertung, das geht nicht. Aber gezeigt hat sie schon, was geht.Was nicht heißen soll, dass die Konkurrenz von Pappe wäre. Pere Casas zum Beispiel, auf der Rennstrecke ganz heißblütiger Spanier und mit dem Messer zwischen den Zähnen unterwegs, setzt hier im Kurvengeschlängel ganz auf Komfort. Und damit auf die Honda VFR, während »Gegesch« Lindner den bärenstarken Motor und die bissigen Bremsen der Sprint ST favorisiert. Beides keine schlechte Wahl, denn die abschließende Punkteaddition zeigt: Das sind die beiden Finalisten - auch wenn sich die Mini-R1 dazwischengemogelt hat.Können die dicken Dinger das noch toppen? In der Testcrew herrscht Uneinigkeit, wenn es um die PS-Boliden geht. Braucht irgendjemand zwischen zwei Kehren die 175 PS einer Hayabusa? Daniel Lengwenus, lange Jahre Tourguide beim MOTORRAD ACTION TEAM und damit echter Reiseprofi, legt sich fest: »So viel Dampf ist hier oben totaler Quatsch.« Andere sind optimistischer, aber die Gleichung »viel Kraft und Hubraum = viel Spaß« will so pauschal keiner unterschreiben. Weil eben auch viel Gewicht im Spiel ist. Und das könnte auf den winkeligen Straßen alles verderben.Am nächsten Morgen brechen die Matadore auf zur letzten Schlacht. Noch einmal fünf Runden, noch einmal 325 Kilometer am Stück, dazu die An- und Abfahrt vom Basislager in Livigno aus. Es gibt viel zu tun. Und es gibt viele Überraschungen. Vor allem für Daniel, dessen über die Jahre mühsam zusammengetragenes Motorrad-Weltbild in seinen Grundfesten erschüttert wird. Schuld hat - wie so oft in letzter Zeit - die Hayabusa. Denn der Jagdfalke mutiert unter erfahrener Tourguide-Hand zum Alpen-Gleiter par excellence. Es hagelt sehr gute Noten in Sachen Motor, Fahrwerk, Bremsen. Bei Daniel, aber auch beim Rest der Testcrew. »Das ist mir jetzt ja richtig peinlich«, kommentiert der bekennende TDM-Fan zunächst seinen Punkte-Fauxpas, um dann aber mannhaft zu seiner Benotung zu stehen. »Ich bin jetzt Hayabusa-Fan.«Weniger überraschend ist die Kunde vom zweiten Finalisten der Topklasse. Die haben es halt mit den Bergen, die Bayern. Standortvorteil nennt man das. Und den kann man erfahren, auf der K 1200 RS. Komfortabel, sicher, schnell. Das Krad für alle Fälle. Ob das auch im Finale reicht, gegen die wuselige Mittelklasse und die ausgewogene Oberklasse? Wir werden sehen.Und fahren. 500 Kilometer stehen an, rund um den Berg und über Straßen verschiedenster Coleur. Allroundtalente sind gefragt, hier, im klassenübergreifenden Vergleich. Möglichst viele Eigenschaften auf sich vereinen. Dazu ist die kleine Thundercat einen Tick zu sportlich, dem Motor fehlt trotz beachtlichen Durchzugs etwas Hubraum. Entspannter geht es auf der TDM, der es aber etwas an Leistung und Fahrwerksreserven mangelt. Also doch die ganz große Klasse? Hayabusa, gut und schön, aber Sitzposition und Komfort könnten besser sein. BMW, das ist es. Aber sie dürfte ruhig etwas leichter sein. Die Oberklasse ist es. Jedenfalls ihre zwei Vertreterinnen im Finale. VFR oder Sprint ST - geniale Kompromisse in Sachen Gewicht und Leistung, Komfort und Fahrwerksreserven. Ideale Sporttourer, beide. Aber die Triumph Sprint ST ist etwas idealer. Mehr Leistung, mehr Drehmoment, mehr Fahrwerk. Darum gewinnt sie den direkten Vergleich. Und darf sich fortan König der Sporttourer nennen. Bis zum nächsten Gipfeltreffen.
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