Messe Paris (Archivversion)

Nachschlag

Die Mailänder Neuheiten waren noch heiß, da tischten Kawasaki, Suzuki und Laverda schon wieder kräftig auf. ZX-12R, GSX-R 750 und Lynx hießen die Sensationen des Pariser Salons.

Die Abfolge von Gerüchten, ersten Infos und Erlkönig-Fotos forderte dringend eine Verlängerung: Alle Welt wollte endlich genau wissen, mit welchen Mitteln Kawasaki in den High-End-Bereich von Leistung, Tempo und Souveränität einzudringen versucht. Wie also die neue ZX-12R gegen Suzukis bereits viel gelobte Hayabusa bestehen soll.Am 29. September nun traf sich tout le monde in Paris, lüftete Kawasaki den Schleier, ja, lieferte ein äußerst offenherziges Schnittmodell tiefe Einblicke ins ZX-Innenleben: Ihr komplett neuer, aber verglichen etwa mit Yamahas R1-Motor eher konventionell layouteter Vierzylinder steckt als mittragendes Element in einem Monocoque-Rahmen. Anders als bei gängigen Superbike-Konstruktionen übernimmt also ein akkurat zusammengeschweißtes Puzzle aus tiefgezogenen Blechen die Aufgabe, Schwingenlagerung und Steuerkopf zusammenzuhalten.Gleichzeitig dient dieser feste Hohlkörper als Luftfiltergehäuse - unter dem Freiflächen-Scheinwerfer ragt sein Ram-Air-Schlund gierig ins Freie. Die Leichtmetall-Konstruktion wölbt sich erstaunlich flach und eng über den Zylinderkopf, spart aber vor allem Breite: Keine massigen Profile mehr, die den Motor seitlich umfassen. Da könnte, astreine Funktionalität mal vorausgesetzt, ein Trend geboren sein.Logischerweise stülpt Kawasaki übers Monocoque keinen Blechtank, sondern nutzt mit einer Kunststoffblase jeden Winkel, zieht diese sogar weit ins Rahmenheck runter, um gleich noch Bauhöhe und Schwerpunkt zu senken. Deshalb wirkt die ZX deutlich zierlicher als ihre Hauptkonkurrentin - Experten tippen auf eine viel kleinere Stirnfläche. Andererseits scheinen aerodynamische Hilfsmittel nicht ganz so konsequent eingesetzt worden zu sein wie bei Suzuki.Weil obendrein jegliche Leistungsangaben für den 1199 cm³ großen, via Einspritzanlage versorgten und mittels ungeregeltem Kat plus Sekundärluftsystem gereinigten Sechzehnventiler fehlten, muss die eher müßige Frage nach der Schnellsten im Land also unbeantwortet bleiben. Dazu Henning Schrader von Kawasaki Deutschland: »Die Homologation läuft derzeit, ich rechne mit den Daten im Laufe des Oktober.« Von gut 180 PS dürfen Interessenten jedoch nach wie vor ausgehen.Auch die ZX-6R stand noch ohne endgültige PS-Zahl in Paris. Rund drei Pferdestärken soll die umfangreiche Arbeit am Motor - nur der Unterbau blieb unangetastet - gebracht haben. Eine Rundum-Gewichtskur hat insgesamt drei Kilogramm gespart, eine leicht angehobene Frontverkleidung soll nicht nur besser schützen, sondern auch den Luftwiderstand mindern - insgesamt dürfte eine der heißesten 600er entstanden sein.Neben einem Spielzeug für die ganz Kleinen, dem wettbewerbstauglichen Jung-Crosser KX 65, stellte Kawasaki noch eines für die Größeren aus: Die VN 1500 Classic und ihr kofferbewehrter Tourenableger übernehmen die aus der Drifter bekannte Einspritzanlage.Mit einer solchen kann Suzukis Supersportler GSX-R 750 bereits seit zwei Jahren dienen. Heuer ging es darum, Gewicht zu reduzieren und Leistung herauszukitzeln. Insgesamt speckte der Motor satte fünf Kilogramm ab (siehe Seite ..), Feinarbeit am Fahrwerk soll die Suzi handzahmer machen, neue Linien vor allem im Heckbereich machen sie auf jeden Fall zur zierlichsten GSX-R seit langem. Und 166 Kilogramm trocken zur leichtesten überhaupt. Dennoch bleibt abzuwarten ob sie in der Käufergunst gegen größere Vierzylinder bestehen kann. Volumen garantieren dagegen die Bandit-Modelle, und weil Honda Hornet und Yamaha Fazer deutlich verbessert wurden, kam die Überarbeitung der 600er-Bandit quasi mit Ansage. Gelinde Fahrwerksmodifikationen sollen das Handling verbessern, vergrößerte Bremskolben die Verzögerungsleistung. Das Leistungsmanko gegenüber der Konkurrenz bleibt, dafür sorgt die S-Variante mit Halbverkleidung im Hayabusa-Look für optische Frische.Deutlich leistungsorientierter steigt Suzuki bei den Enduros ein: Das verwaiste Plätzchen der DR 350 nimmt - endlich - die DR-Z 400 ein. Gut, aber augenscheinlich preisbewusst gestrickt, dürften ihre drei Versionen – ohne und mit E-Starter sowie im Alltags-Trimm - demnächst auch deutsche Pisten massenhaft bevölkern.Rund um einen ebenfalls sehr potenten Suzuki-Motor, den kleinen, 71 PS starken 650er-V-Twin nämlich, entstand die dritte echte Sensation des Pariser Salons. Freilich debütierte das schicke Naked Bike mit seinem Verbundrahmen aus Gitterrohr- und Gussteilen nicht in der Nippon-Abteilung, sondern bei Laverda. Um ihren steinalten 650er endlich verabschieden zu können, orderten die Norditaliener bei Suzuki, mit dem Resultat, dass ihre Lynx leistungsmäßig gleich mal bei den 750er Monstern mitspielen darf.Die hochgezogene Auspuffanlage erlaubt freien Ausblick auf die Gitterrohrschwinge, die sich via Hebelsystem und Mono-Federbein abstützt. Vorn führt eine konventionelle Gabel, die beiden Vierkolben-Sättel der Bremsanlage stammen von Brembo. Das Trockengewicht soll 170 Kilogramm betragen, die Auslieferung pünktlich zum Saisonstart erfolgen. Preis? Noch unbekannt.Zum Heimspiel unterm Eiffelturm trat nicht nur Voxan an, sondern auch die Ideenschmiede Midual. Die Brüder Midy aus Angers präsentierten erstaunlich weit durchdachte Prototypen ihres 900er-Roadsters mit Zweizylinder-Boxer mit querliegender Kurbelwelle. Ausschlaggebend für die eigenwillige Konstruktion waren in erster Linie Marketing-Überlegungen: »So ein Motorrad gibt«s derzeit nicht«, äußerte Olivier Midy, der als Veteranenfreund allerdings nicht verhehlen konnte, dass ihn Douglas und Co. durchaus inspiriert haben.Selbstredend ist dieses Projekt auf Geldgeber angewiesen, anderseits ermutigte der nüchterne Tenor, mit dem Midy sein Motorrad pries: ein Enthusiast, der mit beiden Beinen auf dem Boden geblieben ist und der als Ingenieur im Automobilbereich genügend Background hat, um bis 2003, so der Wunschtermin, eine kleine Produktion aufzuziehen.Bis dahin übrigens möchte Voxan längst auch auf dem deutschen Markt präsent sein. Der Roadster mit dem in Frankreich 100 PS starken 1000er-V-Twin läuft bereits in kleinen Stückzahlen vom Band, demnächst soll der Café Racer folgen, und spätestens der wunderschön schlanke Scrambler mit demselben Motor dürfte auch bei deutschen Fans Begehrlichkeiten wecken. So was hat hier gerade noch gefehlt.

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