Motorrad-Googlen

Gesucht, gefunden: Story zwischen Aufnähern und Aufnäherinnen

So lange hin ist’s noch, bis es Frühling wird. Der gräuliche Winter, die Kälte, der Schnee. Unwirtlich die Straßen. Schreckliche motorradlose Zeit. Doch freie Bahn im Netz, virtuell unterwegs sein, auf der Suche nach dem Motorradglück.

Foto: fact
Motorradbraut: bei Google zu finden?
Motorradbraut: bei Google zu finden?
Gerade hatte er liebevoll sein Baby versorgt, es gewaschen, trocken gelegt, eingeölt, ganz sorgsam auch in den Ritzen und Falten, um ihm sodann
einen langen, guten Schlaf zu wünschen. Traurig blickt er ein letztes Mal zurück, haucht ganz leise, »bis bald, Baby«. Dann schließt er die Tür und lässt ihn allein in der Garage, seinen Kawasaki-Chopper.
Bedächtigen Schritts schleppt er sich und seine Erinnerung an die Zweisamkeit eines erfüllten Sommers fünf Stockwerke hoch in die Einsamkeit seiner Mansardenwohnung, wo ihm der nächste schwere Abschied droht, auf Zeit, auf dem Bügelbrett. Ausgebreitet liegt sie da, die Kutte, die sein halbes Leben erzählt: »25 Jahre Jubilee-Party MC Lonely Bavaria Rider’s e.V.«, »Kawa, sag’i«, »Riko’s Bike Show’s Altenrhoda«. Er bügelt über »Ride hard, die young«, dampfplättet das Einprozenter-Emblem, als ihm ins tränige Auge sticht, was er so lange übersehen hat: zwei
erschreckende Lücken, stonewashed wie der Frühlingshimmel. Zwei unbenähte Stücke Jeans-Stoff, wie zwei blinde Flecken in der Biker-Biographie.
Wo sollte er einen anständigen Aufnäher herkriegen? Keine Bikerpartys, keine Motorradgottesdienste, keine Zweiradmessen. Er will aus Verzweiflung schon zum Bier greifen, als es ihm einfällt: das Internet. Subito öffnet sich die Startseite all derer, die auf der Suche sind: Google. Er muss nicht lange überlegen, die Eingabe ist klar: »motorrad aufnäher«. In nur 0,17 Sekunden spuckt die Maschine 192 Ergebnisse aus, ganz oben zwei Angebote von ebay. Diese Patches sollten kraft ihrer Botschaft die Lücken seiner Biographie füllen: »Gibt es ein Leben nach dem Tot [sic!]??? Klau mein Bike und du wirst es herausfinden!!!« Und:
»Alles Schlampen ausser Mutti«.
Er muss diese Patches haben, unbedingt, bietet 18 Euro, jeweils. Schon bei läppischen sieben Piepen geht den anderen die Luft aus. Als er die Sendung kurz darauf aus dem Briefkasten fischt, steht der Handarbeitskasten, den ihm seine verstorbene Mutti hinterlassen hat, bereits parat, Nadelkissen, Faden, Fingerhut. Wie oft hatte er Mutti zugesehen, wenn sie ihm behände die Kutte im Kreuzstich verzierte, das würde er sicher auch hinkriegen. Dachte er. Bis er sich die Nadel wiederholt durch den Kuttenstoff, am Patch vorbei geradewegs in die Hand drückt. Blutend gibt er auf. So was ist eben doch Frauensache.
Wo um Himmels Willen soll er jetzt eine Frau herkriegen? »Kann nicht zum Eiscafé cruisen und mit der Kawa eine aufreißen. Kann aber durchs Netz surfen und mir eine hergooglen.« Da waren
die Chancen ohnehin besser, eine »bikerbraut« zu finden. Google fand sie. 194 in gerade mal 0,03 Sekunden.
Zum Beispiel Heidi. Eine Top-Frau, kann sogar kochen, ist nämlich bei www.chefkoch.de im Forum gelistet. Ist aber auch verheiratet, hat Kinder und trägt, wie sie auf ihrer ebay-Homepage verrät, »Gr. 52 bei einer Grösse von 1,83 cm [sic!]«. Dann doch besser nicht. Der nächste Link taugt gar noch weniger, ist nur gelistet, weil dort bei cocktailstunde.de ein 41-jähriger Schnauzbartträger im
Karohemd »allein mit seinen Gefühlen« ist und eine »Bikerbraut – Sozia« sucht.
Die Bikerbraut bei shop.halloween
guide.de ist leicht zu haben, im Racheshop nämlich, »blickt lieblich und leidenschaftlich drein«, doch ist ihr Motorrad »aus dem Skelett eines Teufelswidders« gebaut. Zu nekrophil. Mit Tiffany, Kathy oder Anett hätte er sich in seiner Mansarde sicher wohler gefühlt, doch das sind Professionelle, die sich nur gegen gebündeltes Bares als Bikerbraut ver- und entkleiden. Aber nähen? Sicher keine
nötige Qualifikation bei derpartystrip.de.
Andererseits: Treten doch in allen möglichen Kostümen auf, die Bräute – Krankenschwester, Polizistin, Klempnerin und Nonne. Und irgendjemand muss die ja nähen, vielleicht sogar Tiff, die Blonde. »Klar kann ich nähen, aber das hat
von mir noch keiner gewollt. Du bist ja
süüüüß! In zwei Wochen habe ich noch was frei, dann bin ich bei Dir.«
Zwei Wochen. Zeit genug, um sein Herz nach langer Einsamkeit für den Wiedereinstieg in ein Bikerleben zu zweit vorzuwärmen. Wer hätte ihm da besser Beistand leisten können als Friederike Costa. Die kennt sich mit so was aus,
Bikerleben, Herzensdinge, schrieb sogar Bücher darüber: »Ein Mann zum Träumen – Ein Motorradroman«. Just mit Letzterem hatte er Google gefüttert, voll der Hoffnung. Die gefühllose Maschine indes fragte ihn: »Meinten Sie ‘motorradrahmen’?« Um dann nur einen Link auszuspucken, den zu delia-online.de, der Homepage der »Vereinigung Deutschsprachiger Liebesroman AutorInnen [sic!]«, eine Seite, die ihn nicht enttäuschte: »In einer Welt, die unübersichtlicher geworden ist und in
der stabile Familien und Freundschaften oftmals fehlen, wächst unsere Sehnsucht nach der großen, einzigartigen Liebe,
die uns Halt gibt.« Zwischen ihm, dem »Mann zum Träumen«, und einer »Bikerbraut« – Tiffany.
Friederikes Herzergießungen stimmen
ihn ein. Er ist sich sicher: Tiffany wird nicht allein des Nähens wegen kommen. Vielleicht macht nicht nur sie in seiner Kutte einen Stich, sondern er auch bei ihr. Das gleichwohl nur, er kennt die Bräute, wenn er Tiff was zu bieten hat, nicht
die Mansarde, die große weite Welt, eine Reise nach Amerika, ins Mekka aller Kuttenträger – zur Daytona Bike Week. Google macht ihm in 0,26 Sekunden 12400 Angebote. Schon beim fünften, dem Reiseveranstalter quantrill.com, spürt er, das ist das Richtige:
»Die Straßen sind voll verchromten Donners, als Tausende und Tausende Harley-Davidson-Motorräder jährlich auf den Straßen von Daytona konvergieren. Daytona ist 60 Meilen von Orlando entfernt, wo Micky Maus lebt.« Ganz
sicher würde Tiff diese Reise gefallen. Sie würden Daytona und Micky Maus besuchen. Am liebsten als Paar, natürlich, mit dem Segen von oben.
Denn Tiff gehört sicher nicht zu den Bikerbräuten, die Google unter 1a-sex
stories.com (»spannend und fesselnd
erzählt für alle Liebhaber erotischer Phantasien«) oder scharfe-miezen.com (»sexy Ost-Mädchen zeigen Dir alles – extrem! Vorsicht! Sie betreten extrem
geiles Sperrgebiet!«) notiert. Nein, so eine ist Tiff bestimmt nicht, sie näht ja sogar
im Nonnenhabit. Da muss sie was übrig haben für christliche Werte, ohne Heirat läuft da wohl nichts. Doch weil sie schwerlich im Nonnengewand vor den
Altar treten kann, sucht er ihr schon was Passendes aus. Er findet’s bei einer Adresse, die Google ebenfalls unter
»bikerbraut« subsummiert, massatelier.at. Ganz in Weiß und ganz in Leder sitzt dort eine Dame, anmutig lächelnd – »Biker Hochzeit. Alles Handgemacht [sic!] auch die Fransen!« Das war perfekt.
Alles was er noch zu klären hatte, war die Frage, wo. Wo sollte er mit seiner
Tiffany (und natürlich seiner Kawasaki) den schönsten Tag seines Lebens begehen? Er sitzt allein in seiner kleinen Wohnung, und es gibt niemanden, der ihm diese Frage beantworten könnte. Niemand, außer Google. Google fallen zum Stichwort »motorradhochzeit« in 0,74 Sekunden sensationelle 74 Tipps ein,
unter anderem petras-dicke.de: »Dicke war auch dabei, als am 12. Juli 1998 fand unsere kirchliche Trauung statt [sic!].
Wir wollten natürlich eine richtige ,Moppedhochzeit’ und hatten in Pfarrer Rupi eine großartige Unterstützung. Unserem Wunsch, mit den Motorrädern in die
Kirche hinein zu fahren, fand nicht nur
er toll, auch die Pfarrerin der Kirchengemeinde Nieder-Gründau hatte nichts dagegen. So fuhren wir mit unseren mit Blumenschmuck dekorierten Moppeds über eine Rollstuhlrampe in die Kirche ein und stellten diese vor den Altar auf.«
Das wär’s gewesen, hätte sich unter bikerparadies.warmensteinach.de nicht Deutschlands einziges Motorradhochzeitsdorf präsentiert, mit einem leidenschaftlich Motorrad fahrenden Standesbeamten, Bikerbetten, einem Traugeschenk und einem »Gratiswochenende nach fünf Jahren«. Das hätte er zu gerne gehabt. Tiff im weißen Lederfransendress und er in seiner Kutte mit den beiden
neuen Patches. Verdammt, die Patches. Das eine war okay, aber das andere – »Alles Schlampen ausser Mutti«. Tiff war nicht seine Mutti. So viel stand fest. Und damit auch, dass er den Aufnäher schleunigst loskriegen musste: www.ebay.de.
Anzeige

Artikel teilen

Anzeige
Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote