Motorrad-Klassiker Japauto-Seeley-Honda 970

Dreiländer-Jeck

Beim hart erkämpften Bol d‘Or-Sieg im Rennen von 1973 bei strömendem ­Regen wusste Debrock (r.) den Schutz der Verkleidung sicher zu schätzen.Japauto-Seeley-Honda 970Japauto-Seeley-Honda 970Der Japauto-Firmenaufkleber zeigt es voller Stolz: Die beiden Exemplare der „goldenen Schüssel“ (wie Bol d’Or übersetzt heißt) für die Siege von 1972 und 1973 prangen im Emblem. 14 Bilder

Ein Moped mit lustiger ­Maske und aufgesetzten Scheinwerferaugen – 'ne ­echte Jeck, würde ein Kar­nevals-beseelter Kölner wohl sagen. Noch dazu, wenn ­Zutaten aus drei ­Nationen drin stecken: ein Deutscher tunte den Motor, die Briten spendierten den Rahmen, Franzosen das ­lackierte ­Outfit. Fertig ist die ­Hommage an den Bol d’Or-Sieger von 1972 und 1973.

Viele Köche verderben den Brei heißt es sprichwörtlich, oft leichtfertig angewandt. Doch oftmals machen verschiedene Köche den Brei erst richtig schmackhaft, wie im Fall der hier im Studio so glanzvoll in Szene gesetzten Japauto-Seeley-Honda. Haben doch so hochkarätige Experten wie Eckert (Motortuning), Seeley (Rahmen/Fahrwerk) und die Firma Japauto (Verkleidung/Tank/Sitzbank) mitgewirkt. Über jeden Einzelnen könnte man mehrseitige Abhandlungen verfassen, doch soll hier nur konkret am Ergebnis aufgezeigt werden, welch einzigartiges Bike aus dem Zusammenwirken entstanden ist. Wobei am Anfang eine „schnöde“ Seeley-Honda stand, ausgeliefert vom damaligen deutschen Importeur Gundolf Birke.

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2012 beim Coupes Moto Legende Dijon-Prenois

Als einer der nur 100 nach Deutschland gelieferten Seeley-Bausätze, von denen insgesamt 302 Exemplare für den 750er-Honda-Vierzylinder aufgelegt wurden, gelangte das Motorrad in den Besitz von Heiko Bartels, als Produkt-Designer und Professor für Gestaltung ebenso bekannt wie als Zweiradfan in der Classic-Racer-Szene. 1977 steht als Jahr der Erstzulassung in den Papieren, und bis 2007 durfte die Exotin auch als Seeley-Honda auf öffentlichen Straßen bewegt werden. Dann wurde sie mit der Japauto-Verkleidung ausgerüstet und nur noch im historischen Rennsport eingesetzt. Zuletzt übrigens 2012, beim Coupes Moto Legende Dijon-Prenois. Nach dem Tod des Erstbesitzers 2014 kam das Bike über Umwege und Kontakte in den Besitz des heutigen Eigentümers.

Ihren Auftritt auf Rennstrecken soll die Honda jedoch noch in diesem Jahr wieder genießen, nach einer gründlichen technischen Durchsicht. Dann kann auch der Eckert-Motor wieder zeigen, was in ihm steckt. Nämlich vermutlich weit mehr als die bescheidenen, in den Papieren stehenden 80 PS. Schließlich hatte Roland Eckert den einstigen Vierzylinder der CB 750 F2 für den Einsatz in der Seeley-Honda auf 963 cm³ aufgebohrt, ihm dicke Wiseco-Schmiedekolben verpasst und auch im Kopf kräftig Hand angelegt. Dort steuert eine Yoshimura-Nockenwelle die größeren Ein- und Auslassventile, das einströmende Gemisch bereiten Keihin CR 33-Vergaser auf. Eine Dyna-Zündung sorgt für den kräftigen Zündfunken, die Abgase strömen durch eine durchsatzfreudige Yoshimura-Anlage ins Freie.

Doppelschleifenrahmen wiegt nur 12 Kilo

Für Power ist also gesorgt, doch galt gerade in den 1970ern das Augenmerk eher dem Fahrwerk, welches ja oft schon mit der Leistung der Serienmotoren überfordert war. Hier lässt sich der bekannte Seeley-Rahmen nichts nachsagen. Gefertigt aus den legendären, hartverlöteten Reynolds 531-Chrom-Molybdän-Stahlrohren, bringt der Doppelschleifenrahmen (inklusive Serienschwinge) nur zwölf Kilogramm auf die Waage – nicht rekordverdächtig, aber doch leichter als der simplere Honda-Serienrahmen. Die Rechnung muss hier jedoch neu aufgemacht werden, denn zum Einsatz kommt nun eine GFM-Hinterradschwinge, das vordere der beiden zweiteiligen 18-Zoll-Fischer-Comstar-Räder wird von einer 38-Millimeter-Marzocchi-Gabel geführt.

Das markante Erscheinungsbild des roten Renners wird jedoch zweifellos geprägt von der eigenwilligen Verkleidung mit den aufgesetzten Scheinwerfern – die erinnert im Design an den britischen Roadster Austin Healey Sprite, der wegen seiner Glupschaugen-Lampen auch den Spitznamen ­„frogeye“, also Froschauge bekam. Rennsportfans ist diese Front jedoch eher vom Bol d‘Or-Siegerbike von 1972 und 1973 (siehe Kasten rechts) bekannt. Ins Rennen geschickt wurde das Bike einst von Japauto, damals Honda-Händler in Paris und erster französischer Honda-Importeur. 1966 hatte Japauto den Handel mit Hondas begonnen, feierte also just 50-jähriges Jubiläum – gute Gründe, gerade jetzt dieses extravagante Bike mal wieder ins Rampenlicht zu rücken.

Die Rennhistorie - Ausdauersport

Die auffälligen Japauto-Langstreckenrenner sind in der Classic-Racing-Szene bekannt und haben eine ruhmreiche Vergangenheit: Der in Paris ansässige Honda-Händler und damals erste französische Honda-Importeur erkämpfte 1972 und 1973 jeweils den Sieg beim legen­dären Bol d’Or-Langstreckenrennen in Le Mans.

Schon 1969 war dies zum ersten Mal gelungen, damals noch mit der „zivileren“ Version und dem 750er-Motor (Fahrer: Michel Rougerie und Daniel Urdich). 1972 und 1973 ging das Japauto-Team mit auf 970 cm³ aufgebohrten Motoren an den Start, und die eingefahrenen Erfolge sorgten dafür, dass sich die neue, eigenwillig-ausladende Verkleidung mit den aufgesetzten Schein­werfern ins Gedächtnis der Rennsportfans einbrannte. Das Fahrerduo Roger Ruiz und Gérard Debrock siegte 1972, im Jahr darauf konnte Debrock mit dem neuen Teamgefährten Thierry Tchernine seinen Erfolg wieder-holen. Unter schwierigsten Bedingungen, bei sintflutartigem Regen, setzten sich die Routine der Fahrer und die Qualitäten des Bikes durch.

Zwischen 1973 und 1978 wurden daraufhin zu Ehren des Siegerbikes rund 250 Exemplare einer Replika der Japauto mit dem aufgebohrten Zweiventilmotor gebaut – die 1000 VX. Nach der Ankündigung von Honda, einen neuen dohc-Vierzylinder mit Vierventiltechnik (für die CB 900 F) zu bauen, machte das bisherige Tuning-Konzept keinen Sinn mehr. Noch heute sind einige dieser 970-cm³-Replika-Bikes, mehr oder weniger original, sowie einige Nachbauten mit getunten Honda-Motoren und aufgerüs­teten Fahrwerken bei Klassiker-Rennen anzutreffen. Fans des Modells und der Marke haben sich zu einem recht aktiven Club zusammengeschlossen, Infos unter http://1000vx-club.pagesperso-orange.fr

Japauto-Seeley-Honda 970 - Technik

Motor: Luftgekühlter Vierzylinder-Viertakt-Reihenmotor, zwei Ventile pro Zylinder, Yoshimura-Nockenwelle, Bohrung 70 mm, Hub 63 mm, 963 cm³, Verdichtung k. A., ca. 80 PS, vier Keihin CR 33-Vergaser, Ölbadkupplung, Fünfganggetriebe, Kettenantrieb

Fahrwerk: Doppelschleifenrahmen aus Reynolds 531 Chrom-Molybdän-Stahlrohren, Marzocchi-Gabel vorn, Ø 38 mm, GFM-Hinterradschwinge mit Wilbers-Federbeinen hinten, Doppelscheibenbremse vorn mit Brembo Oro 08-Sätteln, Einzelscheibe hinten, zweiteilige Fischer Comstar-Räder, Reifen vorn 110/80 ZR 18, hinten 150/70 ZR 18

Hersteller (lt. Fzg.-Brief): Birke; Typ: Seeley-Honda

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