Motorradzubehör-Fakeshops

Kundenabzocke im Internet

Vorsicht Falle! Das World Wide Web hält so manche Überraschung parat, etwa in Form sogenannter Fakeshops. Die bieten Markenprodukte vermeintlich supergünstig – und liefern billigsten Schrott. Wenn sie überhaupt je irgendwas liefern.

Die Angebote waren verlockend und der Internetshop so professionell aufgemacht, „dass wir selbst erst unsicher waren, ob das nun ein echter Händler ist oder nicht“, erzählt Markus Held. Im Mai ist der Geschäftsführer des Allgäuer Motorradbekleidungsherstellers vom Held-US-Importeur auf die täuschend echt aussehende Website „www.heldhelme.de“ aufmerksam gemacht worden. Gleichzeitig trudelten die ersten Beschwerden geprellter Käufer in der Firmenzentrale in Burgberg am Alpenrand ein.

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Foto: MOTORRAD
www.heldlederkombi.de: Mal im Ernst, würde ein seriöser Anbieter mit einem zerkratzten, kaputten Helm werben? Eben!
www.heldlederkombi.de: Mal im Ernst, würde ein seriöser Anbieter mit einem zerkratzten, kaputten Helm werben? Eben!

Grund genug für die junge Truppe um Markus Held (36), der das Traditionsunternehmen gemeinsam mit seinem Bruder Stefan Held jetzt in der vierten Generation leitet, sofort aktiv zu werden. Und der Verdacht bestätigte sich nicht nur schnell, sondern weitete sich aus zur Erkenntnis: Hier ist nicht nur ein Betrüger am Werk, der gutgläubige Internetkäufer abzocken will – hier ist ein kriminelles Netzwerk mit einer ganz neuen Betrugsmasche am Start. Denn „www.heldhelme.de“ entpuppte sich keineswegs als einziger sogenannter Fakeshop, der im Internet hochwertiges Motorrad-Markenzubehör und Klamotten zu absoluten Discountpreisen anbietet. Wer dort bestellt und in der Hoffnung auf ein Megaschnäppchen im Voraus bezahlt, hört entweder nie wieder etwas vom vermeintlichen Verkäufer oder bekommt statt des bestellten Qualitäts- produkts nach einer Weile irgendwelchen Billigschrott aus China zugeschickt.

Foto: MOTORRAD
Sieht nach Nolan aus, ist aber ein Fakeshop.
Sieht nach Nolan aus, ist aber ein Fakeshop.

Gefälschter Helm aus gefälschtem Shop

Letzteres ist dem Stuttgarter Honda-Fahrer Willy Kaiser passiert. Der IT-Spezialist hatte im Netz nach einem farblich zu seiner weiß-roten Bol d’Or passenden Helm gesucht und war bei „www.nolanhelme.de“ fündig geworden. Und der hier in sämtlichen Größen angebotene Nolan N91 Evo Ammersee harmonierte nicht nur optisch hervorragend mit der Lackierung seines bestens erhaltenen Youngtimers, der Helm schien auch noch supergünstig: 119,50 Euro anstatt regulär 341,44, Versand inklusive. Da zögerte Willy Kaiser keinen Augenblick, zückte seine Kreditkarte – und bestellte.

Zunächst schien alles ganz regulär. Per E-Mail erhielt Kaiser eine Bestellbestätigung:„Vielen Dank für Ihren Einkauf!“ Dass als Absender der Mail plötzlich eine Firma namens „Topfashionsale“ auftauchte, ließ den Computer-Experten etwas stutzig werden. Als in den folgenden zwei Wochen nichts weiter passierte und natürlich auch kein Helm geliefert wurde, fragte Kaiser telefonisch bei Nolan nach. Von der Firma erfuhr er, dass die Website „nolanhelme.de“ gar nicht von Nolan betrieben wird. Nach weiteren zwei Wochen dann die Überraschung: Der Helm war da! Allerdings nicht der bestellte hochwertige Nolan-Klapphelm mit Sonnenblende, herausnehmbarer Innenausstattung und Microlock-Verschluss. Aus dem zerknautschten Karton kullerte eine weinrote, nach Chemie stinkende Billig-Plastikmurmel inklusive per Reißverschluss angezipptem Kragenschutz aus Kunstleder mit Fellbesatz – 70er-Jahre-DDR-Qualität. Absender: natürlich nicht Nolan, sondern die Firma „DaiBo“ aus der Yunxiao Road in Guangzhuo, Provinz Guangdong, China.

Laut Wikipedia wird die nahe Hongkong gelegene Elf-Millionen-Stadt Guangzhuo auch als „Fabrik der Welt“ bezeichnet. Im Schnitt rufen täglich 319 Internetnutzer diesen Wikipedia-Eintrag über die Industrie-Metropole auf – den seit Ende 2016 existierenden Eintrag über „Fakeshops“ dagegen nur täglich zwei.

Foto: MOTORRAD
www.kartenlegen-hellsehung.de: Bei dem Namen braucht’s keinen Hellseher – Fake! Trotzdem fallen Schnäppchenjäger drauf rein.
www.kartenlegen-hellsehung.de: Bei dem Namen braucht’s keinen Hellseher – Fake! Trotzdem fallen Schnäppchenjäger drauf rein.

Angeboten wird hauptsächlich Markenbekleidung

„Dass es solche gefälschten Internetläden gibt, ist noch weitgehend unbekannt“, sagt Axel Studte. Er ist Exportchef von Held und hat sofort begonnen, rechtliche Schritte gegen die mutmaßlichen Betrüger einzuleiten. Zunächst fand er über die deutsche Vergabestelle für Internet-Domains DENIC heraus, dass „www.heldhelme.de“ auf den Namen einer Frau aus Hamburg registriert war, die es aber nicht gibt. „Alle Spuren führten ins Nichts“, sagt Studte. Beziehungsweise eben nach China. Denn als Studte eine Test-Bestellung machte und ein Paar Held Summertime II-Handschuhe für 36,73 Euro anstatt regulär 69,95 orderte, per Kreditkarte über den chinesischen Dienst„Safe SSL Billpay“ bezahlt, bekam er Wochen später eine Kindersonnenbrille zugeschickt. Geschätzter Warenwert: 50 Cent, ebenfalls aus Guangzhou in der Provinz Guangdong, China.

„Warum die sich überhaupt die Mühe machen, nach dem Abkassieren Ware zu versenden, darüber können wir nur rätseln“, meint Markus Held. Und auch Honda-Fahrer Willy Kaiser zuckt die Achseln. Offenbar geht es den Betrügern darum, Zeit zu gewinnen. Denn je länger eine getätigte Zahlung zurückliegt, umso schwieriger kann sie rückgängig gemacht werden. Normale Auslandsüberweisungen können von Banken oft sogar schon am selben Tag nicht mehr zurückgerufen werden. Beide, Kaiser und Held, möchten andere Motorradfahrer vor der fiesen neuen Abzockmasche warnen:„Gerade jetzt, wo der Weihnachtseinkauf langsam losgeht“, sagt Markus Held. Und nicht nur Motorradfahrer. Das unter Internetnutzern in Deutschland noch weitgehend unbekannte Phänomen betrügerischer Fakeshops gibt es in vielen weltweit angebotenen Produktbereichen. Nach MOTORRAD-Recherchen zählen dazu hauptsächlich modische und sportliche Markenbekleidung, Schuhe und Uhren.

„Seit Frühsommer haben wir bis jetzt rund 30 E-Mails oder Anrufe mit Hinweisen auf Held-Produkte in Fakeshops bekommen“, berichtet Markus Held. „Etwa 25 kamen von Geschädigten, die auf den Trick reingefallen sind. Wir können nur warnen und betonen, dass hier mit unserem Namen Schindluder getrieben wird“. Unterm Strich scheint Aufklärung das einzige Mittel, das schnell hilft:„Als Geschäftsmann weiß ich, dass es dauerhaft 50 Prozent auf alles einfach nicht gibt, nirgendwo. Wenn also etwas so verlockend billig angepriesen wird, ist Vorsicht geboten“, warnt Held.

Foto: Schümann
Gehen juristisch gegen Betrüger vor: Markus Held, Axel Studte und PR-Mann Johannes Schache (v. l.) analysieren Fakeshops, die Schnäppchenjäger mit Held-Produkten ködern und dem Markenimage schaden.
Gehen juristisch gegen Betrüger vor: Markus Held, Axel Studte und PR-Mann Johannes Schache (v. l.) analysieren Fakeshops, die Schnäppchenjäger mit Held-Produkten ködern und dem Markenimage schaden.

Rechtliche Schritte schwierig

Rechtlich gegen die in China oder anderswo auf der Welt sitzenden Fakeshop-Betreiber vorzugehen, ist schwierig, langwierig und teuer. „Es ist ein Kampf gegen Windmühlen: Lässt du eine Seite schließen, ploppen zwei neue auf“, sagt Held-Exportchef Studte. Gemeinsam mit seinen Kollegen hat Studte mittlerweile schon 15 Internet-Seiten gefunden, die mit Held-Produkten als scheinbare Superschnäppchen locken. „Mithilfe eines Anwalts haben wir es immerhin geschafft, wenigstens www.heldhelme.de schließen zu lassen“, berichtet Markus Held.

Die Wettbewerber waren in diesem Kampf bisher noch nicht so erfolgreich. „www.nolanhelme.de“, wo Willy Kaiser aus Stuttgart einen hochwertigen Klapphelm kaufen wollte und stattdessen einen klapprigen China-Deckel ohne Innenpolster und mit einer Außenschale von der Güte eines Plastikeimers bekam, ist weiterhin online. Nolan ist zwar dran. Aber das Weihnachtsgeschäft steht vor der Tür.

Woran sind Fakeshops zu erkennen?

Wer im Internet ein bestimmtes Produkt zu kaufen sucht und danach googelt, der kann schnell auf einer professionell gemachten, aber gefälschten Verkaufsseite landen, ohne es zu merken. Polizei und Verbraucherzentralen warnen massiv: Wenn folgende Punkte auch nur teilweise zutreffen: Finger weg!

  • Alle Preise extrem günstig. Fakeshops locken Schnäppchenjäger. Daher werden meist alle Waren und nicht nur einzelne Produkte wie z. B. Auslaufmodelle zu extrem günstigen Preisen angeboten. Oft heißt es 50 oder mehr Prozent auf alles. Und auch der Versand soll noch kostenlos sein.

  • Angebotene Zahlungsmethoden sind eingeschränkt. Falsche Internetshops gaukeln zwar eine Vielzahl von Zahlungsmethoden vor, darunter teilweise auch Paypal oder den (sicheren) Kauf auf Rechnung. Wählt man diese, heißt es aber, „aus technischen Gründen leider gerade nicht verfügbar“, und man wird zur Voraus-Überweisung oder Weitergabe der Bankdaten aufgefordert. Auf keinen Fall über Bargeldtransferdienste wie MoneyGram oder Western Union bezahlen. Seriöse Shops bieten diese Möglichkeit in der Regel gar nicht erst an.

  • Keine direkte Kontaktmöglichkeit. Betrügerische Anbieter wollen nicht gefunden werden. Es gibt keine Telefonnummer auf der Seite und auch keine Adresse. Wohin das E-Mail-Kontaktformular führt, ist nicht nachvollziehbar.

  • Seltsamer Domain-Name. Wer etwa über Google auf ein günstiges Angebot stößt, achtet oft gar nicht auf den Domainnamen des Internetshops oben in der Adresszeile. Diese Namen können zwar auch bei betrügerischen Anbietern völlig seriös klingen (z. B. „www.heldmotorcycle.de“) sind aber oft bemerkenswerte Fantasie-Kreationen, wie etwa „www.ozeanrudern.de“, „www. kartenlegen-hellsehung.de“ oder „www.bewaehrungshelfer-shop.com“.

  • Unstimmigkeiten, Schreibfehler. Höchste Vorsicht ist geboten, wenn sich ein Shop etwa „www.heldhelme.de“ nennt, gleichzeitig aber auch Produkte anderer, konkurrierender Anbieter im Sortiment hat oder im Bild zeigt. Auch Schreib- und Grammatikfehler deuten auf einen Fakeshop hin, nicht unbedingt in den Produktbeschreibungen, die wie die Fotos oft einfach von seriösen Seiten kopiert sind. Aber etwa bei den Hinweisen auf: „Preise Und Versand.“ Hier ist etwa das groß geschriebene „Und“ ein ganz klares Alarmzeichen.

  • Keine gesicherte Internetverbindung. Vorsicht, wenn in der Adresszeile des Browsers kein „https://“ mit Vorhängeschloss-Symbol erscheint. Seriöse Shops bieten in der Regel nur solche gesicherten Internetverbindungen.

  • Kein Impressum, keine Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB). Zumindest deutsche Internetseiten müssen ein Impressum haben, und für Webshops sind AGB vorgeschrieben. Fehlen diese, ist der Anbieter nicht seriös.

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