Nachgehakt: Kawasaki ZX-12R (Archivversion)

Dichtung und Wahrheit

Nachdem Kawasaki offiziell verlautbaren ließ, dass die Presse-Testmaschinen der ZX-12R einer speziell präparierten Serie entstammten, kaufte MOTORRAD inkognito eine Zwölfer beim Händler.

Die Geschehnisse: Anfang März lieferte Kawasaki die ersten ZX-12R zu Testzwecken. Sofort startete MOTORRAD den in Heft 7/2000 veröffentlichten Test. Mit 183 PS an der Kupplung pulverisierte der Vierzylinder alle bislang dagewesenen Werte für Serien-Motorräder. Klar, dass der Vergleichstest mit den Big Bikes BMW K 1200 RS, Honda CBR 1100 XX, Suzuki GSX 1300 R Hayabusa und Yamaha YZF 1000 R Thunderace am 14. März unter Hochspannung begann. Doch er wurde bereits am Morgen des 15. März jäh gestoppt. »Keinen Meter mehr fahren!« lautete die unmissverständliche Ansage aus Friedrichsdorf, dem Stammsitz von Kawasaki Motor Deutschland.Was war passiert? Den Kollegen eines anderen Magazins war der Motor ihrer ZX-12R hochgegangen. Pleuelabriss. Bei Vollgas. Schlecht für Kawasaki, dass MOTORRAD den Vergleichstest mit Partnerzeitschriften aus Italien, Spanien und Japan durchführte. Somit bekam die Geschichte weltweite Beachtung. Entsprechend hektisch fielen die Reaktionen der Kawasaki-Offiziellen aus. »Wir haben alle Maschinen zurückgerufen!« Lautete die Aussage am selben Abend. Diese musste bereits tags darauf wieder revidiert werden. Denn ein Rundruf von MOTORRAD bei der Händlerschaft hatte ergeben, dass diese ebenso wenig von Problemen wussten wie jener Kunde, den MOTORRAD bei einer Fahrt mit seiner brandneuen ZX-12R beobachtete.Die erbetene Stellungnahme aus Friedrichsdorf blieb aus. Dann, am Donnerstag, den 16. März 2000 der Hammer: »Es tut uns furchtbar leid, aber wir müssen zugeben, dass die Testmaschinen speziell präpariert waren.« So das offizielle Statement. Ein Skandal! Man hat also die Presse und damit letztlich die Kunden hinters Licht führen wollen. Für MOTORRAD Grund genug, eine Maschine im freien Handel zu kaufen, um diese gewissenhaft nachzutesten.Zwischenzeitlich regierte bei Kawasaki das Chaos. Ein Statement jagte das nächste Dementi. Mal hieß es, bei den ersten 30 Maschinen sei ein Montagefehler unterlaufen, dann war das Kolbenlaufspiel zu eng und und und. Wie dem auch sei: Unsere ZX-12R aus dem Händlerregal rennt wie der Teufel, mit gemessenen 185 PS besser als die angeblich »getunte« Testmaschine. Und die Höchstgeschwindigkeit von 303 km/h spricht Bände.Die spannende Frage lautet: Was für ein Spiel treibt Kawasaki? Die inzwischen auf 3200 Kilometer erhöhte Einfahrzeit legt die Vermutung nahe, dass alle Maschinen von demselben Problem betroffen sind. Außerdem wurden die Händler intern angewiesen, das Drosselklappenpotenziometer penibel zu kontrollieren, da offensichtlich im Vollastbereich Abmagerungen auftreten können. Für MOTORRAD gibt es nur einen Weg: Wir überprüfen die Standfestigkeit der Maschine in einem Dauertest. Und der hat schon begonnen.
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