Neuheiten 1997 (Archivversion)

Goldener Oktober

Die europäischen und japanischen Motorradhersteller haben ihre Gärten bestellt, und so verheißt der Herbst eine reiche Ernte, die in ihrer Vielfalt auf der IFMA wird zu bestaunen sein wird.

Zwei frühreife Früchte schöpferischen Wirkens bringt Honda sogar schon vor der großen Zweiradmesse ans Licht der Öffentlichkeit: den Riesen-Cruiser F 6 und den pfeilschnellen Sporttourer CBR 1100 XX . Doch es kommt noch besser. Mit einem Konzept, wie vor Jahren die 650er Hawk im Ansatz verkörperte, will Honda die Freunde sportlicher Zweizylinder ködern: Schmales V2-Triebwerk, enganliegendes Fahrwerkskorsett, so-wenig Masse wie möglich, soviel Verkleidung wie nötig. Mit seinem Zylinderwinkel von 90 Grad kommt der Motor ohne Kunstgriffe zu einem ordentlichen Massenausgleich, hat aber einen relativ großen Raumbedarf. Mit insgesamt vier obenliegenden Nockenwellen und acht Ventilen schöpft er in der Straßenversion100 PS aus einem Liter Hubraum, für sportliche Einsätze sollen auch deutlich mehr herauszukitzeln sein.Leistungsmäßig weitaus verhaltener geben sich zwei weitere Honda-Newcomer: ein nostalgisch angehauchter Scrambler, der sich des Einzylindermotors der Dominator bedient, und ein Chopper, der die Lücke zwischen der 250er Rebel und der 600er Shadow schließen und in Konkurrenz zur Yamaha XV 535 treten soll.Zürückhaltender als Honda geben sich die zwei andere japanische Hersteller. Während sich Yamaha dem Vernehmen nach auf die Pflege der erst unlängst aufgefrischten und erweiterten Produktpalette beschränkt, konzentriert sich Kawasaki auf die Randzonen des Modellangebots. Einerseits will eine preisgünstige Halbliter-Zweizylindermaschine Motorrad-Novizen zu den Grünen locken, andererseits steht die Ablösung für die langgediente 1000 GTR bereit, die mit 1100 Kubik und einem neuen Abgasreinigungssystem frischen Wind in die Touristikbranche bringen soll.Suzuki hat an breiter Front, aber nicht ganz so intensiv wie Honda gearbeitet. Vorreiter einer aufgefrischten, mehr Richtung Cruiser orientierten Intruder-Reihe ist die VS 800 an. In der Klasse der supersportlichen 600er tritt die GSX-R 600 an. Stilistisch und technisch eng an der GSX-R 750 orientiert, versucht sie die Rolle zu spielen, in der die RF 600 R nicht sonderlich brillieren konnte. Als Stärkungsmittel in der Big Bike-Liga und Gegenmittel zur Honda CBR 1100 XX präsentiert Suzuki eine Nachfolgerin für die GSX-R 1100. An die, die es gern ein wenig beschaulicher haben, wendet sich die DR 650 RSE als reisetüchtige Enduro mit Dreiviertel-Verkleidung.Was die Japaner können, können die Europäer schon lange - zum Beipiel sportliche Zweizylinder kreieren. Es dauert zwar meist ein wenig länger, bis präsentable Ergebnisse zu bewundern sind, aber meistens wird die Geduld belohnt. Beispiel Aprilia: Das rührige norditalienische Unternehmen arbeitet intensiv an der Ausweitung des Modellangebots hin zu größeren Hubräumen und hat sich zu diesem Zweck wieder einmal mit dem österreichischen Motorenhersteller Rotax verbündet. Das Resultat ist ein hochmoderner, kompakter 60-Grad-V2-Motor mit zwei obenliegenden Nockenwellen und vier Ventilen pro Zylinder, der von einer Einspritzanlage gefüttert wird. Einen ersten Showauftritt hatte das Triebwerk in der unorthodox gestylten Shiver, den Ernst des Lebens wird es dagegen als Sportlerherz erleben: Mit mindestens 100 PS aus 900 Kubik dürfte es mit zirka 200 Kilogramm Motorradmasse wenig Mühe haben.In vierzylindrige Konkurrenz zu den Japanern geht Cagiva. Der in Zusammenarbeit mit Ferrari entstandene Motor, der als technisches Highlight vier radial angeordnete Ventile pro Zylinder präsentiert, soll mit 750 Kubik und mehr als 150 PS in die Superbike-WM geschickt werden, während eine 900er Version für den Straßenverkehr gedacht ist. Das Design der beiden Maschinen orientiert sich an den 500er Grand Prix-Maschinen, die bis Ende 1994 die Straßen-WM belebten.Bei Ducati war nach dem Wirbel um die 916/748-Baureihe wieder einmal Zeit für Basisarbeit. Herausgekommen ist eine optisch und technisch aufgefrischte 900 Supersport. Die schlankere Verkleidung zeigt stilistische Verwandtschaft zur 916, der Zweiventilmotor wurde dem Vernehmen nach auf Wasserkühlung umgestellt.Triumph hat sich mit grundsolider Technik in kurzer Zeit den Ruf eines seriösen Herstellers erarbeitet, nur mit dem sportlichen Image haperte es bislang. Das soll sich ändern: Ein neuer Dreizylinder mit Kraftstoffeinspritzung und Abgasreinigung, leichter und kompakter als der alte, ist Basis für die neue Daytona, die es in Sachen Fahrdynamik mit den schärfsten japanischen R-Modellen aufnehmen können soll.Mehr Dynamik will auch BMW mit einem neuen K-Modell ins Spiel bringen. Der langgediente liegende Vierzylinder, der durch mehr Hubraum eine deutliche Kraftspritze erhalten hat, sitzt in einem Telelever-Fahrwerk, dessen tragende Struktur eine Abkehr vom traditionellen Stahlrohrgeflecht bringt. Am anderen Ende der Modellpalette wird der F 650 Funduro ein Schwestermodell zur Seite gestellt: Weniger duro, mehr fun auf der Straße.
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