Porträt Hartmut Weidelich (Archivversion)

D’r Motorekenig

Britische Eleganz à la Norton, BSA oder Vincent jagt ihm eine Gänsehaut über den Rücken. Aber deren antiquierte Technik lässt Manfred Weidelich manchmal erschauern. Deshalb frischt sie der Motorenspezialist auf.

Schule war nicht mein Ding”, bekennt der 40-Jährige. Von Kindesbeinen an – »ich hatte mit elf mein erstes Motorrad« – liebte er die Fortbewegung auf zwei Rädern mehr, als seinen Eltern lieb war. Denn nur 200 Meter entfernt vom Rand der Gemeinde Aldingen, die zwischen Schwarzwald und Schwäbischer Alb liegt, war der Tummelplatz der Crosser. Dorthin zog es auf dem Kinderrad jeden Samstag den kleinen Hartmut. »Irgendwann hat sich dann einer erbarmt und mich auf dem Tank mitgenommen«, grinst der durchtrainierte Sportler. »Ich habe mir die Eier blau geschlagen, aber ich war infiziert.« Ab dem ersten Motocross-Ausritt verbrachte Hartmut jede freie Minute bei seinem »Chauffeur« Albert. Der weihte ihn in die Feinheiten der Motorentechnik ein. »Wir hatten viel Spaß beim Frisieren von Einzylindern, angefangen beim Aufbohren bis hin zur Herstellung eigener Nocken.« Albert startete bei Lizenzrennen, unter anderem auch mit einem Norton-Wasp-Motocross-Gespann. »Hier rührt meine Liebe zu Engländern und speziell zu Norton her.« Angefressen von Norton begab sich Hartmut nach der Mittleren Reife in die Feinmechanikerlehre, ging dann in den Sondermaschinenbau und fuhr neben-her Cross-Rennen. »Mit 16 bin ich ohne Lizenz, mit 18 mit Lizenz und im OMK-Pokal mitgefahren, natürlich nur Seitenwagen. Erst als Passagier, später als Fahrer.« Die Kohle war knapp, doch die Motivation irre groß. »Wir sind im Training zwei Stunden im Regenzeug gefahren und haben Kilos weggeschwitzt, damit es im Rennen und im normalen Outfit ein-facher für uns war. Aber während andere dann komplette Räder wechseln konnten, mussten wir den Reifen andersherum montieren, um etwas Grip zu finden. Ich bin mit 1800 Mark netto ganz vorne mitgefahren in der Schweizer Meisterschaft, qualifizierte mich für die Europameisterschaft. Da gab es allerdings Linkereien, und die versprochenen tausend Franken Startgeld bei den Rennen zur Europameisterschaft sind nicht geflossen. Dann hat sich mein Co noch in die Ehe und Kinderzucht verabschiedet, und ich habe frustriert mein Gespann verkauft.«Geblieben ist die ungestüme Liebe zu britischen Klassikern. Und der Geldmangel. Seine 250er-BMW und die Horex hat er mit 19 Jahren verkauft, um sich – mit Geldspritze von den Eltern – eine XS 650 von Yamaha zu kaufen, die er dann auf Norton getrimmt hat. »Weil sie den Engländern am nächsten kam. Ich war aber sehr enttäuscht, denn das Motorrad sah nach meinen Umbauten zwar aus wie ein Engländer, fuhr aber nicht so. Topspeed und Beschleunigung waren gar nicht Norton-like. Also musste ein Original her.”Kurzum, mit 20 Lenzen war es so weit, dass Hartmut die erste Norton Com-mando 850 zulassen konnte. »Es war eine Interstate mit rotem Tank. Da es niemanden gab, der an Nortons herumschraubte, habe ich einfach selber damit angefangen.« Etwa zeitgleich mit seinem Wunsch nach mehr Schub und Konstanz bei der Commando trat Wolfgang Dittmer ins Leben von Hartmut Weidelich. Der 64-Jährige fährt seit über 40 Jahren Norton-Zweizylinder, und das ziemlich schnell. Hartmut, damals harter Rocker mit Nieten und langer Mähne, tat sich schwer mit dem schweigsamen Dittmer. Erst als ihn ein ernstes technisches Problem beutelte, sprach er den Alten bei einem Motorradtreffen an. »Seither habe ich viel von Wolfgang gelernt, und ich bin heute noch froh, wenn ich bei gemeinsamen Touren mit Mühe hinter ihm herkomme«, so Hartmut. »Er muss einen guten Eindruck von mir gehabt haben, weil ich nicht so ein Idiot war, wie er aufgrund meines Äußeren dachte.« Dass eine Frau sich in einen Motor vertiefen kann, hat Hartmut indes nie geglaubt. Er sollte sich täuschen. »Als Petra dann die Ventile selbst eingeschliffen hat, war es um mich geschehen. Ich habe ihr sogar meine Norton anvertraut«, schmunzelt Hartmut mit feuchtäugiger Erinnerung. »Danach wollte sie auch so ein Ding haben.« Klar, dass die zwei heirateten.Just in dieser Zeit kam ein gut betuchter Zeitgenosse auf der Suche nach dem »Motorekenig« – so heißt er bei einigen Aldingern – in die Werkstatt. Er besaß einige Nortons und suchte jemanden, der sich mit Engländern auskennt. D’r Mo-torekenig kannte sich sehr wohl aus, reparierte und restaurierte und erhielt prompt ein Angebot, diese Sache hauptberuflich zu machen. Es gab besseres Geld als im Sondermaschinenbau, also nahm Hartmut das Angebot wahr.Und es begann für Hartmut die Vincent-Phase. Er importierte einige Maschinen aus Argentinien, erlöste sie aus ihrem »erbärmlichem Zustand. Ich wollte sie wirklich wieder zum Original aufbauen, konnte dann mal auf einem Original fahren und musste feststellen, dass diese Motorräder weder Bremsen noch Fahrge-stell haben. Von Leistung ganz zu schweigen. Schließlich hieß es in allen Vincent-Büchern, dass sie serienmäßig über 200 gehen soll. Und ich hab’ das geglaubt«, grollt er noch heute. Als ihm klar war, dass die Vincent im Serienzustand nur zum Polieren taugte, hat Hartmut sich in drei Tuning-Stufen zur Zufriedenheit hochgearbeitet. Stufe eins: Zunächst fertigte ihm ein Freund aus der Schweiz eine genaue Zeichnung des Egli-Fahrgestells an. Das hat sich Hartmut in der Firma nachgestrickt, dazu Stummellenker und eine Rennverkleidung angebaut. »Wegen der Cross-Rennen hatte ich kein Geld, um den Motor zu überholen.« Also stand das Rennerle noch zehn Jahre herum, bis er die Stollenreiterei aufsteckte und endlich die Zeit und auch das Geld fürs Motorentuning hatte.Stufe zwei: Nach Fehlversuchen mit japanischen Serienkupplungen entwickelte und produzierte Hartmut Weidelich seine eigene Vincent-Kupplung, die jetzt in verschiedenen Maschinen in Einsatz sind, weltweit. Und mit einer bisherigen Spitzenlaufleistung von 100000 Meilen, ohne auch nur ein Teil zu ersetzen.Nachdem der überholte Motor eingefahren war, wurde ausgiebig getestet: »Petra – auf ihrer 750er-Commando – machte an einer oft gefahrenen Steigung den Hahn auf. Ich auch«, untermalt Hartmut seine Aussage mit der entsprechenden Handbewegung. Das Ergebnis: »Die Norton zieht der heiligen Vincent locker davon, obwohl meine Kiste 50 Kilo leichter ist als das Original! Von wegen 200 Spitze, bei 175 war Ende. Die Norton schaffte locker 195 Sachen.«Scheiß drauf, was alle sagen, hat sich der Selfmademan damals gedacht. Er hat andere Kolben eingebaut, die Kanäle erweitert und die Verdichtung erhöht. »Und dann war ich endlich so schnell wie mit der Norton«, grinst er nicht gänzlich zufrieden. Denn er hat noch weitere anderthalb Kilo Eisen aus dem Motor entfernt und große Vergaser aus dem Vollen gefräst. Die dritte Tuning-Stufe war gezündet. »Da waren dann die seit Jahrzehnten versprochenen Leistungsdaten erreicht. 210 km/h mit gutem Fahrgestell und guter Bremse sind eben doch kein Problem mit einer Vincent.« Dem Tüftler bleibt allerdings die Erkenntnis, dass es »programmierter Selbstmord ist, wenn man eine Original-Vincent frisiert«.Hartmut, seit sieben Jahren selbständig, besuchte nebenbei noch die Meisterschule, um dem ganzen Ding den legalen Rahmen zu geben. Weil ihm kaum ein Thema fremd war, stritt er so lange mit den Paukern, bis sie ihm erstens Recht gaben und – nach mit Auszeichnung bestandener Meisterprüfung – einen Lehrauftrag an ihrer Schule anboten. Bald darauf wechselte er das Domizil, denn das erste eigene Haus wurde zu klein für seinen Aktivitätsdrang. Die Mühle, die er jetzt bewohnt, hat mit 15000 Quadratmeter Grund, großem Wohnhaus nebst Riesenscheunen und einer irre großen Werkstatt so viel Platz, dass ihn Nachbarn nicht behindern. Er hat keine. »Wenn ich erst abends um elf mit einem Motor fertig werde, dann warte ich nicht, bis morgens alle aus den Federn sind, dann läuft das Ding um Viertel nach elf«, grummelt es aus ihm heraus.Weidelich ist inzwischen in der Vincent-Szene ein international bekannter Name. Aufträge hat er mehr als genug, zusätzlich drängen weitere Kunden nach. Neben den Engländern und diversen »Wracks”, die in der Scheune auf ihn warten, finden sich zusehends alte Japaner in der Notaufnahme ein, weil »man mit einem Laptop einer Z 900 eben nicht helfen kann«.In seiner riesigen Werkstatt gibt es alle Werkzeuge, die Hartmut für seine Arbeit braucht. Die Drehbank hat er für 1500 Mark einer Ausbildungswerkstatt abgeschwatzt, die Fräse hat ihm jemand geschenkt, und er hat sie auf die rich-tige Arbeitshöhe aufgestockt, sein WIG-Schweißgerät hat er sich mit einem Auftritt seiner Commando in der RTL-Serie »Ritas Welt« verdient. Und wenn er Ventilsitzringe sicher in einen Zylinderkopf einpassen will, kommen die Ringe in die Tiefkühltruhe, während der Kopf bei 250 Grad im Backofen gart, den die Schwiegermutter ihm geschenkt hat. Den Motor für die Eisensäge hat er aus einer Industrienähmaschine zweckentfremdet, den Bollerofen aus Profilen selbst zusammengebraten. Sein bisher größtes Projekt ist ein Vincent-Motor, der so heißen wird, wie seine englischsprachigen Kunden Weidelich nennen: ACE. Seit Herbst 2002 arbeitet das »Ass” mit viel Herz, Zeit und noch mehr mechanischem Feingefühl an einer Maschine, die »so läuft, wie ich will und den auf originalen Vincent-Maschinen basierenden Rennern den Auspuff zeigen soll«. Dazu hat sich Hartmut Weidelich erst einmal ein Holzmodell gebaut und es zum lokalen Gießmeister geschleppt. »Ich hatte nicht viel Ahnung von der Gießerei, aber irgendwie hat es geklappt, auch wenn ich jetzt viel Material wegfräsen muss.« Sofern nicht alle Stricke reißen, wird ab Frühjahr 2004 dann ein Motor im Markt sein, auf den zwar die Original-Vincent-Deckel passen, aber »auf meinen Deckeln wird ACE und nicht Vincent stehen«. Wie auch der Herstellerhinweis »made by WEAL” darauf deutet, dass dieses Motorrad von WEidelich aus ALdingen gebaut wurde. Geduld muss jeder mitbringen, der sich bei WEAL seinen Oldtimer richten lassen will. Um fünf Uhr nachmittags ist es zwecklos. »Da bin ich mit den Hunden unterwegs. Das wissen meine Kunden.« Davor und danach können sie darauf vertrauen, dass Hartmut Weidelich den in Ehren ergrauten Zweirädern einen Zeit-anschluss zur Neuzeit bastelt. Puritaner werden dann von Replikas sprechen, aber das nimmt Hartmut nicht krumm: »Meine Kisten müssen funktionieren wie neue Motorräder. Ich habe keine Zeit für Gedenkminuten beim Gangwechsel. Und vorausschauendes Bremsen ist bei 200 km/h auch nicht immer einfach.« Er dreht sich genüsslich eine Zigarette, schlürft an seiner eigensinnigen Mischung aus kaltem und heißem Wasser mit Instantkaffee – »ich mag keinen heißen Kaffee« – und grinst breit. Internet: www.britishclassicbikes.de
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