Porträt Hermann Huesmann (Archivversion)

Der Kohlhaas von Enningerloh

Dass man ihn betrogen, um sein Recht, sein Geld gebracht habe – das steht für Frührentner und Gold-Wing-Fahrer Hermann Huesmann fest. Doch damit will er sich nicht abfinden. Irgendwann kriege er den Richter schon noch, der ihn gelinkt habe.

Er spricht laut, der Hermann, hat als Schlosser und Schweißer gearbeitet. Das geht auf die Ohren. Wenn Hermann sagt, er sei laut geworden, richtig laut, dann heißt das was. Eigentlich sei er ja ein ruhiger Mensch, meint Hermann. Einer, der seinen Frieden haben möchte. Aber wehe, man lässt ihm den nicht, seinen Frieden. »Ich habe ihn angebrüllt, den Richter«, erhebt er die Stimme, während Margarita, seine Frau, Hermanns rechte Hand ergreift. Die zittert, so aufgeregt ist er, wenn er
wieder einmal erzählt, wie sich an einem Tag im August 2001 sein Leben verändert hat. Als er ihn anbrüllte, den Richter am Landgericht Münster.
Dort stand er, weil er seine Gold Wing in einem Graben versenken musste. Und das kam so: Hermann und Margarita
fahren einer Frau in einem Golf, »so einer Bauerntante«, hinterher. Raus aus der
Ortschaft. Bis die Frau, mitten in der Beschleunigungsphase, urplötzlich bremst. »Völlig ohne Grund«, raunzt Hermann. Da irrt er sich mal, ausnahmsweise. Die Frau hatte nämlich sehr wohl einen Grund, sie wollte Eier kaufen, direkt beim Bauern.
Als sie links in einen Wirtschaftsweg einbiegen wollte, habe sie auf einmal ein großes Motorrad in einem Spiegel entdeckt, berichtet die Frau, die alsdann aus irgendwelchen Motiven, die ihr nicht mehr einfallen wollen, voll in die Eisen tritt. »Wer rechnet denn mit so was?« fragt sich Hermann. Er jedenfalls nicht, er bremst, zieht, weil er sieht, dass es nicht reicht, er schon zu nah dran ist am Golf, entschieden nach rechts, die Honda kommt ins Rutschen. Heinrich und Margarita fallen von der Maschine und die in einen Graben. »Kopfüber, 20000 Mark waren kaputt. Und das alles nur, weil die Frau so hirnrissig reagiert.«
Den Polizisten, die den Unfall aufnehmen, gesteht sie, gerade mal so knapp fünf Meter vor dem Abzweig zum Eier-
bauern geblinkt zu haben. Später, vor Gericht, wird sie aussagen, sie habe bereits 100 Meter zuvor »den Richtungsanzeiger gesetzt«, weil sie das immer so mache, wenn sie zum Eierkaufen fahre.
Jetzt steht Aussage gegen Aussage. Hermann ist klar: »Die Frau lügt. Und
wie die schon spricht, völlig gestelzt:
‚den Richtungsanzeiger setzen‘. Das passt gar nicht zu der.« Deshalb traut er ihr,
der Bauerntante, diesen miesen Trick der Wahrheitsbeugung denn auch gar nicht
zu. »Da steckt der Anwalt von der Ver-
sicherung dahinter.« Von der will Hermann Schadenersatz und Schmerzensgeld. Und die Versicherung will nicht zahlen. Weshalb sie sich mit dem Richter abgesprochen habe, meint Hermann. Wie sonst wäre
zu erklären, dass er nur ein Drittel seiner Forderungen erstattet bekomme. Dieser Verdacht verdichtet sich zur Gewissheit, als der Richter in Richtung gegnerischen Anwalt lacht: »Mit dieser Entscheidung, Herr Kollege, können Sie wohl leben.« Kaum, dass er das hören muss, dieses
anbiederische Gefasel, so kommt es Hermann vor, ist er laut geworden. Sehr laut.
Er kann mit dieser Entscheidung nämlich nicht leben. »Knapp 1000 Euro Rente krieg’ ich, die Reparatur der Wing hat alle unsere Ersparnisse aufgezehrt. Jetzt ist Schluss mit lustig. Draußen steht ein Auto, das hat 270000 Kilometer drauf. Ich habe kein Geld, mir ein anderes zu kaufen. Und wenn unsere Wing runter geht, die hat 220000 Kilometer drauf, dann ist Feierabend für mich.« Das muss man Hermann glauben. Dass dann Feierabend ist für
ihn. Weil ihm das Motorrad die ganz große Freiheit bedeutet in der kleinen, die er sich erarbeitet hat.
Hermann lebt in Ennigerloh, einer kleinen Stadt am Rand des Münsterlands, aber nicht in einem dieser adretten Ziegelsteinhäuser, für die diese Gegend bekannt ist, sondern in einem graubraunen Mietshaus, in einer kleinen Wohnung. 49 Quadratmeter, seit mehr als 50 Jahren. »Als meine Eltern hier einzogen, 1951 war das, hatte die ein richtiges Badezimmer, damals war das Luxus. Heute wohnen hier lauter Aussiedler aus dem Osten. Die fahren alle teure Autos, Dreier von BMW und so.« Vehikel, die sich Hermann niemals leisten könnte. Alles, was er sich an Luxus leisten kann, ist seine Wing. Die ihn rausträgt aus Ennigerloh. In die Welt, vor allem aber nach Südtirol in die bescheidene Pension, die sich Hermann und Margarita gönnen, seit ihnen das Campen zu beschwerlich geworden ist.
Um die havarierte Honda wieder straßenfein zu bekommen, gab er sein Letztes. Seine Ersparnisse. Dieses Geld, sagt Hermann, das haben sie mir geklaut. »Wenn ein Krimineller kommt und mich bestiehlt, dann ist das das normale Leben, aber wenn Staatsbeamte kommen, um mich
zu erleichtern, dann...« Hermann gehen, was selten vorkommt, die Worte aus, und Margarita fasst ihn erneut an der Hand. Sie erinnert ihn an eine alte Operettenweisheit: »Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist.« Aber Hermann kann nicht vergessen, und er will nicht vergessen. »Der Richter muss mich doch für blind
halten, mich und meine Frau. Fahren 100 Meter hinter einem Auto her und sollen nicht merken, dass es blinkt.«
Als er laut wurde im Landgericht Müns-
ter, gab er dem Richter zu verstehen, dass es ihm nicht nur ums Geld gehe, sondern ums Recht. »Machen Sie die Akte zu, ich gehe zum Oberlandesgericht nach Hamm.« Zuvor hatte der Richter ihm gedroht, sagt Hermann: »Wenn wir uns heute nicht einig werden, dann warten Sie noch länger auf ihr Geld.« Hermanns Weltbild gerät ins Wanken: »Ich dachte, ich sei vor Gericht, nicht auf einem Basar.«
Hermann ist Frührentner, Hermann hat Zeit, und Hermann hat viele Freunde und Bekannte. Darunter einige Polizisten, die Motorrad fahren, und einen Verkehrsrichter, der das nicht tut. Die tun kund, alle-
samt, sie hätten anders entschieden. Zwei Drittel für Hermann, nicht ein Drittel. Dass an der Sache mit dem Abstand, den er nicht eingehalten haben soll, etwas dran sein könnte, das sieht er und das sehen auch seine Freunde so. Obwohl: »Eigentlich wäre der Abstand ja ausreichend
gewesen, wenn die Frau sich an die
Vorschriften gehalten hätte.« Sei’s drum. Aber dass man ihm unterstelle, er habe den Blinker nicht gesehen, 80, 100 Meter
lang, das sei doch wohl die »reinste Ver-
arschung«, sagt nicht nur der Hermann. Der betont, er habe nicht einen Punkt in Flensburg. Und der immer wieder zum
Unfallort zurückkehrt, sich überlegt, was habe ich falsch gemacht? Sich immer
wieder die gleiche Antwort gibt: nichts. Und der auf die Richter hofft in Hamm. »Das sind Spezialisten.«
Die Spezialisten enttäuschen Hermann. Von Anfang an, denn der Vorsitzende Richter schlägt ihm vor, die Berufung zurück-
zuziehen. »Mein Anwalt redet im Flur mit mir, redet von könnte, sollte, müsste. Sag’ ich ihm: nichts da. Ich will verhandeln.« Hermann ist überzeugt, dass er Recht hat, und er will es, sein Recht: »Die Wahrheit ist das, was passiert ist. Dass der Anwalt der Versicherung die Frau zu einer Falschaussage überredet hat, um Kosten zu sparen, das wissen wir ja.« Leider wissen es nur Hermann und seine Frau so genau. Die ihre Wahrheit nicht beweisen können. Und die sich wundern, dass eine beisitzende Richterin Hermann »höhnisch angrinst und dabei dauernd ihren Kopf schüttelt«. Für Hermann endet die Verhandlung mit einem Desaster. Nicht mal das eine Drittel der
ersten Instanz gibt’s, lediglich 25 Prozent.
Juristisch ist die Sache gelaufen,
eine Berufung nicht drin. Hermann Huesmann wird zur tragischen Figur. Zu einer Art münsterländischem Kohlhaas, dessen persönliches Rechtsempfinden mit der Rechtspraxis kollidiert. Andere Menschen in dieser Situation hätten das akzeptiert, schweren Herzens, wütenden Herzens. Nicht so Hermann. Der sieht den Fehler nicht im System, sondern als persönlichen Angriff gegen sich. Als Intrige, Verschwörung, Machenschaft. Alle gegen einen, aber der eine gibt nicht auf. Weil er glaubt, was man ihm erzählt, eingetrichtert hat. Weil er glaubt, dass die Gerechtigkeit doch siegen müsse. Nicht nur im Kino. »Ich bin in Nachkriegsdeutschland erzogen worden«, Hermann erhebt wieder ein bisschen die Stimme, »und das ist mit dem Knüppel passiert. Ehrlichkeit, Anstand und Recht haben sie uns beigebracht, und dann muss ich mich heute fragen: Was für Richter haben wir denn?«
Hermann fasst einen Entschluss, fährt zur Staatsanwaltschaft. Pförtner: »Was wollen Sie?« Hermann: »Einen Termin.« P: »Worum geht’s?« H: »Eine strafbare Handlung.« P: »Von wem?« H: »Einem Richter.« P: »Dann am besten gleich zum Oberstaatsanwalt.« Dort, in dessen Büro, hängt, wie in einer Kasernenstube, ein Maßband an der Wand. 63 Zentimeter sind noch dran. Aha, 63 Tage bis zur Pensionie-
rung, kombiniert Herrmann. »Der hat nichts
mehr zu verlieren.« Der Oberstaatsanwalt hört zu, zwei Stunden lang. Diesmal geht Hermann psychologisch vor. »Stellen Sie sich doch einfach mal vor, Sie fahren mit Ihrer Frau dem Pkw 80 Meter hinterher, und Sie haben beide den Blinker nicht gesehen.« »Aber das kann doch wohl nicht wahr sein«, sagt da sein Gegenüber. Sagt Hermann. Dem der Oberstaatsanwalt dann vorexerziert, wie er, Hermann, seine An-
zeige wegen Rechtsbeugung abzufassen habe. Als er geht, hat Hermann ein gutes Gefühl: »Das ist der Richtige, der ist meine Generation.«
Sein Gefühl wird sich als trügerisch
erweisen, die Anzeige niedergeschlagen. Dass Richter wegen Rechtsbeugung von anderen Richtern verurteilt werden, geschieht in etwa so häufig, wie die Stutt-
garter Kickers deutscher Fußballmeister werden. Selbst im Fall des Hamburger »Richter Gnadenlos« Ronald Schill stellten die Staatsanwälte das Verfahren ein mit der bemerkenswerten Begründung: Ein deutscher Richter beugt das Recht nicht, und falls doch, dann nicht bewusst. Denn sonst wäre er kein deutscher Richter.
Hermann scheint diese Logik nicht zu
kennen, denn kaum, dass er die negative Entscheidung erfährt, setzt er sich sofort ins Auto, fährt nach Münster, um ein paar Takte mit dem Herrn Oberstaatsanwalt zu reden. Und erzählt die ganze Geschichte noch mal: die vom Anwalt manipulierte Bauerntante, die Kungelei zwischen Richter und Anwalt und wie er deswegen laut werden musste, der Brief, den der Müns-
teraner Richter an den in Hamm geschrieben haben muss... »Ich glaube Ihnen
ja«, versichert der Oberstaatsanwalt. Der aber auch sagt, »ich solle das alles runterschlucken. Sonst würde meine Lebensqualität darunter leiden«.
Hermann schluckt nicht. Stattdessen schreibt er einen Brief, handschriftlich. Dann noch einen, beide an den Vorsitzenden Richter des OLG Hamm. Der Ton, in dem sie gehalten sind, geht stellenweise am guten vorbei. »Sie haben mit diesem, für mich Skandalurteil, mich als nachweislich erfahrenen unfallfreien Motorradfahrer zum Vollidioten gemacht... Dass mich, mit 57 Jahren mal ein Richter, wie Sie einer sind, ‚verarschen’ will, habe ich mir beim besten Willen nicht träumen lassen.« Wer ihm, dem Richter, denn eigentlich das Recht für so einen Machtmissbrauch gebe, will Hermann wissen. Zum Abschluss seines Schreibens stellt Hermann klar, dass er und seine Frau dieses »Skandalurteil« nicht »kampflos hinnehmen werden«.
Vor 250 Jahren wäre Hermann vermutlich in die Wälder gezogen, hätte ein paar Gleichgesinnte um sich geschart, um seine Vorstellung von Recht durchzusetzen. Weil es im Münsterland aber keine großen Gehölze gibt, sitzt Hermann in der Küche, nebenan im Wohnzimmer flackert stumm der Fernseher. Es klingelt, Margarita geht zu Tür, kommt mit einem Päckchen in der Hand zurück, lächelt: »Hausmacher, deine Lieblingswurst.« Hermann freut sich, sagt, »irgendwann krieg’ ich diesen Richter noch, den krieg’ ich dran.«
Und er hat schon einen Plan. Der hier freilich nicht verraten werden darf. Nicht auszuschließen, dass der Mann MOTORRAD liest. Und wenn Hermann damit erneut scheitern sollte? Dann bleibt noch die Operettenweisheit, die da besingt, dass glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist. Margarita scheint sie bereits zu beherzigen.
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