Porträt Hiromi Kuroi (Archivversion)

»Ein Japaner findet sein Glück in Deutschland«. Sein halbes Leben einer Firma verbunden, aktiv noch übers Rentenalter hinaus: Das kommt einem ziemlich japanisch vor. Dabei ist Hiromi Kuroi, seit über 20 Jahren Produktplaner bei Yamaha, ein echter Typ.

Haben alle japanischen Rentner einen solchen Zacken drauf? Forsch eilt Hiromi Kuroi durch die Flure der Yamaha-Niederlassung in Neuss. Ich bin kein Rentner, würde der kleine, leise Mann auch dieses Kompliment ins Leere laufen lassen. Stimmt. Yamaha hat ihm zum 65. einen befristeten Arbeitsvertrag geschenkt. Wenigstens muss er zufrieden grinsen, als das Gespräch auf die satte Schräglage kam, welche er samt R1 hinbringt. Das Bild hängt über Kurois Arbeitsplatz, ganz hinten in einem Großraumbüro. Bescheiden und freundlich – typisch japanisch?
Jetzt möchte Kuroi-San noch eben seine Bastelstube präsentieren. Auf, ins Archiv! Doch der 67-Jährige restauriert im Erdgeschoss keine japanischen Aquarelle, nein, neben Mappen voller Marktanalysen liegen akkurat wiederhergestellte Seitendeckel und Motorenteile, zwischen gesammelten Prospekten der eigenen wie aller relevanten Konkurrenzmarken entsteht ein Motorrad neu, mit dem Yamaha weltweit Renommee einfuhr: eine luftgekühlte RD 250. Stolz auf »seine« Firma und Lust am Handel – »Geld verdient haben wir damit auch«: typisch japanisch.
Das mit dem Geld verdienen musste Kuroi sagen. So als Produktplaner. Einer jener Weitseher also, die heute projektieren, was unsereins in fünf Jahren begeistert. Doch dieser Job bedeutet noch lange nicht, dass demnächst eine XS 360 – »Davon haben wir viel verkauft« – ins Archiv rollt. Nein, Beruf – Kaufmann – und Passion – jährlich 20 000 Kilometer Motorrad fahren – kann dieser Mann nach wie vor bestens trennen. Und er steht nun mal mehr auf die Archetypen. R1, FZ 750, SRX 600, XT 500, SR 500 füllen seine Garage.
Ein echter Motorrad-Enthusiast also? Wie man will, denn zum Kraftrad kam Kuroi erst von Berufs wegen – und musste sich auf der Kölner Messe IFMA 1976 wundern, wie viele Fans diese Maschinen begeistern. »Da habe ich begriffen, welche Möglichkeiten der Markt hat.« Prompt kam der Führerschein. »Ich muss doch wissen, was ich den Leuten verkaufe.« Schon wieder typisch: lernbegierig und vom Wunsch beseelt, die Dinge zu durchdringen.
Vor seiner Yamaha-Karriere war’s mit dem Durchdringen ein-
facher, denn Hiromi Kuroi zählte Mitte der 60er Jahre zu jenen Handelsvertretern, die unseren Planeten mit kleinen, knarrenden Transistorradios beglückten. »Ein riesiges Geschäft.« In dem nicht alles nach Plan lief: Weil die Handelsfirma, für die Kuroi in Deutschland weilte, sich übernahm, saß der junge Mann von heute auf morgen in Frankfurt fest. Ohne Geld, ohne Deutschkenntnisse. »Sie hatten mir nur ein Hinflug-Ticket mitgegeben.« Bei den Eltern in Kobe anrufen? Den Traum vom Ausland beenden?
Dieser Traum ist stärker. »Seit meiner Jugend habe ich ihn geträumt. Voller Sehnsucht. Um in die weite Welt zu kommen, habe ich als Kaufmann gearbeitet, Englisch gelernt und Schreibmaschine. In Nachtkursen.« Aber was nützt das, in Frankfurt, ohne Einkommen? Immerhin so viel, dass Kuroi einen Job bekommt. Beim Autovermieter Koffer schleppen für betuchte Flugreisende. Im Kampf um gute Trinkgelder tritt der bald 30-Jährige gegen jungforsche Studenten an. »Ich habe fast immer gewonnen.« Und mit dem Gewinn wieder angefangen zu handeln. Typisch? Klar, sie sind zäh und einfallsreich, die Japaner. Eigen auch: Deutsches Essen ist Kuroi zu fett. Omelette, denkt er, das könnte klappen. Der Koch meint es gut mit dem schmalen Asiaten, kippt eine Riesenladung Öl drüber. Da schaudert’s den Vegetarier bis heute.
Mitsui, dieses japanische Handelsimperium, halten viele Deutsche noch immer für die Konzernmutter Yamahas. Wo der Gigant Beteiligungen hält, ist undurchschaubar, auf jeden Fall hat er bei Yamaha nicht das Sagen. Vertreibt lediglich, war schon 1899 in Deutschland aktiv, verkauft mancherlei – »Mitsui handelt mit allem außer Menschen.« Und sucht einen Angestellten. Unwiderstehlich für einen typischen Japaner. »Ein Weltkonzern«, erläutert Kuroi, »der kann nicht so schnell Pleite gehen. Der bietet Möglichkeiten.« Einem solchen Arbeitgeber bleibt ein ordentlicher Sohn Nippons – »Ja, das ist unverändert so« – sein Leben lang treu.
Aber nicht in Treue ergeben. 1976 wechselt Hiromi Kuroi zum Mitsui-Motorradimport und trifft auf einen heißen Markt, in dem der Handel wenige Jahre später an Überproduktion zu ersticken droht. Händlerbesuche, Fahrertreffen, Marktanalysen – Kuroi be-
greift: Man kann den Leuten eben doch nicht alles verkaufen.
Bisweilen genügen Kleinigkeiten, um ein Produkt in Deutschland trefflicher zu platzieren. Die DT 80, zum Beispiel, war einfach zu klein, Kuroi fordert germanische Maße – und »die DT 80 LC2 wird ein langjähriger Topseller«.
In der komplizierten Kommunikation zwischen Hersteller und Importeuren braucht es Mittler. Über die Jahre ist Kuroi in diese Rolle hineingewachsen, mit der ihm eigenen Konsequenz: »Mich interessiert nur, was für Yamaha in Deutschland gut ist.« Manchmal lassen sich Anforderungen bündeln, deshalb konferiert er mit europäischen Kollegen. Manchmal treffen ihre Wünsche offene Ohren, manchmal müssen sie jahrelang bohren. »Und im Moment haben wir es etwas schwerer, weil Yamaha sehr viel Geld in China investiert.« Kann man nichts machen. Aber weiter von den Marktchancen einer neuen Super-Ténéré schwärmen.
Ausruhen nämlich, das missfällt Hiromi Kuroi. Auf vergangenem Lorbeer erst recht, selbst wenn so namhafte Produkte
wie RD 500, XJ 900 F, FZ 750, FJ 1100, FZR 1000/600, XJ 600 Diversion und R1 auch auf sein Drängen hin entstanden. »Auch«, betont er nochmals, denn in der japanischen Konsenskultur zählt das Team viel mehr als in Deutschland. In diesem Punkt, da
hat Kuroi bestimmt das Beste aus zwei Welten vereint: Einst hat
er seine Bosse in einer denkwürdigen Präsentation mit den Be-
dingungen des Handels und den Anforderungen des Marktes konfrontiert. »Die waren bestimmt ein wenig beleidigt.« Und in jüngster Vergangenheit haben er und seine Kollegen einfach nicht aufgegeben. Bis die FJR 1300 kam. In vollem Konsens.
Letztes Jahr war Hiromi Kuroi mit seiner deutschen Frau und der gemeinsamen Tochter in Japan. Heimweh kennt er nicht. »Aber auf den Straßen ist bis in die Nacht viel mehr Leben, das vermisse ich.« Da könnten die Deutschen noch lernen: geselliger und offener sein. »Ein bisschen, vielleicht.“
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