Präsentation: Kawasaki ZX-9R

Grüner Pfeffer

143 gesalzene Pferde reißen an 181 Trockenkilos. Ist die neue ZX-9R so scharf, wie die Papierform verspricht?

Brüllend fliegt die grüne Kawasaki die Mistralgerade entlang. Der Fahrer versteckt sich hinter der flachen Verkleidungsscheibe, die Tachonadel zittert bei 260, der Drehzahlmesser zeigt 12000/min, roter Bereich. Klack, sechster Gang. Ungestüm drängt das Triebwerk vorwärts, hebt die Gabel selbst jetzt noch aus den Federn. 270 km/h, aufrichten, Anker werfen, zwei Gänge runter, bei annähernd 200 erstaunlich mühelos abwinkeln. Zielgenau einbiegen, Gas anlegen und durch die lange Rechts gleiten - das Fahrwerk nimmt all das stoisch gelassen. Erquickliches auch in den anderen Streckenpassagen: Sei es hartes Anbremsen vom fünften in den ersten Gang oder präzises Einlenken auf der Bremse. Leichtfüßig schwingt die Kawa von rechts nach links, beim harten Beschleunigen wird das Vorderrad auch im vierten Gang noch leicht. Und dabei dirigiert der Fahrer den Kurs lässig über die oberhalb der Gabelbrücke geklemmten, angenehm gekröpften Lenkerhälften, sitzt bequem auf der straff gepolsterten Sitzbank. Die grüne Kawasaki ist nicht etwa ein exklusives Superbike, sondern die brandneue, für jedermann käufliche Ninja ZX-9R.
Wer bei solch martialischem Potential ein zähnefletschendes Raubtierdesign erwartet, der irrt. Kawasaki geht mit der 1998er ZX-9R selbstbewußt den Weg der neuen Sachlichkeit. Ob dieses optische Understatement vom Markt gebührend gewürdigt werden wird, bleibt abzuwarten. Immerhin - das Haifischmaul und der spitze Hintern setzen durchaus Akzente.
Die konstruktive Marschrichtung war eindeutig: »das dynamische Fahrgefühl einer 600er, gepaart mit der Leistung einer 1000er«. Nun, dieses Soll ist in greifbare Nähe gerückt. 35 Kilogramm hat die ZX-9R abgespeckt - entsprechend mühelos läßt sie sich bewegen. Allein 5,5 Kilogramm (über 30 Prozent!) wurden am Rahmen eingespart. Die schmucklose Kastenschwinge zeugt ebenso von der Werksdiät wie die jetzt konventionelle Gabel mit 46 Millimeter Standrohrdurchmesser. Der Radstand schrumpfte um 25 auf 1415 Millimeter, Lenkkopfwinkel und Nachlauf blieben gleich. Das Gewicht wurde neu verteilt, der Großteil lastet im Interesse der Lenkpräzision auf dem Vorderrad. Die Kayaba-Federelemente sind voll einstellbar, für Alltagsfahrten aber zu straff abgestimmt. Positiv fällt der Verzicht auf modisch-überbreite Hinterräder auf - die 5,5 x 17-Zoll Felge hinten mit 180er Bereifung dient der Handlichkeit und der Kurvenlage. Die ZX-9R rollt auf neuentwickelten Bridgestone BT 56 Radial F-Reifen mit nur einer Karkasslage. Die Pneus überzeugen mit niedrigen Lenkkräften, moderatem Aufstellmoment und ordentlichem Grip. Beim harten Bremsen neigt der Vorderreifen aber zum Stempeln. Die Bremse bietet übrigens einen erstklassigen Kompromiß aus guter Dosierbarkeit und brachialer Wirkung. Ein Wermutstropfen: Beim Anlegen der Bremse aus hohen Geschwindigkeiten gerät die Fahrzeugfront in Resonanzschwingungen, ein bekanntes Kawasaki-Syndrom, das bis zur Auslieferung im Dezember behoben sein soll.
Guten Grip braucht die Kawa auch wegen der Motorleistung: Die angegebenen 143 Pferdestärken sind absolut glaubwürdig. Der merklich schlankere und kurzhubigere Motor überzeugt in Verbindung mit dem eng gestuften Getriebe mit turbinenhafter Leistungscharakteristik, die er übrigens mit gebührender Akkustik und Fahrleistungen jenseits der 300-Marke auf dem Tacho untermalt. Anstatt wie bisher über Schlepphebel werden die Ventile nun über Tassenstößel geöffnet. Die Lichtmaschine rotiert direkt am linken Kurbelwellenkonus. Außerdem geriet das Motorgehäuse leichter und steifer und übernimmt folgerichtig eine tragende Rolle im Alu-Brückenrahmen. Das verstärkte Getriebe schaltet sich exakt, die neuerdings seilzugbetätigte Kupplung ist äußerst leichtgängig.
Ein Nockenwellen- und ein Drosselklappensensor übermitteln die notwendigen Parameter, um den Zündzeitpunkt drehzahl- und lastabhängig zu variieren. Dieses »K-Tric« getaufte System sorgt für verbesserte Gasannahme bei niedrigen Drehzahlen sowie für eine effizientere Verbrennung.
Erfreulicherweise setzt Kawasaki auf Abgasreinigung. Die ZX-9R verfügt über ein Sekundärluftsystem und optional über einen (leider aufpreispflichtigen) ungeregelten Kat, der angeblich keinerlei Leistungseinbußen verursacht. Die »schmutzige« Variante schmückt sich mit einem leichten Titan-Schalldämpfer.
Die neue Ninja ZX-9R präsentiert sich vielversprechend. Die bequeme Sitzposition, das drehmomentstarke Triebwerk und die begeisternde Leichtfüßigkeit machen sie zum Landstraßenräuber mit Rennambitionen. Lediglich komfortabler abgestimmt dürfte sie sein. Eine Frage bleibt allerdings noch offen: Ihr Preis steht noch nicht fest.
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